Ein Hologramm für den König

Ein Hologramm für den König





Warten in der Wüste der Wohlhabenden

Auf dem Papier klingt es ziemlich überambitioniert: Eine humoreskes Drama, das die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise und gleichzeitig die Probleme eines islamisch-autoritären Königreichs verhandelt. Das sich mit der Verlorenheit des entfremdeten Individuums auseinandersetzt und sie mit einer gefühlvollen Liebesgeschichte zu verknüpfen weiß. Wer soll so etwas erzählen? Kein anderer als Tom Tykwer natürlich. Nach den esoterischen Ausflügen mit den Wachowskis in "Cloud Atlas" und "Sense8" probiert sich der weltweit erfolgreiche deutsche Regisseur in seiner Romanadaption "Ein Hologramm für den König" an einem zeitlosen Stoff von bestechender politischer Aktualität. Für den lakonischen Realismus seiner wunderschön fotografierten Groteske findet er in Tom Hanks einen Meister.

Der König kommt nicht. Gefangen im ewigen Loop fährt der US-Geschäftsmann Alan Clay (Hanks) Tag für Tag hinaus in eine noch nicht fertiggestellte "Stadt" inmitten der Wüste Saudi-Arabiens und wartet in der tristen Baustelle, die irgendwann als Wirtschaftszentrum erblühen soll, auf seine Majestät. Doch statt des Oberhauptes des wohlhabenden Königreiches erwarten ihn jedes Mal aufs Neue seine mäßig motivierten Mitarbeiter, ein provisorisches Zelt ohne Internetanschluss und die unbarmherzige Hitze. Tom Tykwer verleiht dem Protagonisten seiner Adaption von Dave Eggers' Bestseller eine süße Schwermut des späten Scheiterns, die in der Vorlage wesentlich düsterer beschrieben wird.

Als Repräsentant der Babyboomer-Generation, die sich ihr Leben lang auf die prosperierende Sicherheit der kleinbürgerlichen Existenz im blühenden Kapitalismus verlassen konnte, traf die Finanzkrise Clay wie ein Schlag aus heiterem Himmel. Haus, Auto, Fernseher: all die materiellen Güter plötzlich nichts mehr wert; der hart erarbeitete Lebensstandard einfach verpufft - was Tykwer gar wortwörtlich in Bilder übersetzt. Es ist die traumatisierende Erfahrung hunderttausender US-Amerikaner, die mit Mitte 50 plötzlich die harte ökonomische Realität zu spüren bekommen: Abstellgleis, ausgedient. Um sich und seine kaputte Firma vor dem Bankrott zu retten, steht der völlig analoge Clay nun in der Wüste, um dem saudischen König Abdullah futuristische digitale Hologramm-Technik zu verkaufen.

Tykwer versteht es, die immanente Absurdität dieser Situation perfekt zu inszenieren: Wenn der westliche Businessman mit Aktentasche in der traditionellen Gesellschaft des Orients auf seine letzte Chance hofft, dann hat das einerseits Züge einer zeitlosen Parabel: vom entfremdeten Subjekt, das in der Fremde die Erlösung sucht. Zum anderen - und diese Mehrschichtigkeit verleiht dem wunderbar lakonischen Drama seine Faszination - beschreibt "Hologramm für den König" konkrete Herausforderungen der aktuellen politökonomischen und kulturellen Weltenlage: neben dem Abgesang auf die einst so unerschütterliche Wirtschaftsordnung, die den fragilen Einzelnen plötzlich als abgenutztes Rädchen ausspuckt, auch die ängstlich beäugte Entwicklung des Islam, mit der sich der Westen in Zeiten von Terror und Flüchtlingskrise auseinandersetzen muss.

Hauptfigur Clay nähert sich dieser rätselhaften Welt zwangsläufig - aus Langeweile: Weil der König eben nicht kommt, lässt er sich von Fahrer Yousef (Alexander Black) umherfahren und Saudi-Arabien zeigen. Er entdeckt dabei ein Land der Ambivalenzen, zwischen wirtschaftlichem Reichtum und gesellschaftlicher Rückständigkeit, zwischen herzlichen Menschen und autoritärem Staatsapparat. Dabei vermeidet Tykwer die Falle der romantischen Verklärung, spricht die Probleme der islamischen Gesellschaften - mangelnde Meinungsfreiheit, fehlende Frauenrechte, religiöser Eifer - allesamt an. Vermittelt wird diese Annäherung an die Widersprüchlichkeiten des Islam über eine sich langsam anbahnende Zuneigung zwischen Clay und seiner Ärztin vor Ort, Zahra (Sarita Choudhury), für die jene religiösen Zwänge lediglich ein enges Korsett darstellen.

In der intimen Annäherung zweier Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen einsam und der Welt entrückt erscheinen, entspannt sich nicht nur eine der am unaffektiertesten und liebevollsten erzählten Liebesgeschichten seit Ewigkeiten. Auch spiegelt sich darin die empathische Intention, die "Hologramm für den König" durchzieht: Wenn Mensch auf Mensch trifft, von Angesicht zu Angesicht, ist man sich trotz aller Fremdheit und Distanz näher, als es einem jegliche Ideologie glauben machen will. Dass es Tykwer schafft, diese naiv wirkende und dennoch so fundamentale Erkenntnis voller Witz in eine überwältigende Ästhetik von groteskem Realismus zu übersetzen, hat er nicht nur seiner gleißend schönen Bildsprache zu verdanken. Sondern auch einem unersetzlichen Tom Hanks, der es vermag, die komplexen Zusammenhänge und Emotionen bisweilen in einem einzigen Blick zu verdichten und die schwermütige Ironie hinter dem Jammertal Menschheit zu verkörpern.

Quelle: teleschau - der mediendienst