Der Schamane und die Schlange

Der Schamane und die Schlange





Das Geheimnis der Yakruna-Wurzel

Man meint immer, die Sprache des Kinos sei universell. Eine Pistole auf dem Nachttisch, ein verführerisches Lächeln - das sind Codes, die scheinbar jeder versteht. Der kolumbianische Bewerber um den letzten Auslandsoscar, "Der Schamane und die Schlange", untergräbt diese Sehgewohnheiten. Hier ist eine Yakruna-Wurzel mehr als nur eine Pflanze, und Zeit ist ein äußerst relativer Begriff. Mit Unterstützung eines Schamanen gedreht im kolumbianischen Dschungel, entfaltet sich ein Drama, das essenzielle Geschichten erzählt, aber ganz anders, als der westliche Kinogänger es gewohnt ist. Was dem Zuschauer da übrig bleibt? Vielleicht, sich einfach fallen zu lassen, einzutauchen in einen meditativen Zustand, und hin und wieder die Augen zu schließen.

Der Film setzt zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein. Der schwer kranke deutsche Forschungsreisende Theodor Koch-Grünberg (Jan Bijvoet) wird von seinem treu ergebenen Begleiter Manduca (Miguel Dionisio Ramos) irgendwo im Dickicht des Regenwaldes zu einem Eingeborenen transportiert. Karamakate (Nilbio Torres) soll eine Wurzel kennen, die Theodor heilen kann. Der stolze junge Mann verabscheut die Weißen, die in sein Land eingedrungen sind und seinen Stamm ausgelöscht haben. Als Kind konnte er fliehen, seitdem führt er das Leben eines Einsiedlers. Karamakate glaubt, dass mit seinen Leuten auch die letzte der Yakruna-Wurzeln verschwunden ist. Doch Theodor macht ihm Hoffnung: Sein Stamm, so kann er Karamakate überzeugen, hat überlebt. Gemeinsam brechen sie auf, Karamakates Volk zu suchen.

Dann ein Zeitsprung, vier Jahrzehnte später: Der Botaniker Richard Evans (Brionne Davis), wie Koch-Grünberg eine historische Person, trifft auf den gealterten Karamakate (jetzt: Antonio Bolívar Salvador). Noch immer lebt Karamakate alleine, aber er ist ein gebrochener Mann, der die Jahrhunderte alten Traditionen seines Stammes vergessen hat und daran verzweifelt. Auch Evans will die geheimnisvolle Wurzel suchen. Ihre berauschende Wirkung soll ihm helfen, wieder träumen zu können. Gemeinsam mit Karamakate folgt er den Pfaden, die einst Theodor ging.

Die Reise des jungen und des alten Karamakate ist ein hypnotisierender Trip, eingefangen in Bildern von überwältigender Schönheit. Der Urwald, das ist immer ein Wechsel von Licht und Schatten. In den schwarz-weißen Bildern von Regisseur Ciro Guerra und seinem Kameramann David Gallego verstärken sich diese Kontraste, es entsteht ein Mosaik aus hell und dunkel, in dem der Mensch eins wird mit der Natur, die ihn umschlingt. Immer wieder ist man versucht, die Augen zu schließen, um den Zauber dieser magischen Bilder ganz in sich aufzunehmen. Aber auch mit geschlossenen Augen ist der Urwald nie weit: Die Geräusche der Natur, sie verweben sich hier zusammen mit der Filmmusik zu einem rauschhaften Klangteppich.

Der Blick des Films auf die Weißen, die den südamerikanischen Kontinent einst eroberten, ist der des Karamakate: zornerfüllt und todtraurig blickt er auf sein Land. In einer grauenhaften Szene treffen Karamakate und Theodor auf einen verstümmelten Kautschuk-Sklaven, der sie anfleht, ihn zu töten. Später begegnen sie einem spanischen Missionar, der tief im Urwald Kinder um sich geschart hat, um sie zu bekehren. Jahrzehnte später haben die Kinder den Geistlichen umgebracht und ihren eigenen Messias erkoren. Der ganze Wahnsinn der südamerikanischen Geschichte wird in diesen wenigen Minuten Film deutlich, wenn die betörende Schönheit auf einmal gewaltsam aufgebrochen wird. "Apocalypse Now", im südamerikanischen Regenwald.

So ist "Der Schamane und die Schlange" nie ethno-kitschig oder romantisch-verklärend. Der Film nimmt seine eingeborenen Protagonisten ernst und stellt Karamakate ins Zentrum der Handlung. Seine Sicht der Dinge, seine Logik, ist auch die des Films. Als Zuschauer spürt man das sofort: Du verstehst gar nichts!, sagt einem dieser Film immer wieder. Und tatsächlich: Der Geschichte, die hier erzählt wird, ist manchmal nur schwer zu folgen; ein roter Faden fehlt scheinbar. Nur lose wird die Handlung durch die Figur des Karamakate und seine Sicht auf die Dinge zusammengehalten.

"Der Schamane und die Schlange" ist ein Film wie eine traumgeschwängerte Nacht, in der sich Schönheit und Schrecken abwechseln. Wenn man dann aufwacht am nächsten Morgen, erscheint vieles verschwommen, manches ganz klar, anderes wirr. Aber man weiß, dass man Großes erlebt hat. Das ist selten im Kino.

Quelle: teleschau - der mediendienst