Chevalier

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In Allem der Beste

Ruhig ist die See. Majestätisch die Felsformationen an Land. Wie aalglatte Seehunde bewegen sich eine Handvoll Männer in ihren Taucheranzügen an den Strand. Wer hat die meisten Fische gefangen? Wer die größte Brasse am Haken? Wie klein erscheint doch dieses Speerfischer-Dasein vor dem Hintergrund gewaltiger Natur. Was zu Beginn aussieht wie ein harmloser Urlaub unter Freunden auf einer Luxusyacht inmitten des Ägäischen Meeres, nimmt schon bald Fahrt auf und entwickelt sich zu einem Wettstreit der männlichen Potenz. Denn der griechische Film "Chevalier" zeigt ein Spiel, das heißt: "In Allem der Beste". Wer gewinnt, erhält als Abzeichen einen Ring am kleinen Finger.

Die sechs Passagiere treten sogleich das Spiel an: darunter der Doktor (Yorgos Kentros), ein älterer Herr mit schütterem Haar, dessen selbstgefälliger Schwiegersohn Yannis (Yorgos Pirpassopoulos), sein pummeliger Bruder Dimitris (Makis Papadimitriou), der naturverbundene Familienvater Yorgos (Panos Koronis), dessen Partner Josef Nikolaou (Vangelis Mourikis) und der eitle Christos (Sakis Rouvas). Die Yacht wird zu einem Ort permanenter Beobachtung, bewertet wird jeder vom jedem, kleine schwarze Notizblöcke für Minus- und Pluspunkte werden tags wie nachts gezückt.

Regisseurin Athina Rachel Tsangari lenkt den Blick des Betrachters ganz nah auf körperliche Bewegung und seelische Regung ihrer Protagonisten. Sie lädt ein, mit an Bord zu kommen. Das stille Meeresrauschen begleitet die in sich ruhenden Bilder. Schärfe spielt mit Unschärfe, leise atmosphärische Klänge setzen sechs Männer in Szene. Wer schläft am schönsten? Wer poliert das Silberbesteck am glanzvollsten? Wer blickt am coolsten in Richtung Sonne? Noch bewegen wir uns an der Oberfläche des Sichtbaren. Doch Schicht für Schicht führt Tsangari weiter hinab ins Verborgene hin zur verletzlichen, fehlbaren Seite dieser Menschen.

Dimitris ertappt den ehrwürdigen Doktor nachts beim Rauchen. Christos erwischt Yorgos, wie ihm die Puste beim Tauchen ausgeht. Yannis droht seinen Bruder zu verraten, der nicht alleine einschlafen mag. Die Wettstreiter werden skrupelloser und alle sehen zu: Kämpft Josef da etwa mit Erektionsstörungen? Was hat es mit Christos Fußfetisch auf sich? Und ist vielleicht nicht Yannis der Grund, warum er und seine Frau noch immer keine Kinder haben?

Jeder der sechs Darsteller überzeugt in individueller Art, wenn es darum geht, mit Exzellenz und Stärke, aber auch mit Empathie und Feinfühligkeit zu imponieren. Zeitgleich gelingt es ihnen, in einem skurril anmutendem Schauspiel den versteckten Kern einer jeden Persönlichkeit herauszulösen.

Für diese "Sezierarbeit" am menschlichen Dasein ist Tsangari bekannt. Schon in ihrem Film "Attenberg" stellte die Regisseurin 2010 ihre tiefenscharfe Beobachtungsgabe unter Beweis. Mit "Chevalier" knüpft sie nahtlos daran an, zeigt Menschliches in seiner Reinform, präsentiert Abgründe, unbeachtete Ecken und Winkel der Seelenwelt. Befindlichkeiten, von denen sich der konventionelle Blick meist abwendet.

Wer nun meint, ein rasantes Gemetzel möchte-gern-männlicher Alpha-Tiere zu sehen, irrt. Und auch der, der sich von "Chevalier" ein überbordend ernstes Psychogramm von sechs Griechen in der Midlife-Crisis erwartet. Denn der Film kommt auf leisen Sohlen daher wie das monotone Geräusch der sich brechenden Wellen; unbeschwert führt er die Absurdität des gesellschaftlichen Bildes von Männlichkeit vor Augen und fasziniert dabei durch eine Sensibilität, die sich zwar voyeuristisch und entlarvend zeigt, dabei jedoch immer geprägt ist von einer Haltung des Mitgefühls und der Zuwendung. Eine ungewohnte Originalität im Film, die Tsangari als Begründerin des Neuen griechischen Kinos auszeichnet und mittlerweile international auf Begeisterung stößt.

Quelle: teleschau - der mediendienst