Visions

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Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen

Horror in Wäldern? Ein Klassiker schlechthin. Horror in Spukhäusern? Ebenso. Horror auf hoher See, unter Tage und in der Zombie-Apokalypse - alles schon da gewesen. Wie wäre es also mal mit einer Horrorgeschichte über Schwangerschaft in den kalifornischen Weinbergen, dachten sich die Macher des US-Spuks "Visions". Vom deutschen Nischen-Serienerfolg "Weinberg" hatten sie bis dato leider noch nichts gehört. Möglicherweise hätten sie sich dann einen anderen Kontext für ihr erst am Ende aufklarendes Stück Ödnis überlegt. Im Gegensatz zum intelligenten hiesigen Reben-Thriller dienen die Weinberge in "Visions" nämlich nur als herzlich egale Hintergrunduntermalung eines auch sonst völlig beliebigen Pseudo-Schockers. Minimum zum Ertragen der ersten Stunde: eine Flasche Wein.

In den USA hat man das einzig Richtige getan: "Visions" wurde dort, wie bereits tausende B-, C- und sonstige Langweil-Movies vor ihm, ohne Kino-Umweg beim Streamingriesen Netflix veröffentlicht. Keine Werbetrommel wurde gerührt, kein großes Aufsehen betrieben. Der Horror-Thriller fristet auf der Plattform seit Monaten einfach ein zwar berechtigtes, doch auch angemessen ignoriertes Dasein als 08/15-Special-Interest. Wenn es sie denn gäbe, lautete die passende Netflix-Unterkategorie wohl: Besonders öde Weinberg-Gähner mit aussagebefreitem Schwangerschafts-Bonus.

In Deutschland entschied man sich dennoch für eine Kino-Veröffentlichung der vierten Spielfilm-Arbeit von "Saw VI"- und "Saw 3D"-Regisseur Kevin Greutert. Und die geht, ganz nach Schema F und überraschend prominent besetzt, so: Die hochschwangere Eveleigh (Isla Fisher) und ihr Mann David (Anson Mount) suchen in den abgelegenen Weinbergen Kaliforniens ein neues Leben. In der Einsamkeit des alten Weinguts, das sie neu beziehen, will sich Eveleigh von einem schweren Autounfall erholen, bei dem eine andere Frau ein Jahr zuvor ihr Baby verlor. Ihr Gatte will der werdenden Mutter und dem ungeborenen Kind ein ruhiges Nest herrichten - und hofft nebenher natürlich auf kleine Erfolge beim Weinanbau.

Gar nicht so leicht: Der Weingott meint es mit der Gegend nicht gut, und auch auf dem Anwesen des Paares geht nicht alles mit rechten Dingen zu. Vermutet zumindest die bisweilen absurd theatralisch gespielte weibliche Hauptfigur, die bald, man ahnt es, von gruseligen Visionen geplagt wird. Bettgestelle biegen sich, Kinderstimmen ertönen, Scheiben klirren, Kapuzen-Gestalten lungern vor der Tür herum. Allein: Ihr Mann hält es mit Helmut Schmidts "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen." Doch auch der Doktor (Jim Parsons) glaubt der Frau nicht - klarer Fall von Schwangerschaftsverwirrung und posttraumatischer Depression. Hier bietet die Geschichte tatsächlich ihren einzigen interessanten Ansatz: Im Bild der Frau, die gefälligst zu gebären hat und in umsorgend-patriarchalischer Manier von Männern bevormundet wird.

Doch anstatt diese gar kritisch anmutenden Gedanken weiterzuführen, ergeht sich "Visions" gewissermaßen im Gegenteil: Eveleigh lernt beim Schwangeren-Yoga eine andere Hochschwangere (unpassend besetzt: die herzliche Gillian Jacobs) kennen, die sich der esoterischen Mutterschaftsbeschwörung verschrieben hat. So wühlen sich klischeehafte Charaktere mühselig durch einen schwammig-beliebigen Plot mit halbherzigen Schockversuchen: Stühle verrücken sich! Gruselig! Eine Waffe auf dem Boden! Oh mein Gott! Klirrende Scheiben! Wie soll das nur enden?

Dass sich die zum Teil völlig unlogischen Puzzle- und Versatzstücke am zugegebenermaßen ganz cleveren Ende dann doch zu einem Gesamtbild fügen, nützt leider nicht viel: Vorher ist man eingeschlafen. Oder besser: Der Zuschauer ist von der zwischenzeitlich aus Langeweile konsumierten Flasche Wein so angetrunken, dass er den Twist eh nicht mehr versteht.

Quelle: teleschau - der mediendienst