Wild

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Eine krasse Ballade von Mensch und Tier

Viele Zuschauer, die sich eine Kinokarte für Leonardo DiCaprios Oscar-Ritt "The Revenant" kauften, empfanden den quälend langen Kampf mit dem Bären als beeindruckendste Szene des Films. Jener Bär - man ahnt, aber sieht es nicht - ist das Produkt teurer Special Effects. Auch Nicolette Krebitz' neues Drama, bei dem sie als Autorin und Regisseurin fungiert, setzte auf Szenen mit Tieren - genauer gesagt: einem Wolf. Der Unterschied dieses verblüffenden und faszinierenden Indie-Films zum gigantischen Hollywood-Produkt: Hier wurde gedreht, was tatsächlich stattfand. Ania sieht am Waldrand neben ihrer Hochhaus-Siedlung einen Wolf in der Dämmerung. Fortan lässt sie das Tier nicht mehr los. Sie sucht und betäubt es, um mit ihm fortan gemeinsam in ihrer Zweizimmer-Wohnung zu leben.

Ania, grandios gespielt vom gerade mal 27-jährigen Berliner Theaterstar Lilith Stangenberg, macht in diesem Kinoabenteuer eine unglaubliche Wandlung durch. Am Anfang wirkt sie verunsichert und isoliert. Ein Mauerblümchen mit fast schon soziophobischen Zügen. Während die anderen junge Leute in ihrer Modefirma Karriere machen und feiern, duckt sich die blasse Blondine hinter ihrem Computerbildschirm weg - wenn sie nicht gerade Kaffee kocht für ihren unkonventionellen Chef, verkörpert vom tollen österreichischen Schauspieler Georg Friedrich ("Morgen hör ich auf"). Doch dann ändert die Begegnung mit dem wilden Tier ihr Leben.

Anfangs bringt sie dem aus der Narkose erwachten Wolf noch geschützt mit Motorradhelm und langem Mantel rohes Fleisch aus dem Supermarkt in sein Zimmer. Durch ein Loch, das sie in die Wand geschlagen hat, beobachtet Ania den Wolf aus dem Nebenraum. Doch die Grenzen zwischen Mensch und Tier fallen mehr und mehr. Der zunehmend körperliche Umgang mit dem "Haustier" hinterlässt Spuren und Wunden an ihrem Körper - der immer ungepflegter, verletzter, aber auch auf seltsame Art attraktiver und wilder wirkt. Die junge Frau taucht immer seltener bei der Arbeit auf und wenn doch, erscheint sie mehr und mehr wie eine Überlegene, die durch die in ihr aufgebrochene Wildheit und Unabhängigkeit alles an kleinmütiger Zivilisation um sich herum in die Tasche steckt.

Hauptdarstellerin Lilith Stangenberg ("Die Lügen der Sieger") lebte wochenlang mit einem Wolfsrudel, um von den beiden Tieren, die im Film die Rollen des Wolfs "spielen", akzeptiert zu werden. Dies war auch bitter nötig, denn die Wölfe kommen der Schauspielerin sehr nah. Schließlich geht es um eine Liebesbeziehung, die die unglaublichsten und mutigsten Szenen auf Kamera bannte, die man zwischen Mensch und Tier vielleicht je im deutschen Kino erlebte. Es ist aber nicht die einzige Qualität dieses herausragenden Stücks. Anias Reise in die Wildheit verstört, erscheint dennoch logisch und lässt sich dabei nie weiter als bis zur nächsten Szene vorhersehen. Vielleicht noch wichtiger ist jedoch die versteckte Frage, die sich dem Betrachter stellt: Wie viel Mut hast du, in deinem Leben das radikal Sinnliche zu wagen?

"Wild" könnte, wenn die Jury offene Augen und Herzen hat, ein Kandidat für den Deutschen Filmpreis sein. Die Hauptdarstellerin kann man mit jedem weiteren ihrer - immer noch wenigen - Filme ohnehin kaum noch übersehen. Die charismatische Berlinerin wird wohl mindestens die neue Nina Hoss des deutschen Arthouse-Kinos werden. Wenn nicht mehr.

Quelle: teleschau - der mediendienst