The Lady in the Van

The Lady in the Van





God Save Mary Shepherd

"Ich wollte drei Monate in ihrer Auffahrt stehen, daraus sind dann 15 Jahre geworden", sagt die Obdachlose Mary Shepherd (Maggie Smith) zu dem Autor Alan Bennett (Alex Jennings). Die ehrwürdige Nachbarschaft vom Londoner Stadtteil Camden Town ist anfangs auch gar nicht begeistert, als die verwahrloste Dame mit ihrem Auto auftaucht, wegschicken will sie aber niemand. Schließlich nimmt sich Mister Bennett der "Lady in the Van" an und profitiert vor allem selbst von der Bekanntschaft mit der skurrilen Alten. Die zweifache Oscar-Preisträgerin Maggie Smith macht den Film, der auf einer wahren Begebenheit beruht, zu einem Fest für alle, deren Anglophilie weit über die Royals und Manchester United hinausgeht. Britischer Humor in seiner schönsten Form.

"Sie tolerieren Miss Shepherd, um sich durch ihre Anwesenheit von ihren eigenen Schuldgefühlen zu befreien", so beschreibt Alan Bennett im Film das Verhältnis der Nachbarschaft zu der schrulligen Alten. Denn im vornehmen Londoner Stadtteil Camden Town leben ein paar intellektuelle Alt-Linke, die inzwischen zu Geld gekommen sind, sich für ihren Reichtum und die herrschende soziale Ungerechtigkeit aber ein wenig schämen.

So jagen sie die neue Nachbarin auch dann nicht davon, als nach einiger Zeit der Müll sich zu türmen beginnt und ihre Geschenke von der alten Frau mit nichts anderem als purer Undankbarkeit quittiert werden. Als Miss Shepherd nicht mehr auf der Straße parken darf, bietet der alleinstehende Autor Alan Bennett ihr an, den Wagen für kurze Zeit auf seinem Grundstück abzustellen. Aus der kurzen Zeit sollen 15 Jahre werden. Als die Leute ihn fragen, warum er sich um die alte Frau kümmert, sagt er nur: "Ich bin kein Heiliger. Nur faul."

"The Lady in the Van" beruht auf der, wie der Film betont, annähernd wahren Geschichte des echten Alan Bennett. Der oscarnominierte Autor ("King George - Ein Königreich für mehr Verstand") verfasste Tagebucheinträge, in denen er seine Erlebnisse mit der Lady, die tatsächlich viele Jahre in ihrem Van vor seinem Haus wohnte, festhielt. Im Film tritt Bennett als Ich-Erzähler auf, doch wurde der Geschichte noch eine Portion Skurrilität hinzugefügt: So gibt es Alan Bennett darin gleich zweimal, als Autor, der schreibt, und als Mensch, der das Leben lebt. Alex Jennings füllt seine Doppelrolle mit sichtlich großer Freude aus.

"Sie müffelt", sagt der Sohn. "Weil sie arm ist", antwortet die Mutter wissend lächelnd. Bei all dem trockenen Humor, den "The Lady in the Van" innehat, ist das Werk keine wirkliche Komödie, sondern erzählt bittersüß vom Sein der Menschen und deren Beziehungen untereinander. Die Moral - in jeder Person steckt etwas sehr Wertvolles - ist simpel, aber liebevoll verpackt. Großen Anteil daran trägt vor allem die 81-jährige Maggie Smith, die vielen als Professor McGonagall aus "Harry Potter" bekannt ist, und zuletzt vor allem im historischen Serien-Epos "Downtown Abbey" glänzte. Die besten Worte, um Miss Shepherd zu beschreiben, bietet der Film selbst: Sie ist eine Frau mit der "Aura des Landstreicher-Adels" und wirkt wie eine "schmutzige Nobelpreisträgerin". Mühelos vereint Smith die gesamte Zwiespältigkeit der Rolle und haucht in der tragisch-schönen Geschichte einer Obdachlosen Herz ein. Die Grande Dame Englands ist in Topform.

Wenn man etwas bemängeln will, dann am ehesten die Längen besonders gegen Ende. Doch die kurze Durststrecke wird von Regisseur Nicholas Hytner spätestens durch die letzten verrückten Minuten wiedergutgemacht. Die wunderschöne klassische Musik tut ihr Übriges, um "The Lady in the Van" zu einem britischen Kleinod zu machen.

Quelle: teleschau - der mediendienst