The Jungle Book

The Jungle Book





Düsterer Dschungel, helle Freude

Von manchen Kulturgütern der Popwelt sollte man einfach die Finger lassen. "Das Dschungelbuch", Disneys 19. abendfüllender Trickfilm aus dem Jahr 1967, genießt vor allem in Deutschland einen unvergleichlichen Status als einer der besten seiner Art. Trotz längst veränderter Sehgewohnheiten zaubern gerade die Lieder immer wieder neuen Generationen ein Lächeln ins Gesicht. Dass Disney aber Spaß daran hat, seine alten Klassiker wie etwa all die Grimmschen Märchen real zu verfilmen, ist bekannt. Und nun traut man sich eben an "Das Dschungelbuch". Ewig sollte man sich mit den Bauchschmerzen aufgrund dieser Entscheidung nicht plagen: "The Jungle Book", so auch der deutsche Titel, zieht als Trick-Feuerwerk mit dezent anders gesetzten Schwerpunkten und Figurzeichnungen in seinen Bann.

Dabei ist genau das die Krux am Vorhaben einer Realverfilmung des von Disney aufbereiteten Stoffes der Rudyard-Kipling-Erzählungen: Wie gewichtet man nötige Reminiszenzen an das fast 50 Jahre alte Original und wie modern - in diesem Fall wie düster - sollte die 2016-er Version sein? Kurz: Darf Balu noch die Gemütlichkeit besingen? "Iron Man"-Regisseur Jon Favreau gibt dem Zuschauer lange das Gefühl: Nein, das passt einfach nicht mehr in unsere (Film-)Zeit - nur um dann doch zu überraschen und die kindliche Freude am Dschungelabenteuer zurückzuholen. Balu singt also, Louie auch.

Damit wären zwei der vielen Figuren schon genannt - es gibt ein Wiedersehen mit fast allen. Der Fokus liegt aber natürlich auf Mogli, dem einzigen Menschen weit und breit in dem weitgehend computergenerierten Monstrum. Man kann sich kaum vorstellen, wie der kleine Filmnovize Neel Sethi es vollbrachte, sich in den Greenscreen-Landschaften und neben den später mit CGI ersetzten Stand-ins zu behaupten. Offensichtlich mit Bravour: Der zwölfjährige New Yorker mit indischen Wurzeln springt, fällt, rutscht, hangelt und quasselt sich frech durch die heute fast unwirklich wirkende Dschungelwelt. Diese steckt nämlich so voller natürlichem Ursprung, besticht mit einer solchen Fülle und Unberührtheit, dass man sie anno 2016 kaum noch auf dieser Erde vermuten würde.

Bereits der Knirps und die Landschaft beeindrucken. Doch da wären ja auch noch die äußerst realistischen tierischen Charaktere. Der genannte Balu etwa, im englischen Original gesprochen von Bill Murray. In der deutschen Fassung grummelt Armin Rohde Mogli ins Ohr, er möge ihm doch auf der Jagd nach Honigwaben behilflich sein. Natürlich führt wieder Baghira (Ben Kingsley / Joachim Król) durch die Geschichte. Er trainiert das Findelkind, bereitet es auf das harte Leben im Dschungel vor und will schließlich dafür Sorge tragen, dass sich die Wege des Jungen nicht mit denen des despotischen Tigers Shir Khan (Idris Elba / Ben Becker) kreuzen.

In der Neuverfilmung rücken auch die Wölfe mehr in den Vordergrund als noch im Trickfilmklassiker. Die Unterschiede und offensichtlichen Hürden, denen sich Mogli stellen muss, während er mit dem eingeschworenen Rudel lebt, werden deutlicher herausgearbeitet. Während die kleinen Jungwölfe pfeilschnell und flink durch das Geäst rasen, weiß sich Mogli immer mehr mit Tricks und Kniffen zu helfen, baut sich Werkzeuge und Hilfsmittel, um sich den Alltag zu erleichtern. Dies und die bei zeitgenössischen Blockbustern beinahe natürlich gegebene Düsterheit stellen wohl die anfangs offensichtlichsten Abweichungen zum "Original" dar. Dass die verführerische Schlange Kaa nun von einer Frau gesprochen wird, entschuldigt sich mit der jeweiligen Besetzung: Von den rauchigen Stimmen von Scarlett Johansson und Jessica Schwarz lässt sich nun mal jeder einlullen.

Balu sorgt für die nötige Spritzigkeit, ohne natürlich selbst in seiner unnachahmlichen Trägheit jedwede Spritzigkeit auszustrahlen. Eine Kinoleinwand einnehmende Überraschung ist Orang-Utan King Louie (Christopher Walken / Christian Berkel). Dass das monströse Ungetier wie erwähnt zu singen beginnt, mag nicht ganz passen. Auf "Ich wär' so gern wie du" wollte man jedoch nicht verzichten. Balus "Probier's mal mit Gemütlichkeit" mutiert im Laufe des Films während der vereinzelten frohgestimmten Szenen sogar zum musikalischen Thema.

"The Jungle Book" ist actionreich und spannend. Die Bedrohung der fiesen Charaktere, vor allem durch Shir Khan, scheint allgegenwärtig. Trotzdem finden Jon Favreau und seine Mannen immer wieder auch den Witz, den es braucht, um Kinder nicht völlig zu verschrecken. Die erwartbare Episodenhaftigkeit des Films, also das Hangeln Moglis von einer bekannten Figur und Gefahr zur nächsten, mag zwar für heutige Standards etwas altbacken wirken, steigert die Vorfreude von Fans der Trickfilmvorlage aber immer weiter bis ins beinahe Unermessliche. Gerade das macht die technisch famose Neufassung zu einer überaus gelungenen, wenn nicht sogar zu einer grandiosen.

Quelle: teleschau - der mediendienst