Anna Maria Mühe

Anna Maria Mühe





Heikles deutsches Mädchen

Anna Maria Mühe (30) spielt Beate Zschäpe. Jedoch nicht wie Schauspiel-Kollegin Lisa Wagner ("Kommisarin Heller") als NSU-Terrorverdächtige auf der Anklagebank, wie es im Januar im ZDF-Dokudrama "Letzte Ausfahrt Gera" zu sehen war. Mühes Aufgabe ist noch etwas heikler. Autor Thomas Wendrich ("Ich und Kaminski") und Regisseur Christian Schwochow ("Der Turm") erzählen in "Mitten in Deutschland: NSU - Die Täter - Heute ist nicht alle Tage" (Mittwoch, 30.03., 20.15 Uhr, ARD) eine letztlich fiktive Geschichte über die Jugend der drei NSU-Terroristen in Jena. Es stellt sich die Frage: Darf man im deutschen Fernsehen die Genese einer rassistischen Mörderbande aus deren innerer Perspektive beschreiben?

teleschau: Sie spielen die Entwicklung Beate Zschäpes vom Ghettokind zur mutmaßlichen rechten Terroristin. Eine Traumrolle oder eher ein gefährliches Unterfangen?

Anna Maria Mühe: Natürlich habe ich mich gefragt, ob man das jetzt schon umsetzen darf, in einer Phase, wo der Prozess noch läuft und kein Ende in Sicht ist. Aber am Ende bin ich Schauspielerin und freue mich, wenn ich bei so einem Projekt dabei sein darf. Christian Schwochow, der Regisseur, und ich, wir drehten zusammen "Die Unsichtbare" und "Novemberkind", dadurch gab es eine starke Vertrauensbasis, was bei diesem Projekt wichtig war.

teleschau: Woher kamen die Zweifel?

Anna Maria Mühe: Ich habe mich in diesem rechtsradikalen Dasein nicht gesehen. In der Konsequenz, dieses Gedankengut so authentisch darzustellen, das so vor sich herzutragen. Ich habe schnell gemerkt, dass mich diese Rolle als Schauspielerin sehr fordert. Und das ist es ja, was ich will. Ich gehe gerne an meine Grenzen und darüber hinaus. Das konnte ich hier.

teleschau: Der Film zeigt die Entwicklung eines ostdeutschen Mädchens, das vom Mauerfall begeistert ist, hin zur Rechtsradikalen. Hatten Sie Angst, die Täter damit zu entschuldigen?

Anna Maria Mühe: Bisher ist Frau Zschäpe ja "nur" mutmaßliche Täterin. Insofern hatte ich diesbezüglich ein Stück Freiraum. Der Druck, den ich auch jetzt noch spüre, besteht darin, dass jeder eine Meinung zu dieser Frau hat. Einige empfinden sie als Mythos. Ich musste mich davon freimachen. Ich habe zunächst versucht, ein junges Mädchen zu sehen, das auf der Suche nach Halt, Anerkennung und Respekt ist. Eines, das sich in einen jungen Mann verliebt.

teleschau: Einem durchaus charismatischen Rechtsradikalen ...

Anna Maria Mühe: Ja. Stellen Sie sich vor, er wäre ein Punk gewesen. Das Leben Beate Zschäpes wäre vielleicht ganz anders verlaufen. Ich habe also erst mal mit einer jungen, sehr intensiven Liebe begonnen. Alles, was danach kommt, ist sehr schwer für mich nachzuvollziehen. Nicht jedoch der Anfang dieser Geschichte. Das war etwas, in das ich mich gut einfühlen konnte.

teleschau: Macht nicht genau das Angst? Dass es einigen Zufällen und fatalen Begegnungen geschuldet sein könnte, dass aus diesen drei jungen Leuten eine mutmaßliche Mörderbande wurde?

Anna Maria Mühe: Natürlich ist die Konsequenz, die die innere Dynamik dieses Trios scheinbar hatte, erschreckend. Trotzdem gibt es offenbar viele Leute, die ähnlich denken und die den Weg der beiden Uwes und Beate Zschäpes nachvollziehen können.

teleschau: Warum ist aus diesen dreien mutmaßlich eine Mörderbande geworden - und aus den anderen rechten Jugendlichen nicht?

Anna Maria Mühe: Diese Antwort gibt es nicht im Film - und es gibt sie auch nicht in der Realität. Frau Zschäpe sagt nach wie vor, dass sie mit den Morden nichts zu tun hatte. Ich werde mich also hüten, dazu eine Aussage zu machen.

teleschau: Erklärt der Film, wie aus rechts denkenden Jugendlichen mordbereite Menschen wurden?

Anna Maria Mühe: Ich kann nur über die Figur Beate Zschäpe in unserem Drehbuch reden. Sie hatte zu beiden Uwes eine Beziehung, und sie wollte in unserer Version beiden gefallen. Mir war wichtig, sie auf dieser Grundlage darzustellen. Es bleibt jedoch ein fiktionaler Film.

teleschau: Worin liegt, aus der Innenperspektive des Films, also Beate Zschäpes Motivation, bei all dem Wahnsinn mitzumachen?

Anna Maria Mühe: Ich denke, es war ihr Wunsch nach Familie, die sie in ihrer Kindheit nicht hatte. Das war für mich der große Antrieb. Ihre Familie waren die beiden Uwes. Eine sehr starke, in jeder Hinsicht extreme Familie. Das Leben in dieser Konstellation gab ihr Halt. In unserer Darstellung und auch ihrer Aussage zufolge konnte und wollte sie nicht loslassen, sie war abhängig davon.

teleschau: Das vermittelt so ein bisschen den Eindruck, als hätte man sich gegenseitig zu den Mordtaten "hochgeschaukelt". Steckt diese Vermutung in diesem Film drin?

Anna Maria Mühe: Nein. Der Film zeigt, dass sich drei Menschen auf ziemlich extreme Weise gegenseitig brauchten. Deshalb war es auch kein Problem, dass Beate mit beiden Uwes liiert war. Allein die Tatsache, dass dies möglich war und man trotzdem zusammenlebte, zeigt ja: Die Dynamik der drei war eine besondere.

teleschau: Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet - mit ganz viel Recherche oder vielleicht sogar mit dem Vermeiden selbiger?

Anna Maria Mühe: Nein, in diesem Fall habe ich tatsächlich alles geschaut und gelesen, was es zu dem Fall gab. Von Stefan Austs "Heimatschutz" bis hin zu sämtlichen Dokumentationen. Wir haben uns auch mit einigen Zeitzeugen getroffen. Zum Beispiel mit dem Sozialarbeiter des Jugendzentrums, in dem die drei damals viel Zeit verbrachten. Auch mit dem ehemaligen Nazi Ingo Hasselbach, der später die Aussteiger-Organisation "Exit" mit gründete. Das war natürlich eine enorme Bereicherung für uns. Es ging einfach darum, verschiedene Blickrichtungen zu sammeln und in sich aufzusaugen.

teleschau: Wenn es bei den beiden Uwes und Beate Zschäpe um eine außergewöhnliche Dynamik ging, war es auch Ziel des Films, eine solche zwischen den drei Hauptdarstellern herzustellen?

Anna Maria Mühe: Ich denke schon. Wir absolvierten zum Beispiel ein extremes Sportprogramm. Sowohl vor als auch während des Drehs ...

teleschau: Mit welcher Idee?

Anna Maria Mühe: Es führte dazu, dass man eine sehr klare Haltung, einen sehr klaren Blick hatte. Wir verzichteten auf Alkohol. Albrecht Schuch, der Uwe Mundlos spielt, und ich verzichteten außerdem komplett auf Kohlenhydrate und Zucker. Sebastian Urzendowsky, der Uwe Böhnhardt spielt, musste ein bisschen drauf schaffen. Wir drei waren sehr eingeschworen. Es gab uns während dieser Zeit sozusagen nicht einzeln.

teleschau: Hat das echte NSU-Trio ebenfalls nach diesen Regeln gelebt?

Anna Maria Mühe: Sie waren auf jeden Fall sportbegeistert. Von Beate Zschäpe gibt es Videos, die sie bei Fitnesskursen zeigen. Christian Schwochows Idee war, dass man morgens mit einem sehr klaren Kopf aufwacht. Dass man eben nicht abends nach einem langen, anstrengenden Drehtag noch einen Wein trinkt, um runterzukommen. Und dann vielleicht morgens einen Kater hat. Es ging um Festigkeit im Körper. Um eine andere Haltung, die eben auch im Kopf ankommt. Das hatte auf jeden Fall eine deutliche Wirkung auf mich.

teleschau: Haben Sie das Doku-Drama über Beate Zschäpe gesehen, das im Januar im ZDF lief?

Anna Maria Mühe: Ja, das habe ich. Ich schätze Lisa Wagner, die in diesem Film die Zschäpe spielt, als Schauspielerin sehr. Auch Joachim Król als Ermittler fand ich sehr spannend. Dennoch kann man unsere beiden Filme nicht vergleichen, da wir eine andere Beate Zschäpe erzählen. Nicht nur, weil wir eine andere Zeit und Phase in ihrem Leben beschreiben, sondern weil das eine Doku-Fiction ist und wir hingegen eine fiktionale Annäherung an diese Jugend und Entwicklung der drei mutmaßlichen NSU-Mitglieder wagen.

teleschau: Sie drehten den Film an den Originalschauplätzen in Jena. Warum?

Anna Maria Mühe: Diese Maxime galt ja für alle Filme der ARD-Trilogie zum NSU. Ich denke, es ging um die Kraft der Authentizität. Wenn man weiß, das ist jetzt wirklich an diesem Ort passiert, macht das etwas mit dir. In jenen Garagen zu drehen, wo die beiden Uwes die Bomben bastelten. In denselben Wohnblocks zu drehen, wo die damals lebten. Das löst schon ein mulmiges Gefühl aus. Auch weil einem diese Orte klarmachen, dass es noch immer viele Anhänger der NSU-Ideen dort gibt.

teleschau: Spürten Sie vor Ort eine feindselige Haltung gegenüber ihrem Filmprojekt?

Anna Maria Mühe: Wir haben ja nicht gesagt, was für einen Film wir genau drehen. Dennoch kamen auch Menschen auf mich zu, die das gecheckt hatten und die sagten: "Ey, Beate!" - ich weiß auch nicht, ob es eine Anti-Haltung war, wenn wir beispielsweise mit Deutschlandfahnen zum Dreh begrüßt wurden. Es war sicher auch Stolz darüber, da jetzt eine Plattform zu bekommen. Ich hatte auf jeden Fall die ganze Zeit einen Security-Mann bei mir. Es war ein seltsames Gefühl.

teleschau: Bei der Berliner Pressekonferenz zu den drei NSU-Filmen der ARD sind Sie von Semiya Simsek, der Tochter des ersten NSU-Opfers, gefragt worden, wie man so etwas spielen kann.

Anna Maria Mühe: Ja, und ich habe deshalb ein starkes Gefühl der Scham empfunden. Sie hat das ja, glaube ich, aus ehrlichem Interesse gefragt - und nicht als Vorwurf gemeint. Dennoch war das ein sehr emotionaler, schwieriger Moment für mich als Schauspielerin. Es zeigt einfach, das war nicht irgendein Dreh, sondern wir haben da eine Verantwortung übernommen. Schon bei dem Drehbuch war damals klar, dass ich da etwas Wertvolles in der Hand habe. Etwas Größeres als einen normalen Fernsehfilm.

Quelle: teleschau - der mediendienst