Martina Hill

Martina Hill





Viel mehr "Hohoho" als "Hahaha"

Fans von Martina Hill wissen: Zwischen Hammerfrau und Knallerfrau liegt manchmal nur ein Wimpernschlag. Die attraktive Wahl-Kölnerin wird für ihre trockenhumorigen Sketche verehrt - und für die besondere Fähigkeit, sich scheinbar ganz normale Frauenrollen anzuverwandeln, die von einem Moment auf den anderen dem Wahnsinn anheimfallen. Während noch offen ist, ob und wann es mit der Serie "Knallerfrauen" im Programm von SAT.1 weitergeht - nach Auskunft des Senders befinde man sich im Gespräch -, wird am 25. März die vierte Staffel der Kultcomedy auf DVD veröffentlicht. "So viel Action, Tiere und Kinder hat es bei uns zuvor noch nicht gegeben", prahlt die 41-Jährige, die nach wie vor zum festen Ensemble der ZDF-"heute-show" gehört, im Interview. "Ich bin von der Rheinbrücke gesprungen, habe mit Elefanten und Nashörnern gedreht, bin auf einem Pony geritten, habe meinen ersten Powerslide bei einem Autostunt hingelegt und bin jetzt sogar stolze Besitzerin eines Gabelstapler-Führerscheins."

teleschau: In der Serie können Sie sich austoben, ohne Konsequenzen zu fürchten. Wie schaffen Sie es, sich im wahren Leben auszutoben?

Martina Hill: Zum Beispiel durch ganz viel kein Sport. Ich bin eine begeisterte Nicht-Sportlerin, da kann ich mich so richtig schön austoben. Wenn ich länger als zwei Tage nicht keinen Sport gemacht habe, fehlt mir richtig was. Privat bin ich Gott sei Dank nicht ganz so durchgeknallt, wie die Frauen in meinen Sketchen.

teleschau: Ist Ihre Fähigkeit, sich scheinbar mühelos in jegliche Rolle zu verwandeln, angeboren, oder haben Sie das gelernt?

Hill: In Rollen zu schlüpfen, ist mein Beruf. Beim Schauspiel setzt man sich mit den Figuren, die man spielen will, vorher auseinander, entwickelt einen Charakter und probiert, bis es passt. Woher genau ich dann so eine durchgeknallte Rolle hole, ist mir manchmal selbst ein Rätsel. Wenn ich auf die vierte Staffel, die nun auf DVD erscheint, zurückblicke, kommt mir die Verwandlung von der herkömmlichen Klischee-Mutti in den urkomischen Medizinmann in den Sinn, der versucht, wild gestikulierend, tanzend und singend, ein krankes Kind mit "Naturmedizin" zu heilen.

teleschau: Bleiben wir bei den Muttis: Ihre Rolle als chronisch betrunkene "Biermama" ist bei den Fans sehr beliebt. Gibt es auch entzürnte Reaktionen von Müttern, die Ihnen vorwerfen, ein schlechtes Vorbild zu sein?

Hill: Die gibt es auch. Wobei es weniger der Vorwurf ist, ein schlechtes Vorbild zu sein, sondern eher die Empörung darüber, dass man so etwas darstellt, weil es das doch wirklich gibt. Das ist für mich aber kein Grund, es zu tabuisieren und in unserer Sketchwelt auszublenden. Wir überspitzen ja diese Situationen teilweise ins Absurde und zeigen dadurch eher mit dem Finger drauf, als es zu verharmlosen. Einige Sketche sind bei uns halt schwarzhumorig und lösen eher ein "Hohoho", als ein "Hahaha" beim Zuschauer aus.

teleschau: Nicht nur die Diskussionskultur, auch die Fernsehunterhaltung verlagert sich immer mehr ins Netz. Eine für Sie bedenkliche Entwicklung oder ist es Ihnen egal, in welchem Medium Sie stattfinden?

Hill: Bevor es das Fernsehen gab, haben die Leute Radio gehört, und bevor es das Radio gab, hat man Zeitung gelesen - und vor der Zeitung wurden Geschichten erzählt. Jede Zeit hat ihre Medien, und jetzt spielt das Internet nun mal eine große Rolle, was ich super finde, weil es ein so direktes und individuelles Medium ist. Der Zuschauer die Wahl hat, sich anzuschauen, was er will, wann und wo. Das finde ich toll! Und man muss nicht mehr den Videorekorder programmieren.

teleschau: Sind Sie selbst viel im Netz und in Sozialen Medien unterwegs?

Hill: Ja. Vom Sofa zu Hause aus die ganze Welt auf dem Schoss zu haben, kommt mir als Couchkartoffel oft sehr entgegen. Und ich find's super, über meine Facebookseite mit den Fans in Kontakt zu bleiben.

teleschau: Um in unterschiedlichste Rollen schlüpfen zu können, muss man wissen, wie die verschiedenen Charaktere funktionieren. Sie können sich ja nicht einfach unerkannt in ein Café setzen - wie schaffen Sie es trotzdem, Menschen zu studieren?

Hill: Wenn ich in ein Cafe gehe, dann um Kuchen zu essen und Kaffee zu trinken. Ich studiere die Menschen in meinem Umfeld nicht bewusst. Manchmal begegnen mir Leute, die mich inspirieren. Aber meistens hole ich die Figuren bei "Knallerfrauen" aus mir selbst heraus.

teleschau: Was zeichnet für Sie privat eine Knallerfrau aus?

Hill: Eine Knallerfrau ist für mich eine Frau, die sich nicht verbiegen lässt und sich den Widrigkeiten des Alltags mit der nötigen Portion Humor stellt. Eine Frau, die auch mal mutig ihren Stiefel durchzieht, selbst wenn alle anderen um sie herum das Gegenteil tun würden. Letzten Endes kommt's immer auf die Situation und die Person an. Was für den einen kein großes Ding ist, bedeutet für den anderen die Welt. Was für den einen keine Überwindung kostet, ist für den anderen vielleicht eine riesige Prüfung und Hürde. Es ist halt immer relativ. Dasselbe gilt für einen Knallermann.

teleshau: Gibt es eine weibliche Kollegin in der Fernsehbranche, die Sie als Knallerfrau bezeichnen würden?

Hill: In der Entertainment-Branche assoziiert man natürlich konkretere Attribute. Da setze ich eine Knallerfrau eher mit einer Powerfrau gleich. Barbara Schöneberger ist für mich zum Beispiel so eine Knallerfrau-Kandidatin. Authentisch, klug, lustig, hat Vollpower, Ausstrahlung, ist Mutter von zwei Kindern und in dem, was sie tut, einfach einzigartig. Knallermänner sind für mich zum Beispiel die Klitschkos.

teleschau: Sie gelten als eine der besten Schauspielerinnen im Humorfach. Ihre Stärke ist es, klassische Frauen-Klischees wie das süße Hascherl hemmungslos zu überzeichnen oder komplett über den Haufen zu werfen. Gibt es ein emanzipiertes oder gar feministisches Motiv?

Hill: Nein, der Humor steht für mich im Vordergrund. Emanzipierte oder feministische Motive hab ich da keine. Ich will unterhalten, die Leute zum Lachen bringen und selbst dabei Spaß haben. Wir spielen natürlich bewusst mit klassischen Frauen- Klischees. Diese zu brechen, darin liegt oft der Witz. Ich tue das als Frau genau so selbstverständlich, wie ich das wahrscheinlich als Mann auch tun würde.

teleschau: Wundert Sie es, dass Sie dafür gefeiert werden, in Ihren Rollen attraktiv, weiblich, sensibel, aber gleichzeitig auch laut, derbe und obszön zu sein?

Hill: Ich finde, das eine schließt das andere nicht aus. In dieser Mehrschichtigkeit liegt ja oft die Fallhöhe in den Sketchen. Ich bin da relativ uneitel. Mir macht das Spaß, mit den Extremen zu spielen.

teleschau: Sind diese Gender-Klischees nicht sowieso längst obsolet?

Hill: Sollte man meinen. Ich glaube aber, das braucht noch ein bisschen. Klischees sind hartnäckig, ähnlich wie Vorurteile.

teleschau: Apropos Klischee: Sie leben seit einiger Zeit in Köln. Können Sie bestätigen, dass an der Toleranz, der Fröhlichkeit und Gelassenheit, die man gemeinhin mit den Domstädtern verbindet, etwas dran ist?

Hill: Aber Hallo! Ich hatte die Tage ein Knöllchen am Auto, da war ein Smiley draufgemalt - da habe ich mich gefreut. Mir gefallen der Dom, der Rhein - und dass hier alles irgendwie immer nicht so ganz genau genommen wird. - Außer das mit den Knöllchen.

Quelle: teleschau - der mediendienst