AnnenMayKantereit

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Erfolgskonzept: Ehrlichkeit

Anders sein, ein bisschen eigen und vor allem: ehrlich. Das schafft Sympathiewerte. AnnenMayKantereit, die Band mit dem umständlichen Namen, beansprucht nichts weniger als größtmögliche Authentizität. Selbstbewusst ist das. Aber wer wollte sie den Kölnern absprechen? Zu märchenhaft liest sich ihre Biografie, zu stringent und kleinschrittig scheint die bisherige Karriere vorangekommen zu sein. Am 18. März erscheint das erste Album "Alles nix Konkretes" der ehemals drei, nun vier Musiker. Schlagzeuger Severin Kantereit, gibt im Gespräch denn auch keinen Anlass, die märchenhafte Geschichte von der netten Band von nebenan nicht zu glauben.

"Das ist schon so", sagt der 23-jährige Drummer. Man darf das alles gerne so romantisch sehen, wie es den Anschein hat. Dass hinter AnnenMayKantereit wirklich ursprünglich drei Jungs stehen, die einfach nur Musik zusammen machen. Keine Masche, einfach nur Talent. Sonst holt der redegewandte blonde Wuschelkopf gerne weiter aus, bleibt selten so kurz und bündig. Doch bei diesem Thema scheint es nicht viel zu deuteln zu geben. "Wir unterschrieben im August letzten Jahres beim Label, davor haben wir alles selbst gemacht." - Die Konzerthallen waren trotzdem zum Bersten voll, und nicht gerade die kleinsten.

Es begann nur mit diesen drei: Christopher Annen, Henning May und Severin Kantereit, aus deren Nachnamen sich auch der auf den ersten Blick kryptisch anmutende Bandname zusammensetzt. 2011, nach dem Abitur, ging es los. Kantereit konnte damals noch nicht wirklich Schlagzeug spielen, Annens Können an der Gitarre war auch nicht mit dem heutigen zu vergleichen. Und Mays eigenwilliger Gesang, über den man zwangsläufig stolpert? "Hennings Stimme ist für uns ein Instrument, das sich erst noch entwickeln musste", so der Schlagzeuger. "Wir spielten viel auf der Straße, da musste er eben laut sein. Und nach und nach konnten wir um ihn herum unseren Sound entwickeln."

Diese Stimme ist tasächlich ein besonderes Instrument. Rau, tief, hart, aber eben auch verletzlich. Fast denkt man an eine schwarze Stimme, geeignet für Jazz und Blues, geformt unter Whiskey- und Zigaretten-Therapie. Und dann sieht man das zugehörige blasse Jungengesicht von Herrn May, 24. Da saßen sie also, spielten zusammen erste Lieder - schon immer dezent instrumentiert, der Ehrlichkeit wegen; folkig-poppig, auch rockig - während die Kumpels aus dem Abi-Jahrgang die Welt bereisen: "Viele waren erst mal weg, wir sahen uns absolut nicht unter Druck, gleich das Studieren anzufangen." Von der Straßenmusik konnten die Jungs ihre WG-Zimmer zahlen, Kantereit etwa wohnt seit fünf Jahren mit May und zwei weiteren Schulfreunden in der Heimatstadt Köln.

Man kennt sich schon aus den Jahren vor dem Stimmbruch: "Henning und ich spielten in der Mottowoche auch mal zusammen in der Schul-Aula." Bis zum musikalischen Durchbruch war es damals aber noch etwas hin. Dass May vor AnnenMayKantereit sein Organ nie einer anderen Band zur Verfügung stellte, ist im Nachhinein betrachtet nur logisch. Alles zu seiner Zeit - so etwa könnte das Band-Credo lauten. "Nichts sollte überhastet sein. Wir wollten alle einzelnen Schritte erst verstehen, bevor wir sie weitergehen." Zwischen dem nun erscheinenden Album und den Anfangstagen liegt tatsächlich eine lange Zeit. Fünf Jahre. In fünf Jahren dreht und wendet sich viel in diesem Alter.

Liebe kommt, Liebe geht. Freundschaften müssen sich nach der Schulzeit erst beweisen. Es wird zu Hause ausgezogen, überlegt, was mit sich selbst anzufangen ist, wohin es gehen soll. Man wird in Sachen hineingeschupst, muss hier und da den Kopf aus der Schlinge ziehen. Gedanken kommen auf, was Eltern, Verwandte, Heimat einem bedeuten. All das besingen AnnenMayKantereit. Und natürlich berühren sie damit Gleichaltrige, gerade Jungs und Mädchen mit Abitur und einem plötzlichen Freiheitsgefühl; die, die plötzlich einen Fuß irgendwo in der Tür haben und auf dem anderen kaum selbst stehen können. AnnenMayKantereit besingen das Lebensgefühl einer Generation. Eine Stimme derselben will man aber natürlich nicht sein.

"Ach, der Generationsbegriff an sich, was ist das schon? Was ist eine Generation? Nur weil jemand so alt ist wie wir, unterscheidet man sich dann doch in so vielen Bereichen", wehrt sich Taktangeber Kantereit. Man überlege sich keinesfalls, was Jungs und Mädels ihres Jahrgangs bewege. Es gehe nur um sie selbst - Ehrlichkeit stehe im Vordergrund: "Wir sind Freunde, die eben viel miteinander reden und teilen. Und wenn dann dieses Gefühl da ist, man würde gerne in eine Altbauwohnung ziehen, dann machen wir halt schon mal ein Lied daraus." Ja, auch die neue Spießigkeit der sogenannten "Generation Y" findet sich wieder in den Texten auf "Alles nix Konkretes".

Oft fällt ein "Du" in Mays Vortrag, meist folgt nicht weit davon aber auch ein "Ich". Ein kumulierendes "Wir", ein beschwörendes Zusammenraffen und Verallgemeinern, da muss man dem jungen Herrn Kantereit recht geben, gibt es auf der Platte nicht. Die Unterstellung, man wolle sich als Sprachrohr aufspielen, resultiert dann wohl wirklich nur aus der Tatsache, dass man es hier mit ganz gewöhnlichen Jungs zu tun hat. Jungs, die den zwischenzeitlich aufgekommenen Gedanken, doch ein Studium anzufangen, schnell wieder verwarfen. Denn bald war das Geld, das bei der Straßenmusik im Hut zusammenkam, nicht mehr das einzige Indiz, man könnte hier etwas Tolles am Laufen haben.

Schon früh bemühten sich die drei Schulfreunde darum, online präsent zu sein. Vor ziemlich genau vier Jahren, so Kantereit, startete man mit einem YouTube-Kanal. Ihr Freund Martin filmte die Band bei ihren Auftritten auf der Straße, in kleinen Cafés oder in der Pampa. Nach und nach ging es voran. Über Facebook wurden die Clips verbreitet. Man machte sich die Möglichkeiten des Mediums zunutze. "Klar, wir schauten dann schon in den Statistiken nach, etwa: Wo kommen die Leute her?" So bemerkte man etwa: 800 von 2.000 Facebook-Likes stammen aus der Hauptstadt. "Da rief ich in Berlin 15 Kneipen an, eine sagte zu, und wir spielten dort vor 50 Leuten. Das war für uns der Wahnsinn damals", erinnert sich der junge Mann.

Über YouTube lässt sich das Voranschreiten des jungen deutschen Pop-Phänomens auch heute noch verfolgen. Wie May erst auf Englisch sang, die ersten deutschen Lieder dann weitaus mehr Klicks einbrachten. Klingt eben ehrlicher. Auf Facebook liest man von Auftritten in Wohngemeinschaften, in Kleinstclubs. Am Anfang waren es manchmal nur zehn digitale Daumen, die bei Status-Updates nach oben gingen. Kein Vergleich zu heute. Ihre millionenfach geklickten Videos wie "Oft gefragt" oder "Barfuß am Klavier" wurden innerhalb weniger Monate von Insidertipps zu Hits auf Dauerrotation im Radio. Aus Gigs vor 50 Leuten wurden volle Hallen mit Tausenden. Und viele, die AnnenMayKantereit "schon vorher" kannten, fühlen sich nun zurückgedrängt. Auch das liest man heute vereinzelt auf den sozialen Kanälen der Band.

Konfrontiert mit dem Zitat der Hamburger Punk-Rock-Band Montreal "Wer 'ne unbekannte Band hört, muss sie hassen, wenn sie Trend wird" lacht Severin Kantereit kurz auf. So sei das eben. Er kenne das Problem natürlich auch, dass man die Freude an einer "eigenen" Entdeckung schnell verliert, wenn man sie plötzlich mit Hinz und Kunz teilen muss. "Aber wenn die Musik doch gleich und die Band sich treu bleiben, dann gönnt man ihr es doch!", stellt er klar. Es ließe sich aber nicht verhindern, dass nun nach Eintritt in das gewöhnliche Pop-Business, egal wie schleichend der auch war, negative Stimmen nicht ausbleiben. "In unserem Fall sind die aber meist auf die Live-Situation bezogen. Kleinere Konzerte sind natürlich viel intimer. Aber wenn uns so viele Leute sehen wollen, muss man einen Kompromiss finden."

"AMK", das an einer Bahndammsteckdose selbstaufgenommene und nur 6.000-mal kopierte eigentliche Erstlingswerk, wechselt bei eBay aktuell für rund 250 Euro den Besitzer. Um dem entgegenzuwirken, liegen die Lieder von 2013 der Deluxe Edition von "Alles nix Konkretes" bei. Der Zuspruch für die Kölner kratzt vor dem Debüt an einem Hochpunkt, dem man ohne Label- und Booking-Unterstützung einfach nicht mehr Herr geworden wäre. Dort stellte man sich mit eigenem Konzept vor, man habe auch keinen "360-Grad-Deal" unterschrieben, erklärt Kantereit. Freund Carlo bleibt Manager, Freund Andi kümmert sich live um den Sound. Mit der stetig wachsende Live-Crew ist man auch verkumpelt. Malte Huck, ein alter Freund der Jungs, übernahm 2014 die offene Stelle am Bass. Dem großen Erfolg dürfte nichts im Wege stehen. Und doch soll es dabei bleiben: AnnenMayKantereit wollen anders sein, ein bisschen eigen und vor allem: ehrlich.

Quelle: teleschau - der mediendienst