Annette Frier

Annette Frier





Was macht dein Leben lebenswert?

Annette Frier spielt derzeit zwar TV-Hauptrollen wie am Fließband, aber so gut wie jetzt hat man die 42-jährige Kölnerin nie zuvor gesehen: Im ARD-Drama "Nur ein Handvoll Leben" (Mittwoch, 23. März, 20.15 Uhr) verkörpert sie eine späte Schwangere, deren Patchworkfamilie die schlimme Diagnose erhält, dass das Baby schwerstbehindert zu Welt kommen wird. Es bleibt nur kurze Zeit, um einen Abbruch einzuleiten. Oder eben ein Kind auf die Welt zu bringen, das vielleicht nur wenige Stunden, Tage oder Wochen am Leben sein wird. In einem der bisher besten Fernsehspiele des Jahres wird dem Zuschauer dieses Dilemma so intensiv und realistisch nahegebracht, dass man fast vergisst, nur einem Film beizuwohnen. Annette Frier, selbst Mutter siebenjähriger Zwillinge, über eine Entscheidung, die - persönlich wie ethisch betrachtet - viel komplexer ist, als sie auf den ersten Blick scheint.

teleschau: In "Nur eine Handvoll Leben" spielen Sie eine Frau, die ein behindertes, kaum überlebensfähiges Kind erwartet. Ist das eine Traumrolle oder ein eher ein Horrortrip?

Annette Frier: Ein bisschen beides. Der Stoff und das Buch sind großartig. Der Kopf sagt sofort ja dazu. Aber rein körperlich war das kein angenehmer Film. Es fällt schwer, irgendeine Art von künstlerischem Abstand dazu zu haben. Es tut einfach weh, so etwas zu spielen.

teleschau: Wo tut es weh?

Frier: Eigentlich ist es ein Schmerz, der direkt aus dem Unterleib kommt.

teleschau: Viele Leute glauben, dass heute keiner mehr ein behindertes Kind zur Welt bringen muss. Sind die Eltern solcher Kinder deshalb doppelt stigmatisiert?

Frier: Was erhebliche Gendefekte wie Trisomie 18 betrifft, könnten Sie recht haben. Die Statistik sagt auch: 95 Prozent dieser Kinder werden gar nicht erst geboren. Bei schwächeren Gendefekten geht die Zahl etwas runter, aber natürlich entscheiden sich auch da viele Menschen für einen Schwangerschaftsabbruch. Weil sie sagen: Ich bin dieser Aufgabe nicht gewachsen. Es ist schwer für mich, das zu kommentieren. Einfach, weil ich noch nicht in der Situation war. Ich kann es nur damit vergleichen, dass meine Kinder selbst zwei Frühchen waren - und ich diese Ängste daher sehr gut nachempfinden kann.

teleschau: Wie hätten Sie sich entschieden, wären Sie Ihre Figur?

Frier: Ich möchte das nicht sagen. Auch, weil ich es nicht genau weiß. Ich glaube, ich wüsste es, aber es ist wie mit allen Extremsituationen, mit denen wir im Leben konfrontiert werden: Man weiß erst hinterher, wie man reagiert. Ich kenne Frauen, die sich für einen Abbruch entschieden haben. Allein aus Respekt vor dieser Entscheidung, gehört es sich nicht, mit den Empfehlungen einer Unwissenden um sich zu werfen.

teleschau: Haben wir zu viel Angst vor Behinderung?

Frier: Ja, ich glaube schon. Früher wurden Behinderte regelrecht weggesperrt, so dass sie den Rest der Gesellschaft nicht "belästigt" haben. Das ist noch gar nicht so lange her. Die Behinderten waren uns einfach fremd. Und bekanntlich macht Fremdes vielen Leuten Angst. Durch das Prinzip der Inklusion, das sicher auch Schwierigkeiten schafft, hat sich gerade in den letzten zehn Jahren viel getan. Meine Kinder waren in einer integrativen Tagesstätte, heute sind sie an einer Schule, in deren Klassen behinderte und nicht behinderte Kinder zusammen lernen. Ich kenne viele betroffene Familien. Dies schafft noch mal eine andere Sichtweise auf das Thema.

teleschau: Hätten Sie dadurch eine andere Haltung, wenn Sie in der Situation Ihrer Filmfigur wären?

Frier: Ich würde aufgrund dieser Erfahrung wohl auf jegliche Pränatal-Diagnostik verzichten. Weil die Frage ist ja: Was tue ich, wenn bei der Untersuchung etwas Negatives oder auch nur Zweifel Säendes herauskommen würde? Es kann werdenden Eltern trotzdem immer passieren, dass sie vor diese fatale Frage gestellt werden: Abbruch oder Austragen?

teleschau: Was bei der Diskussion oft unter den Tisch fällt: Eltern, die sich für einen Abbruch entscheiden, haben oft ein Leben lang mit Schuldgefühlen zu kämpfen. Anders als diejenigen, die ein Kind mit geringer Lebenserwartung austragen ...

Frier: Ja. Wir sind eine Leistungsgesellschaft. Das beeinflusst natürlich auch unsere ethischen Entscheidungen. Umso wichtiger ist, dass wir uns mit diesen Themen beschäftigen und sie vielleicht auch in Frage stellen. Anfang März lief "Zwei Leben. Eine Hoffnung.", der Film über Organspenden, den ich für SAT.1 gemacht habe. Auch da ging es mir darum, dass wir verstehen: Das Leben hat mit Geben und Nehmen zu tun. Das Leben ist ein Geschenk. Wir sollten allein deshalb demütig sein, weil die meisten von uns hier in Deutschland an einem Sonderplatz nahe der Sonne leben. Wer der Meinung ist, dabei solle ihn keiner stören, der irrt langfristig.

teleschau: Können Sie das ein bisschen erklären?

Frier: Wenn mein Kind einen Unfall hätte, und wir bräuchten ganz dringend eine neue Leber, Niere oder etwas anderes, dann muss ich auch umgekehrt bereit sein, selber zu spenden, träte der entgegengesetzte Fall ein. Unser Leben, unsere Gesellschaft funktioniert nur in Solidarität. Es ist wie ein Passepartout, der auf sämtliche Lebenszusammenhänge passt - auch auf die Flüchtlingsdebatte: Leben ist dann lebenswert, wenn wir teilen und einander helfen. Wer anderes Leben nicht auch schätzt, es nicht gut und vorsichtig behandelt, macht am Ende sein eigenes weniger kostbar.

teleschau: Kommen wir noch mal auf "Nur eine Handvoll Leben" zurück. Ganz beiläufig erzählt der Film davon, wie Menschen trotz oder gerade wegen der Tragik des Geschehens persönlich wachsen. Für einen TV-Film eine durchaus komplexe, ungewöhnliche Botschaft

Frier: Ja, aber eine, hinter der ich absolut stehe. Ich halte Leben grundsätzlich für lebenswert, auch wenn es schwierig ist. Wir können nur profitieren, wenn wir immer wieder über den Tellerrand blicken. Auch wenn die Blicke in jenen Momenten sehr schmerzhaft sein können. Alle extremen Erfahrungen, die ich im Leben machte, haben mich im Endeffekt weiter blicken lassen als das zuvor der Fall war.

teleschau: Noch etwas fällt bei diesem Film auf. Er bildet den Alltag und den Umgang einer Familie miteinander sehr authentisch ab. Liegt das vor allem am exzellenten Drehbuch?

Frier: Auch, aber nicht nur. Das ist auch eine Regiefrage. Wir haben wir uns dafür entschieden, die sehr dramatischen Ereignisse und Szenen einfach zu "unterspielen". Wir gehen von Anfang an nicht in diese großen Emotionen hinein, sondern machen es, wie es Menschen im echten Leben in derlei Situationen tun: Sie brauchen nämlich alle Kraft für das Problem, vor dem sie stehen. Man kann sich im wörtlichen Sinne gar keinen leidenschaftlichen Ausbruch von Emotionen leisten. Weil man weiß, wenn ich mich jetzt für eine halbe Stunde komplett gehen lasse, bin ich für den Rest des Tages "ausgeknockt".

teleschau: Das heiß also, der Mensch ist viel taffer als die Figuren in einem durchschnittlichen deutschen TV-Drehbuch?

Frier: Ich glaube, man kann das so sagen. Echte Menschen in echten Krisensituationen sagen zum Beispiel: Ich muss heute noch einkaufen, meine Tochter zum Gitarrenunterricht bringen und noch wichtige Entscheidungen treffen. Deshalb brechen die Leute selten wie im Film schreiend zusammen, sondern ziehen sich vielleicht zum leisen Weinen ins Badezimmer zurück. Natürlich liegen darunter immer große Emotionen. Nur unser Umgang damit ist oft ganz anders, als es im Film inszeniert wird. Viel filigraner, diffiziler.

teleschau: Sie meinen also, man müsste grundsätzlich anders inszenieren, als es im deutschen Fernsehfilm meist der Fall ist?

Frier: Dass man immer wieder in so ein melodramatisches Inszenieren von Gefühlen abdriftet, ist ja kein deutsches Problem. Das ist einfach Film- oder Fernsehrealität, die man grundsätzlich in Frage stellen darf, finde ich. Ich weiß schon, warum ich so viel Komödie spiele. Unter anderem, weil ich es oft gar nicht nachvollziehen kann, wenn es von der ersten bis zur letzten Minute in so eine Betroffenheit geht. Da denke ich oft beim Zuschauen: Leute, das glaub ich von Anfang an nicht (lacht). Und übrigens, wer wüsste besser als ich, dass man sich nicht auch in Komödien verhauen kann! Es ist eben nicht einfach, einen guten Film zu machen.

Quelle: teleschau - der mediendienst