Heike Makatsch

Heike Makatsch





Eine seltsame Kommissarin

Heike Makatsch als Freiburger "Tatort"-Kommissarin. Jahrelang wurde über dieses Projekt getuschelt, doch der Film dazu wollte und wollte nicht kommen. Nun ist er doch da, auch wenn man nicht weiß, wie lange ihre kaum geerdete Figur Ellen Berlinger bleiben wird. Vieles ist etwas seltsam an diesem "Tatort"-Projekt. Immerhin wartete sein 44-jähriger Star mit einer doppelten Überraschung auf: Ihre tatsächliche Schwangerschaft wurde in die Geschichte des Films "Tatort: Fünf Minuten Himmel" (Ostermontag, 28.03., 20.15 Uhr, ARD) mit eingebaut. Heike Makatsch über verwirrende "Tatorte", schwierige Eltern-Kind-Beziehungen und eine Schwangerschaft, die auch "im professionellen Sinne" von Vorteil war.

teleschau: Es wurde lange getuschelt, dass der Freiburger "Tatort" mit Ihnen als Kommissarin kommen soll. Er kam aber nicht. Wo lag das Problem?

Heike Makatsch: Es gab eigentlich kein großes Problem. Nur, dass die Idee zu diesem Projekt sehr früh nach außen gedrungen ist. Das Entstehen des Ganzen wurde dann ein bisschen in der Öffentlichkeit ausgetragen. Was sich dann so las, als würde die eine oder andere Seite zögern, es überhaupt zu machen oder als gäbe es riesige Probleme. Dem war aber nicht so.

teleschau: Der Film wird als einmaliges Event verkauft. Aber alles ist auf Fortsetzung angelegt. Vor allem, wenn man Ihre Figur verstehen will, bleiben beim Zuschauer viele Fragen offen ...

Makatsch: Offensichtlich sind wir gefangen in diesem merkwürdigen Rätselspiel rund um den Freiburger "Tatort" (lacht). Nein, wir sind eigentlich schon in den Vorbereitungen für einen weiteren Fall, warten aber noch auf grünes Licht von der Finanzierungsseite. Und das Team in Freiburg beziehungsweise im Schwarzwald ist ja auch jetzt ein anderes geworden. Das ist dann natürlich ein bisschen verwirrend. Auch für mich, ehrlich gesagt. Aber: die Redaktion, Produktion und ich wollen eigentlich gerne, dass es weitere Fälle mit der Kommissarin Ellen Berlinger gibt. Es sieht auch nicht schlecht aus. Aber ich kann - wieder mal (lacht) - nichts Konkretes sagen.

teleschau: Angedacht wäre, dass Sie einen Film pro Jahr drehen?

Makatsch: Ich denke, so könnte es laufen. Dass der Freiburg-"Tatort" mit Berlinger immer so ein bisschen eventartig bleibt. Von der Machart ein bisschen spezieller und eventuell in Zukunft überregional ermittelnd, beispielsweise in Form von LKA-, BKA-Einsätzen oder Ähnlichem.

teleschau: Wie sortiert sich denn der Charakter Ellen Berlinger in die Landschaft deutscher "Tatort"-Ermittler ein?

Makatsch: Für mich als Schauspielerin ist das nicht die Frage. Ich sehe ja einen Menschen aus Fleisch und Blut hinter dem Charakter. Zumindest versuche ich, aus Ellen Berlinger einen Menschen aus Fleisch und Blut zu machen. Es wäre nicht gut, wenn ich darüber nachdenken würde, wie sie sich von anderen Ermittlern unterscheidet. Das ist eine Aufgabe fürs Marketing, nicht für mich. Schauspieler sollten keine Taktiker sein.

teleschau: Das ist nachvollziehbar. Können Sie uns etwas über den Charakter dieser zumindest in der ersten Folge recht distanziert bleibenden Ermittlerin sagen?

Makatsch: Es könnte sein, dass sie ein Bindungsproblem hat. Diese Idee war relativ schnell auf dem Tisch, als die Figur entwickelt wurde. Damit konnte ich auch etwas anfangen. Weil ich es immer spannend finde, wenn Menschen in einem Lebensbereich hervorragend funktionieren, dort selbstbewusst und effizient scheinen, aber in anderen Zusammenhängen fast tragisch scheitern. Solche Figuren rühren mich total, weil ich glaube, dass wir das alle haben: eine Achillesferse, einen wunden Punkt, wegen dem wir plötzlich straucheln und scheitern. Und das ist bei Ellen Berlinger eben diese familiäre Bindung.

teleschau: Sie spielen eine Kommissarin, die nach Jahren im Ausland in Ihre Heimatstadt zurückkehrt. Dort hat sie eine halbwüchsige Tochter, zu der offensichtlich nie Kontakt bestand ...

Makatsch: Genau, die Tochter wird von der Mutter meiner Figur aufgezogen. Man fragt sich natürlich: Warum ist das so? Und: Wo sind die Väter der Kinder? Denn meine Figur ist ja auch noch schwanger. Ich kenne natürlich die Antworten, denn in meinem Kopf ist Ellen Berlinger natürlich schon viel weiter erzählt. Ich habe diesen Charakter auch gemeinsam mit dem Autor Thomas Wendrich entwickelt, aber es bleibt natürlich bei ihm, das erzählerisch umzusetzen. Dass er den Hintergrund Ellen Berlingers nur so schemenhaft andeuten würde, davon war ich auch überrascht. Dass sie jedoch als Typ weiblicher, einsamer Wolf eingeführt werden soll, war schon Teil des Konzepts. Womit wir dann vielleicht doch beim Marketing wären (lacht).

teleschau: In Ihrem Debüt geht es um arme Leute, die aus einem innerstädtischen Haus gedrängt werden sollen. Ein "Tatort" zum Thema Gentrifizierung also?

Makatsch: Freiburg ist auf den ersten Blick eine unglaublich schöne und harmonisch wirkende Stadt. Als unser Autor vor Ort nach Schattenseiten dieses Idylls recherchierte, ist ihm ein Problem schon bald aufgefallen: Dass die attraktiven Orte nämlich immer mehr für eine wohlhabende Bio-Elite reserviert zu sein scheinen. Wir kennen das von anderen attraktiven Vierteln hipper Großstädte. Unsere Erzählung verknüpft nun diese Art von Vertreibung aufgrund prekärer finanzieller Situation mit der fehlenden Zukunft, die sich dann auch schon auf die nächste Generation der Vertriebenen überträgt.

teleschau: Im Film sieht man Jugendliche, die grundtraurig wirken. Die nach Grenzerfahrungen suchen ...

Makatsch: Ja, da geht es darum, sich zu spüren. Vielleicht auch um Todessehnsüchte. Wir erzählen von Kids, die spüren, dass ihre Eltern in der Gesellschaft keinen richtigen Platz mehr finden. Und das ist natürlich zutiefst verunsichernd.

teleschau: Also ein "Tatort", der die Auswirkungen psychisch deformierter Eltern auf Ihre Kinder untersucht? Immerhin werden im Film gleich drei oder vier solcher gestörter Eltern-Kind-Beziehungen erzählt.

Makatsch: Ja, das kann man so sagen.

teleschau: Wie kann man es vermeiden, dass sich die eigenen wunden Punkte oder Achillesfersen, wie Sie es eben genannt, auf die Kinder übertragen?

Makatsch: Man kann nicht immer sagen, was passiert. Vielleicht imitieren die Kinder unser Verhalten. Vielleicht machen sie bewusst das Gegenteil. Vielleicht suchen sie sich irgendwas dazwischen aus. Ich denke nur, dass alles, was wir als Eltern unseren Kindern vorleben, ob bewusst oder unbewusst, sich stark prägend auf sie auswirkt.

teleschau: Heißt das auch, wir sollten offen mit unseren Achillesfersen umgehen, damit die Kinder eine bessere Chance haben, diese nicht zu übernehmen?

Makatsch: Ja, das wäre keine schlechte Idee. Es gibt ja Möglichkeiten, sich helfen zu lassen, wenn man merkt, dass man mit manchen Dingen im Leben nicht klarkommt. Ich denke, es könnte einem Menschen gut tun, eine Therapie zu machen, wenn er mit bestimmten Dingen größere Probleme hat. Ein besseres Bewusstsein für sich selbst und das eigene Verhalten schützt sicher auch davor, diesen Ballast auf die Kinder zu übertragen.

teleschau: Ihre Kommissarin ist schwanger in diesem "Tatort"-Debüt. Stimmt es, dass diese Schwangerschaft nachträglich in das Drehbuch eingebaut wurde, nachdem Sie selbst schwanger waren?

Makatsch: Ja, aber das war für die Geschichte von Vorteil. Eigentlich war diese Schwangerschaft wie ein Mosaikstein in der Geschichte, der uns noch fehlte. Weil man fragt sich ja: Warum kommt diese Frau plötzlich zurück, nach all den Jahren? Was sucht sie da jetzt in Freiburg? Natürlich könnte man vermuten, dass sie die Aussöhnung mit ihrer Mutter und der fast erwachsenen Tochter sucht. Aber die Tatsache, dass da jetzt noch ein neues Leben in ihrem Bauch entsteht, lässt sie natürlich noch mal ganz anders über Zukunft und Verantwortung nachdenken. Und das macht die Rückkehr an diesem Punkt auch viel verständlicher.

Quelle: teleschau - der mediendienst