Ken Duken

Ken Duken





Der Turnschuh-Maniac

Ken Duken ist einer der wenigen deutschen Schauspieler, denen man Heldenrollen in großen Event-Filmen abnimmt, ohne dass man sich fremdzuschämen braucht. Wohl aus diesem Grunde wird der 36-jährige Beau mit Tiefgang für Stoffe besetzt, die so ein bisschen nach Hollywood riechen. Wie zum Beispiel die Lebensgeschichte des deutschen Turnschuherfinders Adi Dassler. Er und sein zwei Jahre älterer Bruder Rudi (Thorben Liebrecht) hatten Mitte der 20-er im fränkischen Herzogenaurach die verrückte Idee, Schuhe herzustellen, die nur zum Sport getragen werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg trennten sich die Dassler-Brüder im Streit und führten ihre neuen Firmen Adidas und Puma jeweils zu Weltruhm. Nun wurde ihr Leben für RTL verfilmt. "Duell der Brüder - Die Geschichte von Adidas und Puma" ist am Karfreitag, 25. Februar, 20.15 Uhr, zu sehen. Übrigens: Im Herbst nimmt auch ein ARD-Zweiteiler den deutschen Turnschuh-Mythos unter die Lupe.

teleschau: Die Geschichte der Dassler-Brüder schreit geradezu nach einer Verfilmung. Warum hat es so lange gedauert, bis dieser Film kam?

Ken Duken: Das kann ich nicht sagen. Umso interessanter ist, dass in diesem Jahr gleich zwei Filme kommen. Die ARD hat ja noch einen Zweiteiler gedreht. Aber der Film hat, so weit ich weiß, einen komplett anderen Ansatz. Ich habe kein Problem damit. Es ist ein ganz großer Stoff, über den man ein Dutzend Filme drehen könnte.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Duken: Die Geschichte klingt wie ein Märchen, gleichzeitig ist es aber auch ein komplexes Drama. Wo gibt es das denn noch mal, dass zwei Weltunternehmen aus dem gleichen Dorf kommen? Gegründet von zwei Brüdern, die sich überwerfen, mit denen man durch ein halbes Jahrhundert geht? Zumal es ein bisschen wie bei Tschechow ist: Nicht einer hat recht, sondern alle. Es gibt keine einfache Moral in dem Stück.

teleschau: Worin liegt das Drama der Dassler-Brüder?

Duken: Es liegt darin, die sie sich schon irgendwie geliebt haben. Aber sie standen sich selbst so im Weg, dass sie ihr Leben nur in diesem Streit, diesem Zerwürfnis leben konnten. Daraus entstand aber auch eine Energie, die zwei gigantische Wirtschaftsunternehmen schuf.

teleschau: Der Film endet kurz nach dem "Wunder von Bern", dem deutschen Sieg bei der Fußball-WM 1954. Die Dassler-Brüder lebten danach noch 20 beziehungsweise 24 Jahre weiter. Blieb ihre Beziehung zerrüttet?

Duken: Darüber gibt es widersprüchliche Angaben. Die einen sagen, Rudi habe auf dem Sterbebett nach Adi verlangt, aber der sei nicht gekommen. Andere sagen, die beiden hätten sich jedes Jahr mindestens einmal heimlich getroffen. Auch dass sie sich immer noch sehr geschätzt hätten. Das Verhältnis der Dassler-Brüder ist ein Mythos für sich. Was sicher ist: Die beiden haben immer sehr respektvoll übereinander gesprochen.

teleschau: Sie spielen Adi Dassler. Was machte ihn aus?

Duken: Ich war überrascht davon, wie sportbesessen er war. Dieser Mann war ein Tier. Er betrieb alle möglichen Disziplinen und versuchte sich da so akribisch reinzufuchsen, wie er dann eben auch an seinen Schuhen feilte. Adi Dassler baute sich sogar eine Skisprungschanze im eigenen Garten! Er war Sportler durch und durch. Dadurch kam diese Manie für den Schuh. Natürlich hatte der ganze Mann etwas Manisches. Er ist sicher auch leicht autistisch unterwegs gewesen.

teleschau: Vor einigen Jahren spielten Sie schon mal einen Gründungsvater der deutschen Industriegeschichte: Carl Benz. Auch den zeigte man als besessenen Tüftler an seinen Motoren. Haben Benz und Dassler ein ähnliches Psychogramm?

Duken: Besessene Tüftler waren sie beide. Carl Benz hatte aber auch diesen starken Antrieb, sich und seine Familie durchzubringen. Benz' Erfindung, ein Wagen, der von selbst, ohne Pferdeantrieb fährt, war schlichtweg eine Revolution für die Menschheit. Bei Adi Dassler war es ganz anders. Der musste erst mal alle überzeugen, dass man einen extra Schuh für den Sport überhaupt braucht. Er hatte eine damals ziemlich abwegige Geschäftsidee.

teleschau: Aber ihr Antrieb war ein ähnlicher?

Duken: Dassler trieb die Idee an, dass die besten Athleten der Welt auch das bestmögliche Material zur Verfügung haben sollten, um das Optimale herauszuholen. Dassler nahm seinen Antrieb aus der eigenen sportlichen Besessenheit. Ich würde sagen, Benz war dagegen ein ehrgeiziger Weltverbesserer, Familienmensch und Fortschrittsgläubiger.

teleschau: Aber gehört das Manische dazu, wenn man etwas Herausragendes leisten will?

Duken: Ja, ich glaube schon. Man muss das, was man macht, außergewöhnlich lieben, wenn man darin außergewöhnlich gut werden will. Wenn man sehr viel Liebe aufbringt, wird man auch Erfolg haben. Ich glaube ohnehin, dass Erfolg kein Ziel an sich ist, sondern dass er eher der Nebeneffekt einer Vision ist. Als Schauspieler ist das sehr ähnlich.

teleschau: Das müssen Sie erklären!

Duken: Es ist im Prinzip egal, auf welcher Bühne oder vor wie vielen Leuten ich spiele. Die Aufführung im Kindergarten ist mir genauso wichtig wie eine Hauptrolle vor einem Millionenpublikum. Es geht mir nicht darum, ob und wer mir fürs Spielen auf die Schulter klopft. Das Entscheidende ist, wie zufrieden ich selbst mit der Leistung bin. Insofern kann ich Adi Dassler ein gutes Stück weit verstehen.

teleschau: Im Film ist Adi der Tüftler und Rudi das Verkaufstalent. Trifft das die Realität?

Duken: Grundsätzlich ja, wobei die Meinungen über Adi mehr auseinandergehen als bei Rudi. Bei Rudi sind sich die Zeitzeugen relativ einig. Er war charmant, aber auch aufbrausend und verkaufsorientiert. Ein extrovertierter Mensch, der auch cholerisch sein konnte. Adi hingegen war in seine Produkte verliebt. Zu ihnen hatte er eine innige Beziehung, so wie zu einem Menschen. Er konnte sich in seinen Schuhen verlieren. Ich finde: Der Tüftler und das Verkaufstalent - das wäre eine zu einfach Zusammenfassung dessen, worum es in unserem Film geht. Die Charaktere der Brüder und ihr Verhältnis zueinander werden schon sehr komplex dargestellt. Sicherlich viel komplexer, als man es von so einem Film für ein großes Publikum vielleicht erwarten würde.

teleschau: Recht komplex ist auch die Annäherung des Films an die Nazi-Zeit. Die Dasslers haben vom System profitiert, aber auch darunter gelitten. Manchmal suchten sie dessen Nähe, manchmal distanzierten sie sich ...

Duken: So weit ich weiß, ist der Forschungsstand dazu ähnlich kompliziert, diffus und umstritten, wie wir es im Film zeigen. Man kann kaum etwas wirklich belegen. Natürlich haben die Dasslers, die mit ihren Sportschuhen in der Weimarer Republik nach oben gekommen sind, sich mit den Nazis arrangiert. Andererseits ist der Afroamerikaner Jesse Owens 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin in Dassler-Schuhen gelaufen. Und zwar deshalb, weil sie Owens diese Schuhe gaben. Es war ein Akt, der den Nazis nicht gefiel. Die Dasslers hatten sich dadurch in Gefahr gebracht. Die Machthaber waren danach nicht mehr gut auf ihre Firma zu sprechen. Andererseits rettete genau dieses Engagement die Firma nach dem Krieg, als die amerikanischen Besatzer nach Herzogenaurach kamen.

teleschau: Spielt es für Sie eine Rolle, dass das Dassler-Biopic für RTL entstanden ist? Muss man sich da mit einer anderen Art Filmästhetik arrangieren?

Duken: Das Ziel ist immer, einen starken Film zu machen und damit die Leute gut zu unterhalten. Egal, für wen man arbeitet. Ich selbst habe nun in 20 Jahren das erste Mal für RTL gearbeitet und muss sagen, es war eine sehr gute Zusammenarbeit. Der Sender will im Fiktionalen eine neue Qualität abliefern. Das sieht man an diesem Film oder anderen Projekten wie "Deutschland 83". Man spürt das auch in den Gesprächen mit den Verantwortlichen. Anders wäre ein so komplexes Psychogramm ja auch gar nicht möglich. Ein vordergründiger, die große Keule schwingender Film über das Verhältnis zweier Brüder wäre ziemlich Stuss, oder? Wir sind jetzt gespannt, ob sich das Publikum auf einen solchen Film, der das Schauspiel in den Mittelpunkt stellt, einlässt.

Quelle: teleschau - der mediendienst