Tanja Bauer

Tanja Bauer





Auf der Suche nach dem dreckigen Biest

Tanja Bauer hat Benzin quasi als Baby schon in die Adern gespritzt bekommen. Die 46-jährige Wienerin erzählt: "Der Vater ist selbst Klubsport-Rennen gefahren!" Die Tochter indes ist längst beim ganz großen und globalen Rennsport-Business angekommen. Seit 15 Jahren begleitet Bauer für Sky die Formel 1. "Aufgewachsen" mit der "Generation Schumacher" vermisse sie diese Zeiten etwas, sagt die humorvolle Österreicherin. Die neue ("Smartphone")-Generation hätte aber auch etwas, meint sie. Im australischen Melbourne beginnt am Sonntag, 20. März, 6 Uhr mitteleuropäischer Zeit, die neue Saison. Und Tanja Bauer ist dann wieder mittendrin. "Mit einer Gänsehaut", wie sie sagt. Die bekomme sie immer wieder aufs Neue seit mehr als einem Jahrzehnt.

teleschau: Frau Bauer, ist die Formel 1 womöglich langweiliger geworden?

Tanja Bauer: Nein, langweilig ist sie nie! Wenn man ein großer Lewis-Hamilton- und Mercedes-Fan ist, dann kann es kaum Besseres geben. In England beispielsweise steigen die Quoten, die Zuschauer sind begeistert. Silverstone ist ausverkauft. Dort könnte der Grand Prix von Großbritannien dreimal gefüllt werden. Hamilton ist auf der Insel irrsinnig beliebt und ein großes Zugpferd.

teleschau: Die Formel 1 fährt aber nicht nur in England. Also?

Bauer: Die Rennserie ist nicht etwa langweilig geworden, sie ist komplexer geworden.

teleschau: Wegen der vielen Regeländerungen?

Bauer: Wegen der Technik! Die Fahrer müssen zu viele Knöpfe drücken. Sie überlegen, an welchem muss ich wie und wann drehen, damit das Auto läuft. Dadurch macht ihnen das Fahren weniger Spaß. Und das merkt auch der Zuschauer.

teleschau: In der kommenden Saison soll es ja wenigstens wieder lauter werden.

Bauer: So heißt es. Ich bin gespannt.

teleschau: Sie sagen, die Technik in der Formel 1 hat sich verändert. Hat sich auch der Typus des Rennfahrers verändert?

Bauer: Piloten wie Max Verstappen oder Carlos Sainz junior sind erst 18 und 21 Jahre alt. Sie bringen einen anderen Lebensstil in die Formel 1. Nicht der Fahrer an sich hat sich verändert, sondern eine Generation.

teleschau: Ist die denn wenigstens cool?

Bauer: Ja, ich finde schon. Vor allem ist sie erfrischend jung. Verstappen beispielsweise: Zu ihm kann ich gehen und fragen, ob er denn Aufnahmen mit seinem Handy machen würde. Nur kurze Zeit später habe ich erstklassige Aufnahmen, wenn mir etwas für meinen Bericht fehlen würde. Die ältere Generation war da ganz anders.

teleschau: Das bedeutet?

Bauer: Das ist der große Unterschied im Vergleich: Dieser pure Motorsport, dieses Biest, die energiegeladene Gänsehaut, auch dieses Dreckige, das ist etwas verloren gegangen.

teleschau: Fehlt den Zuschauern nicht genau dieses Dreckige?

Bauer: Es ist eine Zeiterscheinung, dass im Zuge der Elektroautos und der Smartphones vieles cleaner wird. Und scheinbar auch einfacher. Der Fahrer drückt also nur auf den Knopf, und schon bekommt er ein Überholmanöver. Diese ganze Technik wurde eingebaut, weil man die Serie attraktiver machen wollte. Jetzt ist die Frage: Müssen die Anhänger der Generation Schumacher sich daran gewöhnen, oder ging es womöglich in die falsche Richtung?

teleschau: Ihre Meinung?

Bauer: Der Typ "klassischer Rennfahrer" ist auf dem Rückzug. Dafür aber entsteht eine neue, sehr professionelle Generation. Nicht besser, nicht schlechter, aber anders. Das aber liegt mehr an den äußeren Umständen und am Druck der Zeit.

teleschau: Inwiefern?

Bauer: Wenn Keke Rosberg beispielsweise, der auch zwei Jahre Experte bei Sky war, oder früher Niki Lauda aus dem Auto gestiegen sind, waren vielleicht fünf Journalisten um sie herum. Womöglich ist ein Sponsor dabei gestanden und hat sofort ein Bier gereicht. Heute dagegen muss jeder aufpassen, was er sagt. Nun bin ich wieder bei den Smartphones. Die haben nicht nur Vorteile. Alles ist sofort im Internet. So hat auch schon ausgerechnet Kekes Sohn, der Nico, seine schlechten Erfahrungen gemacht. Kennen sie die Geschichte mit der Damenbinde?

teleschau: Nein.

Bauer: Bei den irren Temperaturen in Malaysia in der vergangenen Saison hatte er verraten, er klebe sich eine Damenbinde in den Helm, damit er nicht so schwitze - die würde alles aufsaugen. Er sagte das ganz offen, fast ein bisschen stolz war er auf seine Erfindung. Und was wurde daraus? Eine Riesengeschichte! Nico wurde fast schon als Weichei dargestellt. Dass er daraufhin den Rückzug angetreten ist und gesagt hat, jetzt erzähle er nichts mehr, ist nachvollziehbar. War es früher cool, wenn die Fahrer aus dem Nähkästchen geplaudert haben, wird heute vieles irrsinnig bewertet.

teleschau: Wollen vielleicht auch die Teams den möglichst braven Fahrer?

Bauer: Das kommt immer auf die Teamführung an. Niki Lauda zu Beispiel: Seit er bei Mercedes ist, gibt er den Fahrern freie Hand. Sie können sagen, was sie wollen, und er steht immer noch hinter ihnen. Andere dagegen, auch wegen der Interessen der Sponsoren, möchten lieber einen Fahrer, der immer nett ist, gut aussieht und vielleicht auch noch ein Sakko trägt.

teleschau: Hat dieser Wandel auch Ihre Arbeit als Reporterin erschwert?

Bauer: Es ist ein Unterschied, ob ich etwas alleine machen kann, oder ob alle dabei sind. Gerade nach einem Rennen haben es die Fahrer nicht leicht. Sie werden von einer Ländergruppe zur nächsten gereicht und müssen die immer gleichen Fragen beantworten.

teleschau: Haben Sie als Frau im Männersport Formel 1 einen schwereren Stand als ihre männlichen Kollegen?

Bauer: Es ist gerade beim Sport, wohl auch beim Fußball, grundsätzlich so: Wenn dich die Athleten, Spieler oder eben Fahrer nicht akzeptieren oder mögen, bleibt man nicht lange dabei. Als Frau jedoch, da an den Rennstrecken vor allem männliche Kollegen arbeiten, habe ich in gewissen Phasen schon einen Vorteil.

teleschau: Und der wäre?

Bauer: Männer verhalten sich einer Frau gegenüber nun einmal höflicher. Das macht sich das Fernsehen auch zunutze. So hat sich der Anteil der Frauen auch in einem Männersport wie der Formel 1 gewandelt. Waren früher kaum Frauen ganz vorne, ist das Verhältnis nun etwa 30 zu 70. Bei Sky Italia, Sky UK und bei uns beispielsweise sind Frauen in der ersten Reihe. Eines darf aber nicht passieren: Man darf sich nicht die Blöße geben, über etwas zu reden, von dem man keine Ahnung an!

teleschau: Ist Ihnen schon einmal ein dramatischer Fehler passiert?

Bauer: Vor Fehlern, gerade bei langen Live-Strecken, wie wir sie bei Sky haben, ist niemand gefeit. Auch ich habe sicher schon Blödsinn erzählt. Allerdings behaupte ich auch nicht, dass ich einen Motor auseinander nehmen und wieder zusammensetzen könnte. Meine Aufgabe ist es, zu fragen und einen komplizierten Sachverhalt den Zuschauern möglichst klar darzustellen.

teleschau: Sie sind seit 15 Jahren bei der Formel 1 dabei. Wie lange wollen Sie noch mit dem Rennzirkus um den Erdball reisen?

Bauer: Ich mache das noch immer gerne, weil es so wahnsinnig viel Spaß macht. Und das wird sicher so bleiben, weil ich den Sport einfach liebe. Jetzt, nach dreimonatiger Pause, wenn in Melbourne die Motoren erstmals wieder aufheulen, dann bekomme ich immer noch eine Gänsehaut!

Quelle: teleschau - der mediendienst