Ruby O. Fee

Ruby O. Fee





Das Raketenmädchen

Ruby O. Fee war elf, als sie nach Deutschland kam. Es ist das Heimatland ihrer Mutter. Der Vater stammt aus England, aufgewachsen ist sie im brasilianischen Bundesstaat Bahia. Irgendwo auf dem Land. Acht Jahre brauchte Ruby O. Fee, um das deutsche Fernsehen zu erobern. Mit 19 spielte sie nun ihre erste große Hauptrolle im dreistündigen ARD-Historiendrama "Das Geheimnis der Hebamme" (Karfreitag, 25.03., 20.15 Uhr, ARD). Normal ist das nicht, denn für die meisten Zuschauer dürfte das dreisprachig aufgewachsene Mädchen ist immer noch ein neues Gesicht sein. Auch wenn sie schon zwei jugendliche Femme-fatale-Versionen in Deutschlands erfolgreichstem Krimiformat mimte und dabei ziemlich gut war.

Zuletzt konnte man Ruby O. Fee in einem "Bonnie und Clyde"-Verschnitt sehen: Der Kölner "Tatort: Kartenhaus" wurde auch dank ihrem Auftritt abgefeiert. Das Netz hält Zusammenschnitte ihrer jungen Karriere bereit, in denen kann man das erstaunlich schnelle Erwachsenwerden von Ruby O. Fee bestaunen: Von "Löwenzahn" über "Bibi & Tina" zu Andreas Dresens Jugenddrama "Als wir träumten". Im deutschen Berlinale-Beitrag 2015 spielte sie das Mädchen in einer Jungsclique. Die coole Schöne, die jeder haben will. So ähnlich ist es auch im wahren Leben. Ruby O. Fee und ihre amerikanische Managerin und Schauspiellehrerin konnten sich vor Angeboten zuletzt kaum retten. Wobei man sich das alles kaum vorstellen kann, wenn man einer sehr unsicher wirkenden 20-Jährigen gegenübersitzt.

Es ist ein Gespräch zu dritt. Neben Ruby O. Fee, dem scheuen Postergirl des ARD-Mittelalter-Epos "Das Geheimnis der Hebamme", sitzt noch Karen Cifarelli mit am Tisch eines Hamburger Nobelhotels. Cifarelli, selbst ausgebildete Schauspielerin und früher mal für Francis Ford Coppolas Produktionsfirma American Zoetrope als Casterin tätig, betreibt in Berlin mittlerweile eine Künstleragentur, die sich auf englischsprachige Schauspieler auf dem deutschen Markt spezialisiert hat. Cifarelli passt nicht nur gut in diesen Hotel-Konferenzraum, weil sie mit ihren streng zurückgebundenen Haaren und aufmerksam toughen Blick ein bisschen wie der Prototyp einer amerikanischen Geschäftsfrau wirkt, sondern weil sie ihr junges Gegenüber, das mit seinen Blicken am liebsten zwischen Boden und Tischkante pendelt, seit Kindheitstagen kennt.

Ruby habe sie zum ersten Mal auf einem Bild gesehen, da war sie elf, beginnt Cifarelli ihre Zusammenfassung der letzten acht Jahre. Danach habe sie gewusst, dass sie dieses Mädchen treffen müsse. Ruby O. Fee stammt nicht aus einer Schauspielerfamilie. Ihre Eltern seien viel gereist, man stellt sich das so ein bisschen aussteigermäßig vor. Geboren ist Ruby 1996 in Costa Rica, später lebte man dann in Brasilien auf dem Land, wo ihre Mutter "Klamotten produzierte". Noch bevor Ruby nach Berlin zog, wurde sie in der brasilianischen Heimat auf der Straße angesprochen, ob sie Modefotos machen wolle. Es war das erste Mal, dass sie als Kind vor der Kamera stand. "Das fand ich so spannend, dass ich, als wir in Berlin waren, meine Mutter zwei Jahre nervte, bis ich zu einer Schauspielagentur gehen durfte."

Danach ging alles ziemlich schnell. Ruby machte Kinderfernsehen, spielte als "native speaker" aber auch englische Rollen wie die junge Version von Eva Green im britischen Arthouse-Science Fiction-Drama "Womb". Mit dem körperlichen Heranreifen folgten "Früchtchen"-Rollen in Kinder- und Teeniefilmen, auch im Stuttgarter "Tatort: Happy Birthday, Sarah" war sie als Lolita-Figur zu sehen. Und nun? Spielt Ruby O. Fee ihre erste Erwachsenenrolle. Für "Das Geheimnis der Hebamme" hätte man nicht zwangsläufig eine so junge Hauptdarstellerin besetzen müssen.

Doch was macht die Klasse dieses Mädchens aus? "Sie hat einen instinktiven Zugang zur emotionalen schauspielerischen Arbeit", sagt Karen Cifarelli. "So etwas kann man nicht antrainieren. Das ist eine Neugier oder Form der Selbstsicherheit, die einen in etwas Neues eintauchen lässt. Man kann sich so etwas ebenso wenig aneignen, wie man trainieren kann, mutig zu sein."

Ruby O. Fee scheint eines jener seltsamen Wesen zu sein, das vor der Kamera eine Persönlichkeitstransformation erlebt. Als Vamp oder Abenteuermädchen kann man sich diese scheue junge Frau am Hamburger Hoteltisch nämlich gar nicht vorstellen. Doch vielleicht liegt in ihrer offenkundigen Verlegenheit ja genau jene Sensibilität, die sie so wandelbar, aber auch so verletzlich vor der Kamera erscheinen lassen.

Mittlerweile konzentriert sich die Berlinerin mit brasilianischer Vergangenheit voll auf ihre Schauspielkarriere. Dafür verließ sie nach der zehnten Klasse die Schule. Auch die Werbespots, in denen man das attraktive Teenie-Mädchen für diverse namhafte Produkte agieren sieht, gehören der Vergangenheit an. Man kann sie zwar noch auf Ruby O. Fee-Zusammenschnitten im Internet finden, aber mittlerweile hat die 20-Jährige andere Chancen als derlei Model-Auftritte. "Nach der Schule habe ich nur noch Filme gemacht. Bis jetzt hatte ich großes Glück, dass das so gut geklappt hat", sagt sie.

Dass diese Karriere fast schon eine raketenhafte Geschwindigkeit angenommen habe, dem widerspricht Managerin Cifarelli dennoch vehement. Man habe kontinuierliche hart gearbeitet, alles sei Schritt für Schritt gekommen, nichts sei über Nacht passiert. Fast hat man den Eindruck, einem Mitglied des amerikanischen Olympia-Teams und seiner Trainerin gegenüber zu sitzen, denn von Glück und der Fügung, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort die richtigen Leute getroffen zu haben - Umstände, die sonst gerne zur Selbsterklärung schauspielerischer Karrieren herangezogen werden - ist hier keine Rede.

Ob sich Ruby O. Fee, die gerne noch mehr "international" spielen würde, noch mal aus dem Coaching ihrer gewachsenen Arbeitsgemeinschaft mit Cifarelli auf eine Schauspielschule wünscht? Ist bei dieser satten Auftragslage wohl eher nicht zu erwarten. Oder? "Vielleicht gehe ich noch mal zur Schauspielschule", widerspricht Ruby. "Ich weiß es nicht. Es gibt keinen festen Plan im Leben, den ich verfolge. Wenn ich mich allerdings für eine Schule entscheide, wäre die wahrscheinlich eher nicht in Deutschland."

In "Das Geheimnis er Hebamme" wird sie nun am Karfreitag erstmals einem großen erwachsenen Publikum in einer Hauptrolle auffallen. Überzeugend ist an diesem Film, dass seine Heldin mal nicht eine jener voll emanzipierten, selbstbewussten "Wanderhuren" oder "Pilgerinnen" ist, die derlei Machwerke als Heldinnen sonst bevölkern und deren Vorkommen im Mittelalter wohl so häufig war wie ein Wasserfall in der Wüste. Nein, jene Marthe ist eine, die sich vorwiegend schweigend, gequält und verfolgt alleine durchschlagen muss. Ihre mystischen Heiler- und Sehergaben machen sie zu etwas Besonderem, doch dies verängstigt das scheue, einfache Mädchen eher noch, als dass es ihm Stabilität oder gar gefühlte Macht verleihen würde. Fast könnte man meinen: Obwohl es um die Verfilmung eines Mittelalter-Schmökers geht, ist es vielleicht jene Rolle, die der wahren Persönlichkeit von Ruby O. Fee bisher am nächsten kommt: Man sieht eine Heldin, die von ihrem eigenen Wirken fast erschrocken scheint.

Quelle: teleschau - der mediendienst