Schellen-Ursli

Schellen-Ursli





Die größte Schelle

Nach der letzten Verfilmung von "Heidi", dem Bestseller von Johanna Spyri, wurde nun ein weiteres Stück Schweizer Kulturgut für die Leinwand adaptiert: der "Schellen-Ursli", ein schmales Bilderbuch aus dem Jahr 1945. Ähnlich wie "Heidi" ist dessen Handlung im Graubündner Bergbauern-Milieu vor der Kulisse einer idyllischen, fast kitschigen Bergwelt angesiedelt, in der nur die Menschen selbst es einander schwer machen. Doch sowohl Heidi als auch der Schellen-Ursli sind Kinder, die sich allen Widerständen zum Trotz ihren Stolz und ihre Unbekümmertheit bewahren. Das funktioniert auch im Kino wunderbar.

Der Bündner Bauernjunge Uorsin, genannt Ursli (Jonas Hartmann), führt ein einfaches, aber glückliches Leben. Wie immer verbringt er den Sommer auf der Alm mit seinen Eltern, die hier den Ziegenkäse für den Winter herstellen. Gesellschaft leisten ihm die Ziegen und seine Freundin Sereina (Julia Jeker), deren Eltern ebenfalls Bergbauern sind.

Als die Familien nach dem Sommer mit der Ernte ins Tal zurückkehren, geschieht ein Unglück: Der Pferdewagen, vollgepackt mit Heu und dem Käse, stürzt einen Abgrund hinab. Dabei ist Urslis Familie ohnehin schon verschuldet. Und ausgerechnet jetzt, in diesem harten Winter voller Entbehrungen, fordert Armon (Leonardo Nigro), der vermögende Kaufmann im Ort, sein Geld ein.

Geld ist aber keines da, also muss Urslis geliebte kleine Ziege Zila dran glauben. Armons verwöhnter Sohn Roman (Laurin Michael) will sie unbedingt haben. Für Ursli ein Schlag ins Gesicht. Als Armon dann auch noch für den traditionellen "Chalandamarz" ausgerechnet Urslis Glocke bekommt - die schönste und größte, die man im Dorf je gesehen hat -, wird Ursli zum Gespött der Kinder. Aber der unerschrockene Bub hat schon einen neuen Plan, so leicht lässt er sich nicht unterkriegen.

Demütigungen, Enttäuschungen, Verzicht. Ursli erlebt all das nur, weil seine Familie arm ist. Wer bezahlt, schafft an. Das gilt erst recht in dem einfachen Milieu, in dem der Junge aufwächst, einer Gesellschaft, in der die meisten Menschen Bauern sind. Mit diesen Ingredienzen ist die rührende Geschichte des Schellen-Ursli, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, also überaus zeitlos.

Der zwölfjährige Schweizer Jonas Hartmann, der kurdische Wurzeln hat, spielt den Schellen-Ursli mit einer eindrucksvollen Authentizität und liefert hier ein grandioses Schauspieldebüt ab. Aus der Bilderbuch-Geschichte, die gerade mal 42 Seiten umfasst, gelang Regisseur Xavier Koller, der 1991 für "Reise der Hoffnung" mit dem Auslands-Oscar prämiert wurde, ein reflektierter Heimatfilm. Den ursprünglichen, sehr überschaubaren Plot hat er um Handlung und Figuren erweitert. Die Nebenrollen sind mit etablierten Schweizer Darstellern wie Marcus Signer und Tonia Maria Zindel brillant besetzt, ein bisschen zu manieriert ist höchstens das Spiel von Leonardo Nigro, der den argwöhnischen Armon gibt.

In der Schweiz war der Film mit über 420.000 Besuchern ein respektabler Kinoerfolg. Auch in Deutschland dürften für den "Schellen-Ursli" am Ende nicht nur die Glocken, sondern auch die Kinokassen klingeln. Zurecht, ist es doch ein gelungener Kinder- und Familienfilm, der Regisseur Xavier Koller zufolge "Werte übermittelt, ohne auf Werte zu pochen" und mit seinem feinsinnigen Humor das Publikum begeistern dürfte.

Quelle: teleschau - der mediendienst