Mein ein, mein alles

Mein ein, mein alles





Glück um jeden Preis

Eine Frau verliebt sich in einen Mistkerl und versucht wieder von ihm loszukommen. Die Geschichte in "Mein ein, mein alles" von Regisseurin Maïwenn lässt sich in einem Satz zusammenfassen. Doch so einfach es klingt, so kompliziert wird es auf der Leinwand. Denn Georgio, gespielt von Vincent Cassel, lässt sich nicht so einfach verurteilen, und Tony (Emmanuelle Bercot) trägt auch ihren Teil zu dieser nicht enden wollenden destruktiven Beziehung bei. Gewitzte Dialoge und anrührenden intime Momente halten den Zuschauer trotz heftiger Demütigungen und Liebespein bei der Stange.

Ein fast selbstmörderischer Skiunfall bringt Tony ins Krankenhaus und dann in die Reha an die französische Atlantikküste. Nicht nur die behandelnde Therapeutin fragt sich, was die Ehefrau und Mutter zu einer solch halsbrecherischen Aktion bewegt haben könnte. Auch als Zuschauer ist man neugierig geworden auf ihre Geschichte. Diese wird nun geschickt in Rückblenden parallel zu ihrer körperlichen und emotionalen Genesung in der Klinik erzählt.

Der Grund von Tonys Pein ist Georgio. Ein Pariser Szene-Gastronom und - wie sie selbst - alleinstehender Fortysomething, der sich mit überdrehten Menschen wie Tony auskennt. Bei den beiden gibt es unglaublich viel zu lachen, der Mann hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen. In puncto Humor scheinen sie zumindest schon mal gleich zu ticken. Auch gelingt es ihnen, eine berührende Intimität miteinander zu entwickeln, die sie als Liebespaar glaubwürdig erscheinen lässt.

Selbst heikle Themen zur Sexualität kommen zur Sprache. Gespräche, die allerdings nicht geführt werden könnten, ohne dass ihnen der Humor die Schärfe nähme. Dabei gibt Georgio frech zu, dass er selbst wohl der König der Arschlöcher sei. Aber kann jemand, der das so charmant gesteht, wirklich so unerträglich sein? Ja, denn was sich Georgio in den kommenden Jahren mit seiner nun Ehefrau leistet, gehört in die Abteilung Gefühlsfolter.

Wenn Frauen wegen der Liebe auf der Leinwand leiden müssen, dann kommt es meist zu einer starken Polarisierung zugunsten des "Opfers". Und auch im Drama "Mein ein, mein alles", das im Original vielsagend "Mon roi" - mein König - heißt, spürt man, dass sich die Regisseurin und ihre Hauptdarstellerin gut in die um ihr Liebesglück unermüdlich ringende Frau hineinversetzen können. Für Tony ist klar, dass sie nicht all die Jahre darauf gewartet hat, eine Familie und ein Kind zu haben, um dann zu gehen.

Da verhallen auch alle Warnungen von Außenstehenden wie ihrem Bruder, gespielt von Louis Garrel, der hier seine witzige Seite ausleben darf. Ein gelungener Film wird jedoch deshalb daraus, weil sich auch Vincent Cassel mit seiner Figur solidarisiert und das Wesen des Mannes verteidigen will. Männer ticken für ihn nun einmal anders als Frauen, was aber nicht bedeute, dass sie nicht leiden oder lieben. Nur eben anders. Im Film führt das zu so treffenden Feststellungen wie: "Ich liebe dich. Aber akzeptiere, dass ich das anders ausdrücke, als du es dir wünschst."

Mit ihrem Spielfilm "Poliezei", der von der Arbeit einer Einheit der Jugendschutzpolizei und deren privaten Verflechtungen erzählt, wurde die Schauspielerin und Regisseurin Maïwenn 2011 auch in Deutschland bekannt. Wer mit ihr schon gearbeitet hat, weiß dass bei der Französin improvisatorische Fähigkeiten gefragt sind. Die Schauspieler lösen sich während des Drehs immer mehr von den Dialogen und geben viel von sich selbst. Herzzerreißend-traurig und mit einigen unerträglichen Fremdschäm-Momenten ausgestattet, überzeugt "Mein ein, mein alles" als kraftvolles Drama mit nicht alltäglichen, bigger-than-life Figuren.

Quelle: teleschau - der mediendienst