Brian Fallon

Brian Fallon





Einer von uns

Das Interview beginnt mit Schnee von gestern. Im wahrsten Sinne des Wortes. Direkt aus einem Schneegestöber, mit Zwischenstopp in London, ist Brian Fallon nach Deutschland gereist: "Oh mein Gott, ja. Der Schnee reichte bis zu meiner Hüfte", erinnert sich der Gaslight-Anthem-Frontmann. Also raus aus der Kälte und rein in die Geschäftigkeit. Er ist unterwegs, um "Painkillers" (ab 11. März) zu promoten. Und man spürt förmlich das Herzblut, mit welchem sich der Sänger, Songwriter und Gitarrist in die Sache reinhängt. Kein Wunder, schließlich ist eine erste Soloplatte etwas ganz Besonderes. Ein Gespräch über persönliche Gefühle, spontane Assoziationen und den Vorwurf aus Deutschland, Brian Fallon sei ein Kreationist.

teleschau: Herr Fallon, Sie waren im Januar bereits für Ihr erstes Soloalbum "Painkillers" in Amerika auf Tour. Wie lief es?

Brian Fallon: Wirklich gut. Es waren ungefähr zehn Konzerte. Wir spielten viele Songs, die die Leute nicht kannten. Und sie waren absolut cool damit. Sie wollten einfach etwas Neues aufnehmen und erfahren. Das ist toll zu sehen, gerade in der heutigen Zeit.

teleschau: Sie spielten keine Songs Ihrer Stammband The Gaslight Anthem. Warum?

Fallon: Sagen wir so: Wenn deine Band nicht mehr existiert, und du ihre Songs spielst, ist das eine Sache. Eine andere ist es, wenn ich in unserer Situation hinausgehen und Gaslight-Anthem-Songs spielen würde. Was würden die anderen denken? Wir vier sind eine spezielle Kombination, das ist nicht nur "meine Band". Deshalb halten wir das separat: The Gaslight Anthem hier, meine Soloscheibe und mein zweites Bandprojekt, die Horrible Crowes, dort.

teleschau: Gutes Stichwort: Wo sehen Sie den Unterschied zwischen den Horrible Crowes und Ihrer Soloscheibe?

Fallon: Die beiden sind ein bisschen wie Bruder und Schwester. Sie sind sehr ähnlich. Wie zwei Seiten einer Münze sozusagen. Und ich bin froh, dass ich 2011 die Horrible-Crowes-Scheibe gemacht habe. Wenn ich jetzt auf Tour gehe, dann kennen die Leute wenigstens diese Songs und können direkt mitsingen.

teleschau: Ihre Soloscheibe klingt deutlich "sonniger" als die Horrible Crowes.

Fallon: Ja! Es ist ein ziemlich erbauliches Album. Ich habe viele dunkle Platten gemacht. Nun war es Zeit für etwas anderes. Wobei das natürlich davon abhängt, an welchem Punkt man sich gerade in seinem Leben befindet, wenn man schreibt. Es ist eines der Dinge, die du nicht wirklich im Voraus steuern kannst. Zu sagen, "ich schreibe eine fröhliche Platte", wenn man gar nicht fröhlich ist? Keine wirklich gute Idee. Umgekehrt natürlich auch nicht.

teleschau: Das heißt, Ihnen geht es momentan richtig gut?

Fallon: Ja. Wobei es auf der Platte eigentlich nicht um die Fröhlichkeit an sich geht. Sondern um die Suche nach dem, was du in deinem Leben willst. Davon handelt auch die Single "A Wonderful Life". Es geht um den Wunsch nach etwas, das du momentan nicht hast, nicht unbedingt darum, zu sagen, "alles ist cool". Vielmehr um: "Ich habe mich entschieden, dass es in Zukunft cool werden soll, und darauf arbeite ich hin." Es ist also mehr eine aufmunternde als eine fröhliche Platte.

teleschau: Das letzte Gaslight-Anthem-Album "Get Hurt" war von Ihrer Scheidung inspiriert. Ist "Painkillers" der logische nächste Schritt? Das "Darüberhinwegkommen"?

Fallon: Ich wusste, dass die Leute dies denken werden. Aber Alben werden zeitlich gesehen nicht notwendigerweise linear verfasst. Es ist nicht so, dass "Painkillers" eine Antwort auf "Get Hurt" darstellt. Ich schrieb für das jetzige Album über alles, was ich je in meinem Leben gelernt habe. Also nicht nur über die unmittelbare, jetzige Zeit. Es wird keine komplette Story auf der Platte erzählt. Es sind kleine Teile, aus dem Leben gegriffen. Und alles, was ich auf "Get Hurt" sagen wollte, befindet sich auch auf dieser Platte. Dieses Kapitel ist abgeschlossen.

teleschau: In "A Wonderful Life" heißt es: "I don't wanna survive, I want a wonderful life." Eine Art "Du lebst nur einmal"-Statement.

Fallon: Ja. In dieser Zeile ist auch ein kleiner Witz versteckt. Oberflächlich gesehen ist es klar: "Du willst nicht nur überleben, du willst ein wundervolles Leben". Aber es bedeutet auch: "Selbst wenn ich nicht überlebe, will ich nach dem Besseren streben. Sogar wenn es mich alles kostet." So gesehen besitzt die Zeile einen doppelten Sinn. Übrigens ist "A Wonderful Life" der erste Song, den ich jemals schrieb, welcher eine Art sozialen Kommentar beinhaltet. Der sich weniger um mich, als vielmehr um mich und alle Leute um mich herum dreht. Ich schreibe aus der Sicht eines Amerikaners, der so aufwuchs wie ich, also in der Arbeiterklasse.

teleschau: Zählen Sie als bekannter Musiker nicht mittlerweile zu einer anderen Klasse?

Fallon: Ich habe ein normales Appartement, wohne neben anderen Menschen, die ganz normalen Jobs nachgehen, unterhalte mich mit ihnen. Ich lebe sicher nicht dieses abgeschottete Rockstar-Leben. Ich fühle mich den Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin, immer noch verbunden. Und sie behandeln mich nicht anders. Das sollen sie auch nicht.

teleschau: "Painkillers" besitzt auch eine folkige Seite. Ihre Mutter war in den 60-ern eine Folk-Musikerin. Hat sie Ihnen dieses Element mitgegeben?

Fallon: Nicht nur das. Sie hat mir alles beigebracht. Sie zeigte mir Bob Dylan und Cat Stevens, Bruce Springsteen und auch, was all diese Musik bedeutet. Wo die Wurzeln liegen. Wenn ich mit einer Guns-N'-Roses-Platte ankam, sagte sie "Hier! Das sind Led Zeppelin. Und das AC/DC. Daher kommt das."

teleschau: Ist "Painkillers" Ihr bislang persönlichstes Album?

Fallon: Nein. Denn alle meine Alben sind persönlich. So bin ich als Songwriter. Ich schreibe über persönliche Sachen, wie ein Tagebuchautor. Ich kann keine erfundenen Geschichten schreiben. Viele können das. Und vielleicht wünsche ich mir auch, es zu können. Denn es würde vieles einfacher machen. Aber ich kann es nicht. Meine Geschichten entstammen dem realen Leben.

teleschau: Zweiter Versuch: Ist "Painkillers" Ihr intimstes, privatestes Album?

Fallon: Ja. Das könnte sein. Wenn du laute Musik spielst, dann schafft das automatisch eine Distanz. Butch Walker (Produzent von "Painkillers" - Anm.d. Red) lehrte mich etwas: Wenn du zum Beispiel ein Echo auf die Stimme legst, dann wirkt es weit entfernt. Und es ist entfernt vom Hörer. Als wir diese Platte machten, wurde überhaupt nichts auf die Vocals gelegt. Sie sind direkt an deinem Ohr. Auch die Texte sind dadurch näher bei Dir.

teleschau: Das Album besitzt auch eine nostalgische Note.

Fallon: Alles an meiner Musik klingt ein bisschen nostalgisch, weil ich die Musik der 60-er und 70-er liebe. Meiner Ansicht nach wurden damals die besten Platten aller Zeiten geschrieben. Ich muss allerdings sagen, dass ich dieses Gefühl auch bei anderen Musikern finde, selbst im modernen Umfeld. Für mich ist auch eine Platte von Adele gewissermaßen nostalgisch. In der Art, wie sie singt und wie die Platte - die ich sehr mag - klingt.

teleschau: Auf was spielt der Titel "Painkillers" an?

Fallon: Er stammt daher, wie es sich für mich anfühlte, mit Musik aufzuwachsen. Für mich war Musik immer eine beruhigende Sache. Sie spendet den Menschen Trost. Daher ist der Titel auch nicht unbedingt im Sinne eines "Gegenmittels" zu verstehen. Sondern als Reaktion auf die Songs. Diese können wie Freunde sein, wie schmerzstillende Mittel eben.

teleschau: Zum Schluss spielen wir Pingpong. Ein Stichwort, eine spontane Reaktion dazu von Ihnen. Bereit?

Fallon: Klar!

teleschau: New Jersey.

Fallon: Heimat.

teleschau: Vinyl.

Fallon: Wärme.

teleschau: Rosemary (Songtitel auf "Painkillers" - Anm.d. Red).

Fallon: Eine Freundin.

teleschau: Donald Trump.

Fallon: Kein Freund.

teleschau: 36.

Fallon: Werde ich heute.

teleschau: Glückwunsch!

Fallon: Danke!

teleschau: Jesus Christus.

Fallon: Kind.

teleschau: Kind?

Fallon: Ja. Das ist das erste Wort, was mir in den Sinn kam. Seltsam.

teleschau: Warum?

Fallon: Wahrscheinlich erinnert mich das an meine Mutter. Als ich ein Kind war, war sie sehr religiös, aber auf eine wirklich liebenswürdige Art. Nicht auf diese urteilende Art.

teleschau: Sie wissen, dass ein Interview mit Ihnen in Bezug auf Religiosität hier in Deutschland für Aufruhr gesorgt hat?

Fallon: Ja, ich habe davon gehört. Und das ärgert mich verdammt. Ich selbst habe das Interview nie gelesen, ich kann kein Deutsch. Aber was mir davon berichtet wurde, ist absolut nicht das, was ich fühle oder denke. Als die Journalistin das schrieb, fragte sie mich nicht, was ich damit assoziieren würde. Ich bekam auch keine Chance, meinen Glauben und meine Einstellung ihr gegenüber zu erklären. Dieser Begriff, der da immer wieder auftauchte, wie hieß er gleich?

teleschau: Kreationismus.

Fallon: Genau! Ich wusste noch nicht einmal, was das ist und musste das nachschlagen. Was soll denn das, mir eine Denkweise aufzudrängen und diese so darzustellen? Das war nicht fair. Und außerdem: Ich bin Musiker. Ich mache keine religiöse Musik und will das auch nicht. Jeder Mensch kann glauben, was er möchte. Und was richtig ist, werden wir alle dann erfahren, wenn wir einmal nicht mehr sind.

Quelle: teleschau - der mediendienst