Raum

Raum





Auf die Welt kommen

Was ist normal? Für den kleinen Jack (Jacob Tremblay) ist es ein Leben mit seiner Ma (Brie Larson) auf wenigen Quadratmetern: Joy wurde als Teenagerin entführt, eingesperrt und vergewaltigt. Sie brachte Jack im Verlies auf die Welt und zog ihn dort groß - so gut sie konnte. "Raum" nennt Jack diesen Ort, der für ihn die ganze Welt darstellt. Eine Welt, an der Regisseur Lenny Abrahamson ("Frank") das Publikum in einem meisterlich inszenierten Drama mit viel Empathie und universeller Wahrheit teilhaben lässt.

"Raum" basiert auf dem gleichnamigen Roman von Emma Donoghue, die auch das Drehbuch schrieb. Die Kanadierin lehnte ihre Geschichte an reale Fälle an, darunter auch den des Österreichers Josef Fritzl, der seine eigene Tochter jahrelang im Keller einsperrte, sie missbrauchte und die gemeinsamen Kinder ebenfalls gefangen hielt.

Donoghue und Abrahamson machen aus den Grausamkeiten, zu denen Menschen fähig sind, einen sensiblen, humanistischen Film von unerträglicher Intensität - erzählt aus der Perspektive des Kindes. Man kann sich "Raum" nicht entziehen, schon die Anfangssequenz macht einen quasi zum Mitgefangenen. Jack stellt in immer neuen Nahaufnahmen seine Welt vor: Waschbecken, Fernseher, Bett, Schlange aus Eierschalen.

Der Raum ist aus dem Zuschauerraum betrachtet ein klaustrophobischer Ort des Leidens. Für Jack aber bietet er in seiner kindlichen Fantasie unendliche Möglichkeiten und ist ein Ort der Geborgenheit und des Schutzes. Seine Ma hat ihn in dem Glauben erzogen, dass die reale Welt hinter den Wänden aufhört. Was man durch das Oberlicht sieht, der einzigen Verbindung zur Außenwelt, ist schon das Universum.

In der ersten Hälfte des Films ist man teilnehmender Beobachter eines Kammerspiels von unendlicher menschlicher Güte. "Raum" ist ein Film über die Kraft einer Mutter, die ihr Kind beschützt und ihm unter widrigsten Umständen ein Leben ermöglicht, das so normal wie möglich ist. Diese Aufgabe verleiht Joy die Kraft, ihre unerträgliche Situation auszuhalten. Man kann sie für ihren Einfallsreichtum und ihre Liebe nur bewundern, die von Abrahamson mit warmen Bildern und völlig ohne Pathos inszeniert wurden.

Brie Larson, für ihre Rolle mit dem Oscar ausgezeichnet, und Jacob Tremblay geben ihren Figuren die notwendige Präsenz - ihre außergewöhnlichen Leistungen sind das Rückgrat des Films. Sie spielen sensibel und entschlossen, sind zerbrechlich und doch unverwundbar. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich emotional völlig auf Joy und Jack einzulassen, ohne dabei die bedrohliche Atmosphäre aus dem Kopf zu bekommen.

Der Raum ist Jacks Welt, er wird ihn auch im zweiten Teil des Films nicht vergessen können, wenn er mit seiner Mutter dem Entführer, den beide nur Old Nick nennen, entkommen sein wird. "Raum" entwickelt sich dann zu einem starken Film über die Freiheit und erzählt - immer noch konsequent aus Jacks Perspektive - von ihren unendlichen Herausforderungen.

Durch die Augen des Jungen wird die Welt, die für uns normal ist, zu einem Ort voller Wunder und Geheimnisse. Sie bricht über Jack und Joy herein wie ein Tsunami: Für Jack ist alles neu, er kommt im Prinzip im Alter von fünf Jahren auf die Welt. Für seine Mutter ist nach sieben Jahren Gefangenschaft alles anders. Die Qualen - Angst, Wut, Einsamkeit und Hilflosigkeit - sind für beide noch nicht vorbei.

Dass der Entführer nach der Flucht nur noch in einer Randnotiz eine Rolle spielt, kann man dem Film gar nicht hoch genug anrechnen. Er konzentriert sich auf das starke Band zwischen Mutter und Sohn, das von Verwandten und Depressionen stark belastet wird - aber nicht reißt. "Ich bin keine gute Mutter", entschuldigt sich Joy bei ihrem Sohn für einen Selbstmordversuch. "Aber du bist Ma!", ist alles, was er erwidern kann. Und das ist so unendlich normal.

Quelle: teleschau - der mediendienst