Leos großer Abend

Leos großer Abend





Ein kritischer Blick auf die Oscarnacht vom 29. Februar

Aus Hollywood, das weiß man, kommen die Könige der (Selbst-)Inszenierung. Trotzdem, auch das ist bekannt, sind solche Oscar-Abende mithin das Biederste, was aus der Stadt der Stars und Sternchen in die weite Welt gesendet wird. Auch die Oscars 2016 waren zum größten Teil eine spießige, manchmal richtig hausbackene Angelegenheit. Doch während der fast vierstündigen Veranstaltung gab es auch die ein oder andere schöne Story, die ein oder andere anständige, wichtige Botschaft und so manche Spitze gegen Academy, Politik und Gesellschaft. Komprimiert man die Nacht auf ihre Schlaglichter, bleibt durchaus der Eindruck eines relevanten Events übrig. Zumindest zwei große Themen gab es ohnehin schon vor Startschuss: Leonardo DiCaprios erneuter und endlich erfolgreicher Anlauf sowie die Kritik an den "Weißen Oscars".

Die Preisvergabe, da war man sich am Ende des Abends einig, war fair, sie verlief skandalfrei und befriedigend für (fast) alle Seiten. Auch wenn einige der ausgezeichneten Filme durchaus politisch und sozialkritisch sind, auf den Schlips getreten fühlen wird sich zumindest im liberalen Hollywood kaum jemand.

Der Hauptpreisgewinner "Spotlight" kümmert sich einfühlsam um Missbrauchsopfer der katholischen Kirche, Drehbuchsieger "The Big Short" zeigt mit temporeichem Witz eindrücklich, wie sehr die Menschen in der Finanzkrise unter der Gier der Banken litten. Auch ist es ein Leichtes, sich mit Menschen in äußert brenzligen Situationen zu sympathisieren: In "Raum" (Oscar für Hauptdarstellerin Brie Larson) muss eine Mutter ihren Sohn in der Gefangenschaft eines Entführers großziehen, und "The Revenant" erzählt vom archaischen Überleben eines Wilderers in der allmächtigen Natur. Doch es ging an diesem Abend nicht nur um die Preise. Es gab andere wichtige Punkte abzuarbeiten.

Das Thema "OscarsSoWhite" etwa: Der Skandal, dass kein schwarzer Schauspieler oder Filmemacher in den Hauptkategorien der 88. Ausgabe der Academy Awards nominiert war, lieferte eine wunderbare Steilvorlage für Gastgeber Chris Rock. Und so startete er auch in den Abend: mit einem gewöhnlichen Stand-up. Ohne Pomp, ohne große Aufmachung eröffnete er nicht etwa die Oscar-Gala, sondern die "White's Choice Awards" - eine Spitze gegen die vor allem weiße Academy, die für die Verteilung der goldenen Statuen verantwortlich ist. Er habe darüber nachgedacht, den Job abzusagen, wie ihm angeraten worden sei: "Doch was hätte das geändert?" Das Problem, dass kein Schwarzer nominiert wurde, gab es schließlich schon "so ungefähr 71-mal in der langen Geschichte der Oscars", frotzelte Rock. Aber in den 50-ern und 60-ern habe man noch andere Probleme gehabt als die Vergabe von Filmpreisen. Doch, und das muss man eben auch mal auf großer Bühne sagen: "Schwarze brauchen einfach dieselben Chancen wie Weiße. Leo bekommt jedes Jahr die tollsten Rollen. Aber wo steckt eigentlich Jamie Foxx?"

Der 51-Jährige fand die richtigen Worte zu einem der großen Themen des Abends. Und er fand einige Freunde, die mit ihm gegen "OscarsSoWhite" zu Felde zogen. Whoopi Goldberg und Kevin Hart waren in einem Einspieler zu sehen, in hypothetischen Rollen in den Top-Filmen des Jahres. Auch hier lieferte Chris Rock das abschließende Highlight: Was wäre, wenn "Der Marsianer" schwarz gewesen, also ein dunkelhäutiger Astronaut, alleine auf dem Roten Planeten zurückgeblieben wäre? Jeff Daniels und Kristen Wiig diskutierten in der Originalkulisse für die NASA-Zentrale in Housten, während Rock auf einem Bildschirm um seine Rückholung bettelt: "Das würde uns 250 Millionen weißer Dollar kosten. Das wäre schlechte PR." Er genoss das Thema regelrecht - was zu erwarten war. Keine seiner Ansagen kam ohne Spitze aus. Langweilig, aufdringlich oder pathetisch war seine Moderation deshalb aber nicht.

So wurde der andere große Aspekt des Abends fast zur Seite gedrängt. Die große Frage der Oscar-Nacht: Wird Leonardo DiCaprio endlich in die Riege der Academy-Award-Gewinner aufsteigen. Zum sechsten Mal war er nominiert, fünfmal hatte es bisher nicht geklappt. 2016 war es aber endlich soweit. Verdient, klar. Darüber muss man nicht diskutieren. Es verbietet sich gar. Der Saal tobte, jeder, der sich nach dem wieder mal recht zähen Abend noch erheben konnte, klatschte brav stehend. DiCaprio nutzte seine erste Gewinnerrede übrigens, um auf sein Lieblingsthema, die Globale Erwärmung aufmerksam zu machen: "Wir sollten diesen Planeten nicht für selbstverständlich ansehen, so wie ich diesen Abend nicht für selbstverständlich sehe." Dafür wurde ihm auch mehr Redezeit eingeräumt, das Orchester schwieg ehrfürchtig. Ja, der Leo ist ein Guter!

Und wer geglaubt hatte, die Oscars 2016, das heißt: DiCaprio, Kritik über die "Weißen Oscars" und sonst nichts, sah sich getäuscht. Der Abend hatte die eine oder andere gehaltvolle Botschaft in petto. Lady Gaga lieferte eine aufwühlende Interpretation von "Til It Happens To You" aus "The Hunting Ground". Bei dem Song zum Thema Vergewaltigungen an Frauen holte sie tatsächliche Opfer auf die Bühne, lieferte gewohnt tadellos ab. Die Tränen kullerten auf der Bühne wie im Publikum. Sam Smith - trotz einer zuvor schwachen Darbietung eines, naja, schwachen Liedes - gewann den Preis für den besten Titelsong, was ihn zwar nicht zum ersten offen schwulen Oscar-Gewinner machte, wie er selbst gehört haben will. Doch in seiner Dankesrede wünschte er sich, dass man bald aus Homosexualität kein großes Thema mehr machen würde.

Und da war noch Comedian Louis C.K.: Beauftragt, den Oscar für "Bester Dokumentar-Kurzfilm" zu vergeben, erklärte er diesen zu seinem liebsten Award. "Hier werden noch Leben verändert." Alle anderen Nominierten seien ja schon Gewinner, die als Millionäre den Saal verlassen. "Der Gewinner dieses Preises fährt heim in seinem Honda Civic." Lustig, aber wahr. Und eine ziemlich wichtige Aussage an einem Abend voller Glanz und Schein.

Quelle: teleschau - der mediendienst