Vincent Cassel

Vincent Cassel





Auch Männer tanzen nicht alleine

Er verkörperte irre Typen mit kurzer Lunte und wurde mit internationalen Filmen wie "Hass" (1995), "Die purpurnen Flüsse" (2000), "Public Enemy No. 1" (2008) und "Black Swan" (2010) bekannt. Darin spielt er keine Sympathieträger. Doch der Franzose Vincent Cassel schaffte es, dass seine Figuren die Zuschauer beeindrucken. Das könnte an seiner Herangehensweise liegen. Er glaubt, dass man die von ihm gespielten Kerle nicht mögen müsse, aber das was sie bewegt, verständlich wird. Das gilt auch für Georgio, an dem sich Tony (Emmanuelle Bercot) in dem Beziehungsdrama "Mein ein, mein alles" (Start: 24. März) von Regisseurin Maïwenn Le Besco aufreibt. In diesem Film zeigt sich Vincent Cassel als charmanter, emotionaler Peiniger mit überraschend lustiger Ader. Und auch im Interview über Männer und Frauen erweist er sich als sympathischer Entertainer und sanfter Fürsprecher seines Geschlechts.

teleschau: Stimmt es, dass Sie Ihre Figur Georgio so wie im Drehbuch von Regisseurin Maïwenn nicht spielen wollten?

Vincent Cassel: Es war gut geschrieben, die Geschichte einer Frau, die sich in einen Mistkerl verliebt und versucht, sich davon zu heilen. Erzählt wird sie jedoch nur aus der Sicht der weiblichen Hauptfigur Tony. Sie ist das Opfer, er ein emotionaler Metzger. Da konnte ich nicht zustimmen. Etwas komplizierter ist es dann doch. Ich wollte ihn verteidigen. Er soll nicht sympathisch werden, doch wir sagen in Frankreich: "Einen Tango tanzt man immer zu zweit." Bei so einer Beziehung trägt nicht nur einer die Schuld.

teleschau: Sie verstehen sich also auch im weiteren Sinn als Fürsprecher für die Männer?

Cassel: Es ging darum, zu zeigen, dass auch er sich entwickelt. Ja, ich möchte auch um Verständnis werben. Frauen können Kinder auf die Welt bringen und haben damit schon etwas Großes im Leben vollbracht. Was bleibt uns? Die Arbeit, die dann solch eine Wichtigkeit bekommt. Zudem sollen wir Männer so viele Anforderungen erfüllen und müssen dabei aufpassen, nicht zu vergessen, was wir für uns selbst benötigen.

teleschau: Männer und Frauen - sind Missverständnisse da schon vorprogrammiert?

Cassel: Wir sind wirklich sehr verschiedene Geschöpfe und haben Probleme, einander zu verstehen. Man kann so lange mit einer Frau zusammenleben und trotzdem mit ihr über bestimmte Sachen nicht sprechen. Steht man dann aber mit einem anderen Kerl bei einer Zigarette zusammen, kann das Unaussprechliche plötzlich zum Thema werden. Weil er das gleiche Geschlecht hat, wird er es richtig verstehen, darauf kann man vertrauen.

teleschau: Woher wissen Sie, ob eine Frau zu Ihnen passen könnte?

Cassel: Ich habe da eine Angewohnheit: Wenn ich eine Frau attraktiv finde oder verliebt bin, stelle ich sie mir nach einer Weile als Mann vor. Damit schiebe ich den sexuellen Aspekt beiseite und kann sehen, was übrig bleibt, was diesen Menschen ausmacht. Funktioniert auch mit Männern: Ich stelle mir vor, wie es wäre mit einem Kumpel etwas zu haben, füge also den sexuellen Aspekt hinzu. Die Frage, die ich mir dabei stelle: Würde ich meine Meinung über ihn dann ändern?

teleschau: Warum hört man immer wieder Geschichten, in denen Frauen auf den Bad Guy reinfallen?

Cassel: Die Faszination besteht sicher darin, dass böse Jungs rebellisch sind und keine Rücksicht auf moralische Vorschriften legen. Sie machen, was sie wollen und überschreiten Grenzen. Das ist aufregend - in der Fantasie. In der Wirklichkeit ist es dann nicht mehr so attraktiv, wenn jeden Tag die Polizei vor der Tür steht.

teleschau: In diesem Film führt eine Frau Regie. Wie ging es Ihnen damit?

Cassel: Maïwenn ist sehr streng und verlangt viel von sich und den anderen. Tricksen geht nicht, bei ihr muss man immer alles geben. Sie schrieb zwar das Drehbuch selbst, verwirft dann aber beim Dreh Dialoge wieder, weil sie sie nicht mehr mag. Stattdessen erwartet sie, dass man sich einbringt. Wenn ich zum Beispiel als Georgio von meinem Vater spreche, dann ist das mein echter Vater und der Arzt von dem die Rede ist, mein eigener Arzt. Für Leute, die mich privat kennen, wirkt das verwirrend.

teleschau: Entsteht dadurch diese unglaublich realistische Intimität zwischen Georgio und Tony?

Cassel: Das stimmt. Weil Emmanuelle Bercot und ich uns nicht auf das Geschriebene verlassen konnten, mussten wir gut zuhören, was der andere sagt und wie er es sagt, um darauf reagieren zu können. Wie im richtigen Leben eben.

teleschau: Und trotz all des Dramas sieht es aus, als hätte das viel Spaß gemacht

Cassel: Wir hatten eine gute Zeit zusammen und viel gelacht. Ohne beißenden Humor wäre vieles auch nicht zu spielen gewesen. In einer intimen Szene im Bett thematisiert Tony ihre Sorge, sexuell nicht zu genügen. Wie soll man in einer solchen Situation als Mann darüber mit einer Frau sprechen? Das ging nur mit Humor. Lachen ist überhaupt sehr wichtig im Leben, damit kann man Dinge schlucken, die man ansonsten nicht runterkriegen würde.

teleschau: Ihre Figur Georgio ist ein leidenschaftlicher Vater. Was sollte ein Mann für sein Kind sein?

Cassel: Ich versuche als Vater präsent zu sein für meine Kinder und mich vor sie zu stellen, soweit es geht. Sie sollen starke Erwachsene werden, und das geht am besten mit viel Liebe.

teleschau: Sie leben heute größtenteils in Brasilien. Warum?

Cassel: Wer schon einmal da gewesen ist, stellt diese Frage nicht. Brasilien ist größer als andere Länder und genügt sich selbst. Alles dort ist brasilianisch, das Essen, die Musik, die Art zu arbeiten und zu leben. Ich idealisiere das Land nicht, aber es gibt dort eine mich faszinierende Poesie.

Quelle: teleschau - der mediendienst