Julie Delpy

Julie Delpy





Die Anzüglichkeiten einer Mutter

"Ich könnte jetzt ein Glas Wein vertragen", - am Ende eines langen Interviewtages in Berlin ist Julie Delpy ziemlich erschöpft. Dann klingelt auch noch das Handy und Madame Delpy verschwindet nochmal kurz. Als sie wiederkommt, hat sie ein Glas Wasser in der Hand und ist bereit, über ihren neuen Film "Lolo - Drei ist einer zu viel" (Kinostart: 17. März) zu reden, den die 46-jährige Französin geschrieben und inszeniert hat und in dem sie die Hauptrolle spielt. Es geht darin um eine Pariserin, deren Sohn einen Ödipus-Komplex hat und der ihre neue Beziehung torpediert. Stoff also, aus dem man einen Horrorfilm hätte machen können. Julie Delpy hat sich allerdings für eine Komödie mit Überraschungsgast entschieden und erzählt im Interview ziemlich freimütig, was ihr sechsjähriger Sohn Leo mit dem Film zu tun hat.

teleschau: Wie haben Sie denn Karl Lagerfeld überredet, im Film aufzutreten?

Julie Delpy: Wir kennen uns schon seit Jahren. Doch seinen Part schrieb ich ins Blaue hinein, ohne zu wissen, ob er zusagen würde. Ich brauchte Monate, um ihn zu überzeugen. Am schwersten war es, ihn in die Metro-Station zu bekommen, wo die Szene spielt. Er hat Angst davor, unter der Erde zu sein. Aber als er einmal da war, hat er sich ganz gut amüsiert.

teleschau: Was gab eigentlich den Ausschlag, einen Film über eine Mutter und ihren soziopathischen Sohn zu machen?

Delpy: Um das gleich klarzustellen (lacht): "Lolo" hat nichts mit meinem eigenen Leben zu tun! Ich wollte wissen, wie man mit einem Soziopathen umgeht, wenn er das eigene Kind ist. Also was passiert, wenn mein eigener Sohn mein Leben zerstört? Damit meine ich nicht den alltäglichen Horror, also wenn Kinder alles tun, um ihre Eltern auf die Palme zu bringen. Normalerweise würde man solche Soziopathen irgendwie loswerden. Aber das geht bei eigenen Kindern nun mal nicht. Man kann nicht einfach weglaufen.

teleschau: Es ist eine ziemliche schreckliche Geschichte, die Sie in "Lolo" erzählen ...

Delpy: ... aber in ihr steckt auch etwas Witziges. Also wählte ich einen humorvollen Ansatz und mache mich darüber lustig, dass das Kind immer der König ist. Das ist bei mir zu Hause nicht anders: Ich nenne meinen Sohn Leo "kleiner Kaiser". Er verkleidet sich manchmal sogar mit einem roten Badetuch als Cäsar ... Vielleicht sollte ich echt mal aufhören damit.

teleschau: Befürchten Sie, dass er sonst zu einem "Lolo" wird?

Delpy: Ach was, deswegen mache ich mir keine Sorgen. Der Kleine ist ein sehr empathisches Persönchen.

teleschau: Lolo wird auch mal ein sympathisches Kind gewesen sein.

Delpy: Wahrscheinlich auch niedlich. Lolo-Darsteller Vincente Lacoste zum Beispiel war als Baby unerträglich süß - ich hab's selbst auf Babyfotos gesehen. Das ist ja das Problem, was Eltern haben und weswegen sie nicht streng sein können. Natürlich sagt man den Kindern als Mutter, dass sie die Liebe ihres Lebens sind. Das ist natürlich nur im Hinblick auf die Mutterliebe wahr. Man muss ziemlich aufpassen, sich trotz bedingungsloser Liebe zu seinem Kind nicht aufzugeben - als emotionale Person und als Frau.

teleschau: Ihre Figur Violette schafft das nicht. Sie serviert Lolo jeden Morgen zwei Eier, die wie Brüste aussehen.

Delpy: Ich gebe zu, das ist ein bisschen sehr offensichtliche Psychologie. Aber ich fand's lustig, mit diesem Bild zu spielen. Der Hintergrund ist: Als mein Sohn drei Jahre war, biss er mich ständig. Ich ging also zu Psychologen und Ärzten, die mir erklärten, das sei normal und würde sich wieder geben, sobald das Kind begreift, dass die Mutter kein Essen ist. Für Babys sind die Mütter doch lange die einzige Nahrungsquelle.

teleschau: Wo haben Sie denn noch für den Film recherchiert?

Delpy: Ich lese kaum fiktionale Literatur, weil ich mich zu sehr reinsteigere. Ich kann dann nachts nicht schlafen. Also lese ich populärwissenschaftliche Bücher: Psychologie, Geschichte, Geografie. Alles außer Fiktion. Nach der Geburt meines Sohnes las ich natürlich vor allem Bücher über Mutter-Kind-Beziehungen. Interessante Lektüre.

teleschau: Fühlten Sie sich als Mutter unsicher?

Delpy: Unsicher ist nicht das richtige Wort. Als Eltern fragt man sich aber immer, ob man alles richtig macht. Ist es richtig oder falsch, dass ich meinen Sohn "kleiner Kaiser" nenne? Ihm gefällt das, er fühlt sich wichtig - also ist es gut. Aber wie sieht das langfristig aus? Nimmt er sich vielleicht zu wichtig? Ich denke schon sehr viel über Erziehung nach und bilde mich weiter.

teleschau: Wenn Sie eine Tochter bekommen hätten, wäre das dann Ihre kleine Kaiserin oder ihre kleine Prinzessin?

Delpy: Das kann ich gar nicht sagen, weder noch wahrscheinlich. Es klingt wahrscheinlich hart, aber ich bin froh, dass ich einen Sohn bekommen habe. Zu einer Tochter hätte ich nicht so eine enge emotionale Bindung herstellen können. Ist das nicht schrecklich? Aber es ist wirklich so: Ich verstehe Mütter-Töchter-Beziehungen einfach nicht.

teleschau: Hat sich Ihre Persönlichkeit stark verändert, als Sie Mutter wurden?

Delpy: Ehrlich: Ich bedaure, dass ich nicht mehr Kinder habe. Meinen Sohn bekam ich mit 39 Jahren - also sehr spät. Ich hätte nie gedacht, dass ich es so sehr genießen würde, Mutter zu sein. Vorher dachte ich immer, Schreiben und Filmemachen wären das Größte für mich. Und nun wünsche ich mir, dass ich vier Kinder hätte, mit denen ich mein Leben teilen kann. Das ist es nämlich, was mir am besten gefällt: Erfahrungen und Ideen teilen, Lieblingsbücher und Lieblingsfilme weitergeben und hoffen, dass Leo die Welt ein bisschen besser macht.

teleschau: Finden Sie die Welt so schlimm?

Delpy: Ich glaube, dass sich unsere Gesellschaft hinsichtlich der Intelligenz in einer Regression befindet. Das Bildungsniveau nimmt ab, niemand denkt mehr wirklich nach, wir lassen uns berieseln, sind zu sehr am schnellen Konsum und Kurzzeiterfolgen interessiert. Junge Mädchen heutzutage orientieren sich an Models. Ich meine Models! Das sind einfach hübsche Mädchen, die nichts erreicht haben. Oder nehmen sie die Kardashians: Die haben einfach nur Erfolg mit ihrem Erfolg. Diese Leere halte ich für sehr gefährlich, weil sie zu einer Gesellschaft führt, die sich selbst zerstört. Das Ergebnis der zunehmenden Dummheit sind nämlich Donald Trump und der IS und Marine LePen.

teleschau: Da kann man ja depressiv werden. Lassen Sie uns über etwas Angenehmeres reden, die Dialoge in Ihrem Film ...

Delpy: Es ist toll, wie sich die Frauen unterhalten, oder?

teleschau: In der Tat. Die sexuelle Anzüglichkeit mit der sich Violette und ihre Freundin unterhalten ist toll ...

Delpy: Schlüpfrigkeit fällt mir leicht. Diese Dialoge habe ich sehr schnell geschrieben, sie sprudelten einfach nur aus mir raus. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich Französin bin. Wir reden nun mal gerne über Sex. Wissen Sie, was der Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich ist: Bei Goethe sterben die Menschen an unerfüllter Liebe bevor sie Sex hatten. In unserer Literatur sterben die Menschen an zu viel Sex.

teleschau: Bei Männer sind Witze über Sex ganz normal. Warum dürfen Frauen im Kino eigentlich nicht schlüpfrig sein?

Delpy: Das Kino wird ja von Hollywood dominiert, und in Amerika ist man ziemlich puritanisch. Abgesehen davon, dass die Amerikaner die größten Produzenten und Konsumenten von Pornos sind. Aber wenn ein US-Präsident eine Sex-Affäre hat, ist seine politische Karriere beendet. Bei uns hat das noch niemandem geschadet.

Quelle: teleschau - der mediendienst