Schiller

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Gelebter Minimalismus

Als "German Kitsch" bezeichnete Neil Tennant von den Pet Shop Boys den Sound des Deutschen Ambient-Pop-Projektes Schiller einst in einem Interview - ausgerechnet der Neil Tennant, der dringend einmal Gastmusiker auf einem Schiller-Album werden soll: "Das ist eine Stimme, die ich sehr beeindruckend finde und an der ich mich nicht satt hören kann", offenbart Schiller-Mastermind Christopher von Deylen (45) im Interview; ebenso, warum er mal eben seine Wohnung aufgelöst hat und was ihn in die Wüste zieht. Ab 26. Februar ist das Ergebnis dieses Lebenswandels, das Album "Future" zu hören.

teleschau: Ihr Album heißt "Future". Was verbinden Sie mit der Zukunft?

Schiller: Beim Musikhören kann man wunderbar eine Auszeit nehmen, sich auf sich selbst besinnen und sich fragen, wie das eigene Morgen - im Großen und im Kleinen - eigentlich aussehen soll, wie und wofür ich meine Zeit auf der Erde nutzen kann. All das schwingt bei "Future" zwischen den Zeilen mit.

teleschau: Ist Musikhören also in Ihren Augen ein aktiver Prozess?

Schiller: Für mich auf jeden Fall. Musik nur so nebenbei zu hören, schaffe ich irgendwie nicht. Das ist mir über die Jahre scheinbar abhandengekommen (lacht). Vielleicht ist das auch bei einem Künstler in der Galerie oder einem Filmemacher im Kino so. Auch die können sich vermutlich nicht "einfach nur so" etwas angucken. Also höre ich entweder gar keine Musik oder ich mache nichts anderes nebenbei. Wenn man sich der Musik richtig ausliefert, kann man dafür aus dem Vollen schöpfen.

teleschau: Unterliegt Musik für Sie heute einem Werteverfall?

Schiller: Es gibt für mich keinen Grund, Musik auf eine eher lapidare Weise anzuhören, die das Streaming geradezu provoziert - nur weil es technisch möglich ist. Das verlockt, einfach nach zehn Sekunden wegzuschalten, wenn ich etwas für ein paar Sekunden lang nicht spannend finde. Das führt dazu, dass sich die Hörer unter Umständen viel weniger mit einem Album als Werk beschäftigen. Andererseits kann man dem Publikum aber natürlich nicht vorschreiben, wie es Musik genießen soll. Das ist auch nicht meine Absicht. Zumal Streaming natürlich schlichtweg praktisch ist.

teleschau: Müssen sich Künstler darauf neu einstellen?

Schiller: Vielleicht muss man Alben anders konzipieren. Das verändert sich mit jedem Medium. Bei der Schallplatte konnte man etwa ein Album aus zwei vollständig unterschiedlichen Seiten machen. Die technische Beschränkung fließt hier in das musikalische Konzept mit ein. Beim Streaming und den Playlists, die dazugehören, entscheidet der Nutzer selbst, in welcher Reihenfolge er die Titel hört. Auch deshalb ist es für mich nicht das geeignetste Medium, um Musik bewusst zu genießen.

teleschau: Es heißt, elektronische Musik ist die Musik junger Leute. Warum scheint Schiller da universeller zu sein?

Schiller: Ich glaube, weil mir die modisch geprägte Pose nicht sonderlich liegt. Vielleicht bin ich in meiner Außenwirkung relativ neutral, um nicht von der Musik abzulenken. Ich versuche nicht, das Publikum durch mich als Person einzunehmen oder gar eine bestimmte Zielgruppe zu meiner Musik zu überreden.

teleschau: Wie gehen Sie beim Komponieren vor?

Schiller: Ich versuche, die Stücke wie einen Film zu behandeln, indem ich mehrere Szenen und ganz viele unterschiedliche Sound-Details verarbeite. Das ist diesmal das Besondere: Einige der Sound-Vignetten hört man erst beim dritten oder vierten Durchlauf des Albums.

teleschau: Beim aktuellen Album "Future" haben etwa die Hälfte der Lieder Gesang, was im Schiller-Universum viel ist.

Schiller: Das ist tatsächlich ein Verhältnis, das sich über die Jahre eingependelt hat - ohne einen Masterplan oder Dogmen. Es fühlte sich sehr organisch an. Ich komponiere und experimentiere in meinem Schiller-Klanglabor erst einmal alleine, um eine bestimmte Klangsprache zu finden und eine emotionale Welt zum Leben zu erwecken. An einem bestimmten Punkt stellt sich dann heraus, ob das Ergebnis in der Welt der Maschinen bleibt, also mit Instrumental-Sounds umgesetzt wird, oder ob ich dem ganzen Stück noch eine spannende Komponente hinzufügen kann, indem ich einen musikalischen Gast suche.

teleschau: War dies schon immer so?

Schiller: Das war das ausnehmend spannende an "Future": Ich habe erstmalig mit meinen Gästen längere Zeit gemeinsam im Studio verbracht. So konnte ich die Emotionalität durch die menschliche Komponente noch verstärken.

teleschau: Gibt es einen Grund dafür, dass die Lyrics diesmal komplett auf Englisch sind?

Schiller: Nein, es ergab sich einfach so. Ich selbst merkte es auch erst, als das Album fertig war. Offenkundig gab es in den letzten zwei Jahren, in denen ich an dem Album gearbeitet habe, keine Überschneidungen zwischen dem, was so in der deutschsprachigen Musikwelt passiert ist und was auf den Schiller-Kosmos hätte abfärben können. Es kann aber genauso gut sein, dass das nächste Schiller-Album komplett deutschsprachig sein wird. Auch das wäre eine organische Entwicklung. Ich versuche bei jedem neuen Album "von vorne" zu beginnen.

teleschau: Ist dem Album denn wieder eine Reise vorangegangen?

Schiller: Tatsächlich ist das ganze Album eine Reise. Nach der letzten Schiller-Tour, nach über 50 Konzerten, kam ich nach Hause und hatte das Gefühl, dass mich mein Kühlschrank beleidigt ansieht, weil ich so lange weg war. Da hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass dieser Ort, den ich während meiner Tour so überhaupt nicht vermisst habe, angefangen hat, mich einzunehmen.

teleschau: Sie nahmen Reißaus.

Schiller: Sozusagen. Ende 2013 trennte ich mich von meinen Besitz und löste meine Wohnung auf. Danach war ich selbstgewählt heimatlos, lebte bei Freunden oder über Airbnb. Dann hat es mich in die Natur gezogen, an den Rand der Mojave-Wüste. Einerseits, weil mich das sehr reizt, insbesondere als Kontrast zur Großstadt. Und dann entspricht die Wüste mit ihrem Minimalismus am ehesten einem weißen Blatt Papier, lenkt am wenigsten das Auge und den Geist ab. So wurde das Album in zwei sich immer wieder abwechselnden Entstehungsphasen fertig: Einerseits mit Gastmusikern in der Großstadt Los Angeles, andererseits eben alleine im Nirgendwo.

Quelle: teleschau - der mediendienst