Sonja Gerhardt

Sonja Gerhardt





Fräuleinwunder '16

Sonja Gerhardt wusste schon in der Grundschule, dass sie Schauspielerin werden will. Dabei ist ihr Vater Feuerwehrmann und ihre Mutter arbeitet in einer Fahrschule. Künstlerisches Umfeld? Nicht unbedingt vorhanden. In den USA wurde die 26 Jahre alte Schauspielerin während der Ausstrahlung von "Deutschland 83" als "deutsches Fräuleinwunder" gefeiert. Dabei besuchte Sonja Gerhardt nie eine Schauspielschule. Über die letzten zehn Jahre spielte sie in einer Telenovela, in Teenie-Filmen und vielen Schmonzetten, das war ihre Ausbildung. Doch ihre Rollen werden besser und besser. In der viel gelobten Serie "Deutschland 83" war sie noch die in der DDR zurückgebliebene Freundin von Hauptdarsteller Jonas Nay. Nun spielt sie im ambitionierten ZDF-Dreiteiler "Ku'damm 56" (So., 20.03., Mo., 21.03., und Mi., 23.03., jeweils 20.15 Uhr) die Hauptrolle - und überzeugt.

Die junge Frau, deren Haare auf nackte Schultern fallen, zieht sich schnell einen Kapuzenpulli über ihren bis zum Brustansatz textilfrei bleibenden Jumpsuit. Das Retro-Kleidungsstück, es hätte ihr als "Bondine" in einem Agentenstreifen der 70-er gut gestanden, wirkt tatsächlich ein wenig fehlplatziert bei der Vorstellung eines Dreiteilers, der in den 50er-Jahren spielt. Mit dem grauen Kapuzenpulli - es ist ein kalter Februartag in Hamburg - wirkt die 26-Jährige nun vollends wie eine Frau, die sich stilistisch zwischen den Dekaden verirrt hat. Aber: ein schönes Gesicht und einen ebensolchen Körper kann ja bekanntlich kaum etwas entstellen.

In der Tat war es für Sonja Gerhardt zuletzt ein ziemlicher Ritt durch die Zeit. 2014 agierte sie als DDR-Schönheit in der Serie "Deutschland 83", wenige Wochen später wurde sie als Hauptdarstellerin für einen 270 Minuten langen 50er-Jahre-Film im ZDF verpflichtet. Der nächste Job wird übrigens im späten Frühjahr die Hauptrolle im SAT.1 Film "Jack The Ripper", da gibt es dann wieder neue Frauenbilder und Klamotten überzustülpen.

Sonja Gerhardt kommt nicht aus einer jener klassisch schauspielaffinen Familien, die überproportional oft den kindlich-jugendlichen Nachwuchs in deutschen Fernsehproduktionen bestücken. Grundbürgerlich ist ihre Westberliner Familie, in die sie wenige Monate vor dem Mauerfall hineingeboren wurde. Die Frage Ost oder West stellt sich für sie allerdings nicht. Die Einheit ist längst in der Generation der Mittzwanziger und 30-Jährigen als Normalzustand angekommen. "Für meine Generation ist das nicht mehr von Bedeutung. Es ist ganz klar, wir sind eins", fasst es die 1989 Geborene zusammen.

Dennoch war es ein DDR-Aushängeschild, das die Karriere der Sonja Gerhardt initiierte. Weil eine um wenige Jahre ältere Freundin gern im Kinder-Ensemble des Friedrichstadt-Palastes tanzen und spielen wollte, sich aber nicht traute, alleine zum Casting zu gehen, nahm sie die damals fünfjährige Sonja mit. Gemeinerweise wurde die Kleine genommen, während man die Initiatorin von Gerhardts immer beachtlicher werdenden Karriere als "zu alt" nach Hause schickte. Zehn Jahre tanzte und spielte die kleine Sonja im Ensemble des Friedrichstadt-Palastes, ehe sie zur Telenovela wechselte. In "Schmetterlinge im Bauch" spielte sie ab 2006 die kleine Schwester von Hauptdarsteller Raphaël Vogt.

Für den Job schmiss sie sogar während der elften Klasse die Schule. Verwunderlicherweise mit Unterstützung der Eltern, bestätigt Gerhardt, die in ihrem klaren Berufsplan familiär stets nur Unterstützung fand. "Schon in der Grundschule wollte ich Schauspielerin werden und habe das auch öffentlich gesagt. Dafür erntete ich des Öfteren Gelächter. Mich hat schon immer die Möglichkeit fasziniert, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen." Tatsächlich wurden die Rollen des blonden Teenagers immer besser, ohne dass man ihre Karriere als raketenmäßig bezeichnen müsste. Der Telenovela folgte ein Engagement für einen Teenie-Kinofilm: "Sommer" war im Jahre 2008 ein zielgruppenspezifischer Unterhaltungsfilm, bei dem der Name Sonja Gerhardt gleich hinter dem des Hauptdarstellers Jimi Blue Ochsenknecht stand.

Während andere Schauspieler beim Entwachsen aus dem Teenie-Genre auf der Strecke bleiben, nimmt die Karriere der Sonja Gerhardt gerade richtig Fahrt auf. Für "Ku'damm 56" arbeitete die 26-Jährige nicht nur intensiv mit einer "etwas älteren Schauspiellehrerin" an Verhaltensweisen, am Lebensgefühl und der Etikette jener Jahre, sondern sie hatte auch ein täglich mehrstündiges Tanztraining mit ihrem Film(tanz)partner Trystan Pütter zu absolvieren. Gerhardts Rolle Monika ist eine junge Frau, die über die Teilnahme an Rock'n'Roll-Tanzwettbewerben aus dem Lebensgefühl des geknechteten Mauerblümchens erstmals zu Selbstbewusstsein findet. "Ich habe mich fünf Monate lang nur auf dieses Projekt konzentriert", fasst die Hauptdarstellerin dieses 50er-Jahre-Kaleidoskops zusammen. Ob seiner mutigen Erzählstränge, der famosen Ausstattung und Bildsprache darf man "Ku'damm 56" als gelungen bezeichnen. Gute Schauspieler braucht es für so ein Urteil natürlich auch und da kann es Sonja Gerhardt als depressives Aschenputtel im altbackenen Tanzschulen-Haushalt mit zwei (schöneren) Schwestern sogar mit Ausnahmeschauspielerin Claudia Michelsen aufnehmen, die ihre Mutter spielt.

"Ich arbeite mittlerweile schon seit zehn Jahren als Schauspielerin und habe auf so eine Rolle immer gehofft", gibt Sonja Gerhardt zu. Mit "Ku'damm 56" dürfte sie in der Riege junger deutscher Top-Schauspielerinnen angekommen sein, die für derlei Großprojekte in Betracht kommen. Man muss sagen, früher hat bei Sonja Gerhardt nicht unbedingt viel für eine solche Entwicklung gesprochen. Ihr Schauspiel war solide, aber nicht Aufsehen erregend - was sicher auch mit den bisherigen Rollen zu tun hat. In "Ku'damm 56" überzeugt sie nun als scheue Brillenschlange unter der frauenfeindlichen Knute traumatisierter Männer und eng gesteckter, weiblicher Schönheitsideale.

Natürlich muss man Sonja Gerhardt nach dem internationalen Erfolg der Serie "Deutschland 83" fragen. Danach, ob es für sie schon Angebote aus Amerika gab. Dort wurde die Berlinerin von manchen US-Medien zum "Fräuleinwunder" geadelt. Selbst wenn dieser Begriff in etwa der gleichen Zeit entstammt wie die Frauenbilder von "Ku'damm 56" - tatsächlich sieht Sonja Gerhardt mit ihren blonden Haaren, dem hellen Teint und den vollen Wangen so ein bisschen wie das klischeehafte Bild einer deutschen jungen Frau aus. Doch - oh Wunder - bislang blieben ausländische Angebote aus, was die Schauspiel-Aufsteigerin der letzten beiden Jahre fast ein wenig enttäuscht gegen die Suitendecke eines Hamburger Luxushotels blicken lässt.

Was sie von Leben und Karriere noch erwartet? "Ich möchte weiterhin einfach nur glücklich und zufrieden sein. Das ist mir wichtig, und dazu gehört zum Beispiel auch, als Schauspielerin Teil toller Projekte sein zu dürfen, die beim Publikum gut ankommen. Glück heißt für mich aber auch, irgendwann eine eigene Familie zu haben." Die Antwort kommt schnell und ohne langes Zögern. Sonja Gerhardt ist eine, die macht - und nicht lange darüber nachdenkt. Die Schule brach sie direkt nach dem ersten Rollenangebot ab, zum ersten Casting ging sie, ohne zuvor den Text angeschaut zu haben. Damals, lacht sie heute, hätte sie einfach nicht Bescheid gewusst, dass man den Text nicht einfach nur abliest. Könnte ihr heute nicht mehr passieren. Das mit der Rolle hat damals übrigens nicht geklappt. Dafür aber beim zweiten Casting. Sonja Gerhardt ist nämlich nicht nur zielstrebig, sondern auch ziemlich fleißig, sagt sie. Vielleicht also doch ein deutsches Fräuleinwunder alter Schule.

Quelle: teleschau - der mediendienst