Edin Hasanovic

Edin Hasanovic





Die Schauspielerei hat mich ausgesucht

Als ihm Anfang Februar in Hamburg die Goldene Kamera als "bester Nachwuchsschauspieler" verliehen wurde, gab sich Edin Hasanovic nicht bloß überrascht, er war es wirklich. Wie von der Tarantel gestochen rannte er auf die Bühne, um seinem Herzen Luft zu machen. Auch ohne Thomas Gottschalks Aufforderung: "Hau die Dankesrede raus!" hätte man ein Bündel Mensch erlebt, das aus lauter Freude bestand. Standing Ovations, wie hier, hat man für deutsche Jungschauspieler auch nicht allzu oft. Überhaupt sind in diesen Tagen die Hasanovic-Festspiele ausgebrochen. Im Ersten läuft am Mittwoch, 2. März, 20.15 Uhr, der Wettmafia-Film "Auf kurze Distanz", in dem er neben Tom Schilling die Hauptrolle spielt. Und dann ist da auch noch - freitags, spät im ZDF, bis zum 4. März, aber auch im Internet - die Neonazi-Satire "Familie Braun", über die sich Kritiker und Nutzer streiten - oder einfach herzlich lachen.

"Ja, es ist so etwas wie der Höhepunkt in meiner bisherigen Laufbahn", sagt Edin Hasanovic, der am 2. April 24 Jahre alt wird, und meint damit die Verleihung der Goldenen Kamera, die selbst in seiner Heimat Bosnien Aufsehen erregt hat. Dort, wo er in den Kriegswirren 1992 geboren wurde, bekommt er auch jetzt noch viel Zuspruch und Aufmerksamkeit. In mehrfacher Hinsicht kam der Preis "zum richtigen Zeitpunkt", wie er erklärt. "Es ist der Lohn, die Bestätigung dafür, dass man sich zehn, elf Jahre den Allerwertesten aufgerissen hat."

"Ich freue mich so sehr, weil ich unfassbar brenne für diesen Beruf", brach es in Hamburg aus ihm heraus, und nach einem kurzen Dank an die Mutter, die ihn nach Deutschland brachte, vergaß er auch die Flüchtlinge von heute nicht. "Ich frage mich: Wie viele derer, die hierher kommen, haben das Potenzial, hier zu stehen und unsere Schauspielkollegen und Regisseure zu sein!" Mit diesem Satz riss er die Zuschauer von den Sitzen. Hinterher postete seine "liebste Freundin", die Sängerin Jasmin Shakeri, einen gemeinsam gesungenen Freuden-Rap im Internet.

Doch Hasanovic ist schon seit Längerem kein unbeschriebenes Blatt. In der ZDF-Kinokoproduktion "Schuld sind immer die anderen" spielte er 2012 einen jugendlichen Straftäter, der später im Erziehungsheim seinem Opfer gegenübertritt, der dabei innere Reue zeigt und sie doch nicht aussprechen kann. Mag sein, Hasanovic spielt Rollen wie diese so gut, weil sein Spiel unverfälscht von anerzogenen theatralischen Techniken blieb. Früh kam er zum Theater, spielte dann als 15-Jähriger die durchgehende Rolle eines Kosovo-Flüchtlings in der Serie "KDD - Kriminal-Dauerdienst" im ZDF.

Schon als Kind imitierte Edin gerne andere Leute. "Du wirst mal Schauspieler", hat man da zu ihm gesagt. Aber dass man ihn nun einfach ein "Naturtalent" nennt, das lehnt er ab. "Der Begriff gefällt mir nicht", sagt er, "es ist eher eine Berufung. Die Schauspielerei hat sich mich ausgesucht." Vorbilder? - "Eher schwierig", so glaubt er, "aber es gibt immer Kollegen, die mich inspirieren. Ich lerne immer dazu, am Set und von den Leuten auf der Straße, die ich beobachte." Lange, sehr lange bereitet er seine Rollen vor und wählt sie gewissenhaft aus. Mit einem Coach - "Der dockt sehr gut an meinen Intuitionen an" - bespricht er sie ausführlich. "Ich bin dabei immer einen Schritt weitergekommen."

Der Film "Auf kurze Distanz", der am 02. März im Ersten läuft, ist wieder so ein Schritt. Ohne dass nun alle Hintergründe eines globalen Betrugssystems im Sportwettenbereich zum Vorschein kämen, erzählt der Film die Freundschaft eines mafiosen Außenseiters (Hasanovic), der seinem Freund, einem eingeschleusten Ermittler (Tom Schilling), gutgläubig vertraut. Es ist die Geschichte einer verschwiegenen, vielschichtigen Freundschaft, ein Buddy-Movie vor der Kulisse von Wettbetrug und Mafia.

Luka heißt Hasanovic im Film, er ist da Serbe. Lukas Vater ist gestorben, als er 15 war. Hasanovics eigener Vater wurde im bosnischen Bürgerkrieg verschleppt, er blieb bis heute verschwunden. Ein Grab gibt es nicht. Ob er es vermisst? "Für meinen Seelenfrieden bräuchte ich das natürlich, auch wenn ich ihn gar nicht gekannt habe", sagt Hasanovic. Noch immer fährt er "einmal im Jahr, meistens im Sommer" in die alte Heimat nach Bosnien. "Dort lebt schließlich ein Großteil meiner Familie, dort werden die Batterien aufgeladen." Noch immer ist kein wirklicher Friede zwischen den einstigen Feinden eingekehrt. Noch immer gibt es so etwas wie einen "Krieg in den Köpfen". In den Dörfern leben Serben und Bosnier meist getrennt voneinander.

Nicht nur am Set braucht der Mensch Hasanovic "viel gute Energie und Liebe". Es sei ja so: "Jeder holt seine Kraft woanders her. Manche brauchen die Reibung. Ich brauche die gute Energie - den angstfreien Raum, in dem ich arbeiten kann." Im zarten Alter von sieben hat Hasanovic übrigens bereits eine Oscar-Rede gehalten. Wie so was geht? - "Ganz einfach: Vor einem sitzen die Mutter und die Cousine. Man bricht in Tränen aus und dankt dem lieben Gott und allen Verwandten. So, wie man es im Fernsehen eben gesehen hat." Ob er sich auch im echten Leben einen Oscar wünscht? - "Wenn er anruft, würde ich nicht Nein sagen. Aber im Moment habe ich andere Sorgen. Ich bin jetzt gerade erst mal dabei, mich in Deutschland zu etablieren."

Quelle: teleschau - der mediendienst