Flüchtlingsdoku "Fuocoammare" gewinnt den Goldenen Bären

Flüchtlingsdoku "Fuocoammare" gewinnt den Goldenen Bären





Berlinale 2016: Mit der Wahl des besten Films sendet die Jury ein starkes politisches Signal

Es ist keine Überraschung, dass der italienische Dokumentarfilm "Fuocoammare" bei der Berlinale 2016 den Goldenen Bären gewann. Regisseur Gianfranco Rosi galt mit seiner Lampedusa-Doku von Beginn der Berlinale an als Favorit. Die Wahl von Jury-Präsidentin Meryl Streep und ihren Kollegen Lars Eidinger, Nick James, Brigitte Lacombe, Clive Owen, Alba Rohrwacher und Malgorzata Szumowska ist nicht nur richtig, sondern auch wichtig. Silberne Bären gingen unter anderem an Filme aus Frankreich, den Philippinen, Tunesien und Bosnien-Herzegowina. Den Panorama-Publikumspreis gewann "Junction 48", der sich mit viel Energie und Rap-Musik für die Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt. Der einzige deutsche Wettbewerbsbeitrag, "24 Wochen", ging leer aus.

Dass sich die Berlinale gerne politisch gibt, gehört zur DNA des Festivals. Dass "Fuocoammare" den Goldenen Bären gewann, ist demzufolge nur logisch, und doch ist es besonders. Es ist der erste Dokumentarfilm seit langem, der den Hauptpreis bekam. Und es ist ein Film, der sich gegen künstlerisch weitaus stärkere Konkurrenz durchsetzte. Für Meryl Streep war die Geschichte vom Leben auf und Sterben vor Lampedusa das "Herzstück der Berlinale". Der Film ist aber mehr als das, er ist das Herzstück eines Europas, das sich auflöst.

Auch der Silberne Bär für den Großen Preis der Jury - gewissermaßen der zweite Platz - ging an einen Film, die sich mit Europa auseinandersetzt. Danis Tanovic bekam ihn für "Death in Sarajevo". Der Oscargewinner aus Bosnien-Herzegowina ("No Man's Land") reflektiert in einem satirischen Gleichnis den Zustand des Kontinents: Sein Film spielt im "Hotel Europa", in dem sich 100 Jahre nach dem Attentat von Sarajevo, dem Auslöser des Ersten Weltkrieges, die diplomatische Elite trifft um für Frieden und Verständigung zu werben, während die Angestellten mit der Realität aus Gewalt und Hoffnungslosigkeit kämpfen müssen.

Der Pole Tomasz Wasilewski wurde mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch ausgezeichnet: Sein "Zjednoczone stany milosci" ("United States of Love") entführt in eine trostlose Welt im Polen Anfang der 90er-Jahre. In einer Kleinstadt müssen vier Frauen mit großen gesellschaftlichen Umbrüchen klarkommen, während das Leben im Privaten in Trümmern liegt.

Als beste Darstellerin wurde Trine Dyrholm ausgezeichnet, die in Thomas Vinterbergs "Die Kommune" an der Liebe zu ihrem Mann verzweifelt. Sie hatte ihn zu einem Leben in einer offenen Beziehung ermuntert: bis er seine jüngere Freundin in die Kopenhagener WG einziehen lässt. Als bester Darsteller gewann Majd Mastoura den Silbernen Bären: Er spielt im tunesischen Film "Inhebbek Hedi", der auch den Preis als bester Erstlingsfilm gewann, einen ziemlich antriebslosen Autoverkäufer, der im Niemandsland zwischen Tradition und Moderne gefangen ist.

Der Preis für die beste Regie ging an die Französin Mia Hansen-Love, die eine Philosophieprofessorin "L'avenir"an der Schwelle zum Alter zwingt, ihr Leben noch einmal neu zu ordnen. Eine große Bühne für Isabelle Huppert, die sehr zurückhaltend durch die Irrungen des Lebens schreitet.

Nicht unbelohnt blieb auch das achtstündige Epos "Hele Sa Hiwagang Hapis" ("A Lullaby to the Sorrowful Mystery"): In seiner mystischen Kinoreise verquickt der philippinische Regisseur Lav Diaz Mythologie und Fakten in eindrücklichen Schwarz-Weiß-Bildern. Der Alfred-Bauer-Preis für Filme, die dem Kino neue Perspektiven eröffnen, scheint auf jeden Fall ein angemessener Preis. Den Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung in den technischen Kategorien bekam Kameramann Mark Lee Ping-Bing für den chinesischen Beitrag "Chang Jiang Tu" ("Crosscurrent").

Quelle: teleschau - der mediendienst