Rosalie Thomass

Rosalie Thomass





Ein bezaubernder trauriger Clown

Rosalie Thomass bekommt im Sommer ihr erstes Kind. Mit charmanter Eleganz - und Mutterstolz - schiebt sie ihr Babybäuchlein unter dem eng anliegenden Samtkleid vor. Jetzt kommt sie wieder etwas zur Ruhe. Das zurückliegende Jahr war abenteuerlich. Zuletzt hatte sie sich für das Wagnis eines in weiten Teilen improvisierten Kinoprojekts entschlossen - angeführt von einer starken Frau: Doris Dörrie engagierte die 28-Jährige für ihren dritten Japan-Film "Grüße aus Fukushima" (Start: 10. März). In einer Münchner Hinterhof-Gaststätte scherzen Thomass und Dörrie gemeinsam am Herd stehend, schwelgen in Erinnerungen und kredenzen die typischen Klebreisbällchen mit Lachs, die sie so lieb gewonnen haben. Uneinigkeit herrscht dagegen in Sachen Grüner Tee, wie die beim Bayerischen Filmpreis jüngst als beste Darstellerin ausgezeichnete Münchnerin im Interview verrät.

teleschau: Klingt es nicht ein bisschen gruselig, wenn man seinen Freunden erzählt, dass man in Fukushima dreht?

Rosalie Thomass: Ich zögerte keine Sekunde und fand's einfach großartig, was Doris Dörrie mir über ihre Pläne erzählt hatte. Ich dachte mir einfach: Wenn sie dort hinfahren kann, dann kann ich das auch.

teleschau: Sie war vorher schon in Fukushima?

Thomass: Soweit ich weiß zweimal zur Recherche. Davon hatte sie mir eben erzählt. Mich beeindruckten ihr Mut und ihre Tatkraft: wenn einen etwas interessiert, einfach dorthin zu fahren und sich sein eigenes Bild zu machen. Sich nicht nur auf die Informationen zu verlassen, die man hier über Fukushima bekam. Deswegen war es mir klar, dass ich unbedingt mitkommen musste. Ehrlich gesagt war ich etwas überrascht, wie heftig mein Umfeld darauf reagierte.

teleschau: Wie verabschiedet man sich denn von Eltern und Freunden, wenn es nach Japan geht - und zwar genau an den Ort, den man aus all den Horrornachrichten kennt?

Thomass: Meine Freunde fanden das auch alle wahnsinnig aufregend, viele hatten Bedenken. Meiner Mutter erzählte ich absichtlich erst recht spät davon. Erst als ich wusste, dass wir definitiv drehen werden, sagte ich es ihr. Wie immer bei Kinoprojekten gab es auch diesmal erst eine lange Finanzierungsphase, in der wir noch nicht so genau wussten, ob wir überhaupt drehen würden. Als ich meiner Familie endlich davon erzählte, bekam ich tatsächlich ganz schön Gegenwind. Ich kann das aber auch verstehen.

teleschau: Weil ..?

Thomass: Wenn ich selbst an einen Ort reisen kann, kann ich die Lage selber einschätzen, mir ein Bild machen und ordentlich beurteilen, ob das eine Gegend ist, in der ich mich aufhalten möchte. Wenn man jemand anderen ziehen lassen muss, ist das glaube ich schwieriger. Vor allem um mein Umfeld zu beruhigen - aber natürlich auch mich selber - telefonierte ich im Vorfeld lange mit einem Strahlenexperten. Ihm konnte ich alle Fragen stellen, die ich in meinem Umfeld gesammelt hatte. Was zurückblieb, war das Gefühl: Etwas richtig, richtig Schlimmes kann immer passieren. Überall. Auch bei uns könnte - Gott bewahre - ein Flugzeug in ein Atomkraftwerk stürzen. Genauso könnte dort das größte Erdbeben aller Zeiten ausbrechen und den Reaktor in die Luft gehen lassen.

teleschau: Mit solchen Sorgen sollte man nicht aus dem Haus gehen.

Thomass: Genau! Das Schlimmste fand ich ohnehin den Gedanken an den langen Flug nach Japan. Ich fliege nicht gern.

teleschau: Waren Sie denn vorher schon mal in Japan?

Thomass: Nein. Allein deshalb war ich so glücklich, dass ich diese Reise machen konnte. Ich hatte mich bis dahin noch nicht viel mit Japan beschäftigt: ein bisschen japanisches Geschirr, ein paar Filme, eine Freundin mit japanischen Eltern, durch die ich ein wenig einen Eindruck hatte.

teleschau: War denn der "Kirschblüten"-Film von Doris Dörrie ein guter Reiseführer?

Thomass: Doris wünschte sich, dass ich mich gar nicht auf das Land einstelle. Sie wollte, dass meine Figur völlig plump und unvorbereitet dort auftaucht. Wir haben viel improvisiert - oder improvisieren müssen. Da ist es natürlich gut, wenn man weiß, dass die Figur keine Ahnung von der japanischen Kultur hat. Trotzdem siegte natürlich meine persönliche Neugier: Ich recherchierte viel, las Bücher über die japanische Kultur - und quetschte natürlich meine Freundin aus. Mir war es wichtig, eine Idee von dem Land zu haben, das ich bereise.

teleschau: Nachvollziehbar ...

Thomass: Gerade bei der Geschichte des Landes. Mich interessiert immer die Frage, warum die Menschen so sind wie sie sind. Auch warum alles so ganz anders aussieht als bei uns. Mir war beispielsweise vor meiner Lektüre nicht präsent, dass auch Tokyo im Krieg derart zerstört und deshalb größtenteils neu aufgebaut worden war. Doris hat eine ganz eigene, ich würde sagen zwiegespaltene Sicht auf Japan. Das kann ich nachvollziehen. Dort zu leben, würde mir schwerfallen. Für ein paar Wochen war es berauschend schön. Aber auf lange Sicht würde ich dort wahrscheinlich eingehen.

teleschau: Ist vieles doch sehr befremdlich?

Thomass: Es gibt keine Körperlichkeit. Man umarmt sich nicht, man küsst sich nicht auf der Straße. Man sieht sich überhaupt nicht an. Ich habe viele im Team immer wieder gefragt, wie sie überhaupt flirten - in einem Restaurant zum Beispiel. Weil sich niemand über die Tische hinweg anblickt.

teleschau: Und wie machen sie es?

Thomass: Ach, über das Internet. Und davor? "Dafür sind wir zu jung, wissen wir nicht". Die Frage blieb für mich ein Rätsel. Ich bin eher kontaktfreudig und offen - auf Dauer würde mich diese menschliche Distanz frustrieren. Natürlich weiß ich, dass sie nicht persönlich gemeint ist. Aber mit meiner Art, jemanden auf der Straße einfach offen anzulächeln, kam ich mir manchmal fast vor wie ein Angreifer.

teleschau: Jetzt sind Sie ja nicht nur ein liebenswert offener Mensch. Sondern auch noch Schauspielerin. Die gehen doch schon auf ihre Umgebung zu, oder?

Thomass: Manche so, manche so. Innerhalb des Teams war das gar kein Problem, weil unsere Kollegen häufig mit internationalen Gästen arbeiten. Im alltäglichen Leben würde mich aber die Verschlossenheit der Menschen ganz schön traurig machen. Vielleicht macht es auch die Japaner traurig. Hierfür gibt es sicher viele verschiedene Gründe, aber die Selbstmordrate in Japan ist immer noch recht hoch.

teleschau: Der Film macht Unterschiede sichtbar: Ihre Figur Marie wird etwa zurechtgewiesen, dass sie sich auf dem Boden nicht so breit hinlümmeln soll.

Thomass: So etwas ist bei uns geradezu ausgestorben. Meine Großmutter korrigiert mich zum Glück nicht mehr, wie ich sitzen muss. Bei Tisch: mit geradem Rücken. Aber bei uns sind dafür die Manieren ja leider völlig verkommen. Etwa, dass man nicht laut telefonierend durch ein Geschäft läuft, sondern das lieber draußen zu Ende bringt.

teleschau: Das heißt, Sie haben schon auch etwas privat aus dem Projekt mitnehmen können. Trinken Sie jetzt gesitteter Tee?

Thomass: Ich mag leider keinen Grünen Tee.

teleschau: Ernsthaft? Doris Dörrie ist doch ein großer Fan.

Thomass: Ich kann ihn nicht ausstehen. Überhaupt nicht. Was ich privat für mich selbst mitgenommen habe, ist eher etwas Größeres: Dass ich dankbar bin, dass ich in einem so schönen, sicheren Land aufgewachsen bin und dort leben darf. Dass wir eine freie, leidenschaftliche Kultur haben. Auch wenn die Deutschen innerhalb Europas als die verklemmten Piefkes gelten.

teleschau: So das gängige Klischee.

Thomass: Aber das stimmt gar nicht. Im Vergleich zu dem, was ich in Japan erlebt habe, sind wir leidenschaftliche, wilde, emotionale Menschen. Und wir haben eine Kultur des Aufbegehrens und der Rebellion. Auch gegen Atomenergie. Darum geht es auch im Kern des Films: Dass jeder von uns aktiv mitgestalten kann und muss, ob er ein schönes oder ein furchtbares Leben hat. Marie kann auch noch zehn Jahre weiterheulen. Aber es wird nicht besser werden. Niemand kann ihr den Schmerz abnehmen. Es ist anstrengend, es ist furchtbar, und es kostet Kraft. Aber wir können nicht darauf warten, dass jemand anderer uns unsere Traurigkeit wegzaubert.

teleschau: Wie sieht eigentlich so was wie Heimat für Sie aus?

Thomass: Weil ich zum Arbeiten so viel unterwegs bin, in Hotels oder an anderen anonymen Orten, bin ich selten daheim. Deswegen habe ich für mich entdeckt: Heimat kann nur etwas sein, was du dir selber schaffst. Ein inneres Gefühl, das du überall hin mitnehmen kannst.

teleschau: Schauspieler als fahrendes Volk. Wie lief denn dann Ihre Reise mit dem kleinen Doris-Dörrie-Team ab, fühlte sich das fast familiär an?

Thomass: (lacht) Wir haben uns gut vertragen. Wir hatten ein großartiges japanisches Team. Mit einigen habe ich mich richtig angefreundet und vermisse sie nun sehr. Mit ihnen war ich an freien Tagen in der nächst größeren Stadt, im Zirkus oder in einem tollen Restaurant. Ansonsten saßen wir abends nach Drehschluss zusammen im Speisesaal unseres Containerhotels. Er hatte in etwa den Charme einer Autobahnraststätte. Man wuchs schon zusammen, vor allem weil keine Alternativen bestanden und wir es uns schön machen mussten, mit dem was da war. Die Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten waren sehr begrenzt.

teleschau: Auch mit Doris Dörrie?

Thomass: Es gab ja aus Deutschland nur sie, den Kameramann und den Beleuchter.

teleschau: Spielt man da Schafkopf oder Skat abends?

Thomass: Ich bin eine sehr schlechte Spielerin, weil ich nicht gerne verliere. Ich hatte meinen Hulla-Hoop-Reifen dabei. Wie Marie im Film. Mit dem Ding und Kopfhörern habe ich mich stundenlang auf den hässlichen Parkplatz gestellt und die Hüften kreisen lassen.

teleschau: Und die Clown-Nummern im Film?

Thomass: Die sind furchtbar. Mich als Schauspielerin hat es Überwindung gekostet, mich darauf nicht besser vorzubereiten. Aber Doris wollte, dass Marie ein mieser Clown ist.

teleschau: Kann man Sie jetzt nicht buchen?

Thomass: Nein (lacht). Ich bin kein guter Clown. Allerdings: Einmal, beim Kindergarten-Sommerfest kam ich als Clown super an. Aber da war ich halt auch fünf.

Quelle: teleschau - der mediendienst