Ein kleiner Film, ein großer Gewinner

Ein kleiner Film, ein großer Gewinner





Deutschland im Wettbewerb der 66. Berlinale

Die Berlinale neigt sich dem Ende entgegen, die Mehrheit der 18 Wettbewerbsfilme ist gelaufen, und noch immer antworten einige von denen, die den Überblick behalten haben, auf die Frage nach dem bisher besten Film: "Der deutsche". Oder namentlich: "24 Wochen". So falsch liegen sie damit nicht. Nach starkem Start hat die Qualität der Beiträge dann doch etwas nachgelassen. Fragt man sich, welcher Kinomoment denn wohl am ehesten in Erinnerung bleiben wird, dann könnte es schon jener sein, in dem das Leben von Hauptdarstellerin Julia Jentsch endgültig am Scheideweg steht. Es ist das schwere Thema "Spätabtreibung", dessen sich der Film auf unfassbar authentische Weise annimmt. Deutschland wurde demnach würdig vertreten in diesem Wettbewerb um den Goldenen Bären. Aber eben tatsächlich nur in diesem Film?

Die Diskussionen ähneln sich: Ging in der Vergangenheit nur ein Film aus Deutschland ins Rennen, wurde stets die Qualitätsfrage gestellt. Ob hierzulande eben nur Komödien produziert würden, die ja eben niemals für einen großen Wettbewerb vorgesehen sind? Oder meiden populäre Filmemacher bewusst die Berliner Bühne, um sich diese frühe Flut von Pressekritiken zu ersparen, die naturgemäß eigentlich immer zwiespältig sind. Und schadet gar der "Kultur"-Stempel, den die Berlinale automatisch mitliefert, dem Einspielergebnis an den Kinokassen?

Waren es indes zum Beispiel vier deutsche Filme, wie noch 2015, wurde das Inflationäre bemängelt, ergänzt durch die Aufforderung, doch bitteschön in einem globalen Festival beim Deutschen etwas mehr Zurückhaltung zu üben. Übersehen wird bei alldem, dass eben ein neues globales Denken auch für internationale Koproduktionen sorgt. Bedeutet: Im Berliner Wettbewerb wurden diesmal nicht nur einer, sondern eben vier Filme mit deutscher Beteiligung bei der Produktion gezeigt. Auch deutsche Schauspieler gab es zu sehen.

Vor allem in der vorwiegend britischen Fallada-Verfilmung "Keiner stirbt für sich allein", die zu den bisher meistdiskutierten Werken des Festivals gehörte. Nicht etwa ob ihres Themas, wie man annehmen könnte. Schließlich geht es um den Widerstand von Deutschen während des Hitlers-Regimes. Sondern schlicht ob der Qualität und der sonderbaren Wirkung des Films.

Wettbewerbsbeiträge werden bei der Berlinale selbstverständlich in der Originalversion gezeigt. Bedeutet hier: Otto Quangel (Brendan Gleeson) und seine Ehefrau Anna (Emma Thompson) spielen Deutsche, sprechen aber wie alle anderen Deutschen in diesem Film Englisch. Geschrieben wird indes von ihnen auf Deutsch. Denn genau darum geht es in dem Drama von Vincent Perez: Nachdem das Ehepaar früh im Krieg seinen einzigen Sohn verloren hat, beginnt es, Postkarten zu schreiben, auf denen sie das Ende der Diktatur fordern: "Stoppt die Kriegsmaschine!", "Freie Presse", "Tötet Hitler!" ist da zu lesen. Diese Karten verteilen sie heimlich in Berlin. Der Gestapo-Mann Escherich (Daniel Brühl) macht Jagd auf die unbekannten Verfasser, was dann leider der Kern des langatmigen Historiendramas ist, dem am Ende dann auch noch eine echte Botschaft fehlt. Aufgrund seiner namhaften Besetzung und des deutschen Themas wird der Film sicher seinen Weg in die hiesigen Kinos finden. Ein großer Erfolg dürfte ihm aber dort nicht zuteilwerden.

Im Kern aus Frankreich, aber ebenfalls mit deutscher Produktions-Beteiligung, entstand "L'avenir", das Porträt einer Philosophielehrerin, die an der Schwelle zum Alter gezwungen wird, ihr Leben noch einmal neu zu ordnen. Vor allem aber ist der Film eine große Bühne für Isabelle Huppert, die sehr zurückhaltend durch die Irrungen des Lebens schreitet. Am Ende hat sie keinen Mann und keine Katze mehr, aber wahrscheinlich ein bisschen Hoffnung. Etwas wenig Botschaft für ein Drama, das viele grundsätzliche Fragen nach Alter, Glück, Liebe und Beständigkeit stellt, aber kaum Antworten bietet.

Und schließlich waren deutsche Produzenten beteiligt an dem mexikanischen Drama "Soy Nero" von Berlinale-Stammgast Rafi Pitts. Es geht um einen jungen Mexikaner, der nicht illegal in den USA leben will und sich daher einen Erlass namens "Dream Act" zunutze macht. Er erlaubt es Immigranten, sofern sie in der Armee dienen, danach die US-Staatsbürgerschaft zu erwerben. Nur: Jener Nero findet sich alsbald in der Wüstenlandschaft der Kriegsgebiete im Mittleren Osten wieder. Botschaft klar: Hier treffen süßer Traum und grausame Wirklichkeit schonungslos, aber eben auch sehr plakativ aufeinander.

Keine Frage: Anne Zohra Berracheds "24 Wochen", es ist erst ihr zweiter Spielfilm, ist der mit Abstand beste unter all jenen, die in diesem Jahr die deutsche Handschrift im Wettbewerb tragen. Unter Beteiligung des "kleinen Fernsehspiels" entstand das bewegende Porträt eines Paares, dessen ungeborenes Kind nicht nur das Down-Syndrom hat, sondern auch an einer schweren Herzkrankheit leidet. Im siebten Schwangerschaftsmonat stehen Astrid und Markus (Julia Jentsch, Bjarne Mädel) vor der Entscheidung, doch noch abzutreiben. Womöglich ist der Film schlicht zu klein und zu unpolitisch, um den Goldenen Bären am Ende zu erhalten (Verleihung am Samstag, 20.02.). Aber er darf für sich in Anspruch nehmen, vollkommen uneitel und ohne banale vordergründige Effekte die Kinosäle dieses Festivals kollektiv in Atemlosigkeit versetzt zu haben. Kein knalliges Gewitter wie im vergangenen Jahr Sebastian Schippers Filmexperiment "Victoria", sondern 102 Minuten echtes, ungeschöntes Leben auf der großen Leinwand. Besser als mit diesem ganz eigenen Film hätte sich Deutschland bei dieser Berlinale nicht präsentieren können.

Quelle: teleschau - der mediendienst