Katharina Lorenz

Katharina Lorenz





"Ich bin doch eigentlich gar keine Schauspielerin"

Das Interview läuft noch keine fünf Minuten, da erschrickt Katharina Lorenz: "Jetzt rede ich schon wieder so viel!" So zurückhaltend sie in der persönlichen Begegnung ist, so präsent und fordernd tritt sie in der neuen ARD-Reihe "Der Tel-Aviv-Krimi" (3. und 10. März, jeweils 20.15 Uhr, ARD) auf. Als taffe Kommissarin Sara Stein ermittelt sie zunächst noch in Berlin, ab der zweiten Folge in der titelgebenden israelischen Stadt. Eine ungewöhnliche Rolle: Sonst scheint die 37-Jährige bei ihren nicht allzu häufigen Ausflügen vom Wiener Burgtheater eher auf die Figur des leidenden Opfers abonniert. Aber nicht nur wegen dieser Abwechslung hat Lorenz die Dreharbeiten in Israel genossen ...

teleschau: In den Tel-Aviv-Krimis geht es auch um den Konflikt zwischen Israel und Palästina. Ist ein so heißes Eisen in der TV-Unterhaltung für Sie ein Grund, mal wieder von der Theaterbühne zu kommen?

Katharina Lorenz: Kann man so sagen. Dieses ist Land eigentlich immer im Krieg, umgeben von Feinden. Als ich die Bücher las, fand ich genau das reizvoll: Dass es nicht irgendein Kriminalfall ist, sondern sehr viel mit dem Land an sich zu tun hat. Obwohl ich mich vor diesem Projekt nie besonders damit beschäftigt habe, auch nicht mit der Religion. Erst hatte ich auch Skrupel, aber dann habe ich ein paar Dinge getan, die mir die Angst genommen haben.

teleschau: Was denn?

Lorenz: Ich habe drei Monate Hebräisch gelernt, erst auf der Volkshochschule, dann mit einem Privatlehrer. Ich wollte die Grundlagen beherrschen. Dass ich sagen konnte, wer ich bin, wie es mir geht und so weiter, das hat mir die Angst genommen - und dort auch die Türen geöffnet. Wobei ich es irgendwann auch übertrieben habe, da saß ich mit 30 Büchern in meinem Zimmer ... (lacht) Aber diese leichte Hysterie hat sich inzwischen gelegt, vor allem auch weil ich die Menschen kennengelernt habe.

teleschau: Spürten Sie, dass es in Israel noch Vorbehalte gegenüber Deutschen gibt?

Lorenz: Im Gegenteil, ich war eher überrascht davon, dass es gar keine gab. Die haben mich so herzlich empfangen. Ich weiß noch, wie der israelische Produzent mich schon beim ersten Treffen umarmt hat; in Deutschland hätte man sich da nur die Hand gegeben. Ich glaube, vor allem für die junge Generation ist das kein Thema mehr - fürs Überleben darf das kein Thema mehr sein. Und wenn man Berlin erwähnt, geraten viele schnell ins Schwärmen. Zwar habe ich von Tel Aviv nicht allzu viel mitbekommen ...

teleschau: Weil der Gaza-Konflikt mitten in den Dreharbeiten eskalierte?

Lorenz: Genau. Ich fand es gut, dass man nicht beschlossen hat, dass wir das in so einer Blase durchziehen, während rund ums uns Krieg herrscht. Stattdessen wurde ganz schnell die Vorgeschichte improvisiert, die eben noch in Berlin spielt.

teleschau: Moment. Die Pilotfolge ist eine hastige Improvisation?

Lorenz: Ja. Es war Wahnsinn, wie schnell und wie gut dabei die Autoren geschrieben haben. Ich war sehr überrascht und dankbar für die Gelegenheit, die Figur noch besser vorzustellen - und gleichzeitig ist dadurch meine anfängliche Hysterie ganz schnell verflogen. Da war Krieg, dagegen sind meine Sorgen ein Witz.

teleschau: Was hat Sie an Israel überrascht?

Lorenz: Nun ja, vom Land habe ich ja nicht so viel mitbekommen: Ich wurde frühmorgens abgeholt und ans Set gebracht, erst spätabends ging es zurück in die Wohnung, und dann wurde oft noch etwas am Drehbuch geändert ... Ich hatte zwar ein paarmal den Gedanken: "Am Wochenende fahr ich mal schnell nach Jerusalem", aber dazu ist es dann nie gekommen. Aber was ich beeindruckend fand, waren die jungen Leute.

teleschau: Inwiefern?

Lorenz: Die haben jeden Tag gefeiert. Nicht einfach blöde Party gemacht, sondern jeden Tag ihr Recht auf Leben verteidigt. Wenn ich mal nicht gut drauf war, kam immer die Frage: "What's wrong? You're too german, you're too serious!" - Aber das hatte nichts Oberflächliches, man weiß ja, woher das kommt.

teleschau: Sie spielen in den Krimis die Kommissarin Sara Stein, die sich nie groß um ihre jüdischen Wurzeln gekümmert hat und plötzlich den Entschluss fasst, nach Israel zu ziehen. Was treibt diese Frau an?

Lorenz: Als ich die Bücher las, schien sie mir wie eine verschrobene Einzelgängerin, die immer mit dem Kopf durch die Wand will. Was sie überhaupt nicht mag, ist das Schubladendenken, das den immer gleichen gängigen Mustern folgt. Deshalb sieht sie sich auch selbst gerne nicht in Schubladen. Sie will nicht dadurch festgelegt werden, dass sie Jüdin ist. Oder eine Frau. Sie will frei sein.

teleschau: Läuft sie deshalb auch so viel?

Lorenz: Ja, sie joggt nicht nur, um fit zu bleiben, das ist auch ein Davonlaufen.

teleschau: Sie sahen als Läuferin sehr geübt aus. Joggen Sie selbst?

Lorenz: Ja, jeden Tag. Seit 20 Jahren. Ich brauche das, das ist wie eine Meditation für mich.

teleschau: Man sieht Sie gleich in der ersten Folge aber nicht nur Joggen, sondern auch sehr aktiv im Bett. Brauchen Sie für solche Nacktszenen vor der Kamera noch Überwindung, oder sind Sie das durch die Bühnenarbeit im Deutschen Theater inzwischen eher gewöhnt?

Lorenz: Vor der Kamera ist das noch mal was anderes, das kostet auf jeden Fall Überwindung. Die Kamera ist ja viel näher dran, und der Raum ist viel privater. Die Bühne ist geschützter, weil man mehr Fluchtmöglichkeiten hat. Wenn's mir da zu viel wird, könnte ich ja theoretisch einfach weggehen und mir was anziehen. Aber ich habe da keine allzu großen Berührungsängste, vielleicht auch durch die Art, wie ich aufgezogen wurde. Meine Eltern waren zwar keine Hippies, aber im Urlaub oder so sind wir alle nackt herumgelaufen. Trotzdem ist es für mich immer wichtig, dass die Nacktheit auch einen Sinn hat und nicht nur schön aussehen soll. Aber wenn man's macht, dann auch richtig, da sollte man nichts kaschieren, mit hochgezogener Bettdecke oder so.

teleschau: Vor Nacktheit haben Sie also schon mal keine Angst. Wovor dann?

Lorenz: Mir kommen immer wieder Skrupel, dass ich denke, ich bin doch eigentlich gar keine Schauspielerin, morgen decken die das auf, dass ich eigentlich überhaupt kein Talent habe ... Das ist aber eine Angst, die ich mit vielen Kollegen teile. Das kommt vielleicht auch dadurch, dass ich mich gerne mit voller Kraft in eine Rolle hineinwerfe, ohne dass ich weiß, wo das enden wird. Ich weiß einfach nicht, wie das gehen soll, dass man sich absichert. Aber der Gewinn, wenn alles aufgeht, ist natürlich umso größer und schöner. Wobei man beim Drehen schon einen roten Faden braucht, weil man ja oft nicht chronologisch dreht. Aber ein bisschen Freiheit braucht man schon, und die bringt eben Unsicherheit mit sich - und die kann dann schnell in Angst umschlagen.

teleschau: Haben Sie Strategien gegen die Angst?

Lorenz: Ja, ich habe ein Buch übers Tennisspielen gelesen. Da geht es darum, wie man sich am besten konzentriert. Was ich mir behalten habe: Wenn der Ball auf einen zufliegt, sollte man am besten die Nähte anschauen - also komplett fokussieren. Ich brauche das, ich bleibe sehr bei meiner Figur. Ich habe auch nie mein Handy am Set dabei, weil mich das rauskatapultiert.

teleschau: Haben Sie dann eigentlich während der Dreharbeiten einen richtigen Feierabend?

Lorenz: Ja. Obwohl - beim Film gehen mir viele Dinge noch nach. Im Theater kann man noch viel verändern: Wenn's an einem Abend nicht passt, oder wenn man einfach noch ein wenig ausprobieren möchte, macht man's am nächsten eben anders. Aber wenn eine Szene im Kasten ist, ist sie im Kasten. Und da liege ich schon manchmal nachts im Bett und denke mir, das hätte ich gerne noch anders gemacht.

teleschau: Sie schalten also auch in Ihrer Freizeit nicht ab?

Lorenz: Ich bin da immer sehr sprunghaft. Wenn ich gearbeitet habe, bin ich froh, abends nach Hause zu kommen, zu lesen und mit meinem Hund spazieren zu gehen. Und dann habe ich noch meinen Sport, meine Freunde ... Nichts Spektakuläres also. Aber eigentlich bin ich immer mit irgendwas beschäftigt, um mich auf die nächste Rolle vorzubereiten - für meinen ersten TV-Film, da habe ich eine Langstreckenschwimmerin gespielt, musste ich erst mal Kraulen lernen. Oder jetzt eben Hebräisch.

teleschau: Das klingt etwas ruhelos.

Lorenz: Stimmt.

teleschau: Eines Ihrer vielen Projekte war Klavierspielen, 2010 wollten Sie sogar ein Studium anfangen!

Lorenz: Ach, das. Das war einfach ein Spleen von mir, weil ich kurz vor meinem 30. Geburtstag so einen Anfall hatte von "Das kann jetzt doch nicht alles gewesen sein". Ich dachte, ich muss viel mehr Sprachen können, mindestens fünf, ein Instrument auch, und studieren wollte ich sowieso noch. Das habe ich dann in einem Interview gesagt. Und alle, die das gelesen haben, haben mich ausgelacht und gefragt: "Wann willst du das denn bitteschön alles noch machen?" Ohnehin war das total illusorisch, weil ich ja schon immer eine totale Phobie vor der Schule hatte. Ich bin da nie hingegangen.

teleschau: Wie das?

Lorenz: Na, immer mit dem Bus bis zur Station gefahren und dann einfach nicht reingegangen. Ich hatte unglaublich viele Fehlstunden.

teleschau: Woran lag das?

Lorenz: Es fiel mir extrem schwer, in einem Raum zu sitzen und konzentriert zuzuhören.

teleschau: Gab das Ärger zu Hause?

Lorenz: Ich glaube, so sehr ist das gar nicht aufgefallen. (lacht) Ich war oft bei einer italienischen Familie. Ich bin ja Einzelkind, die hatten aber mehrere Kinder, und da war ich immer bei denen, nicht nur zu Hause, sondern auch unterwegs mit ihnen. Das hat meine Eltern aber gar nicht gestört. Es war ja auch eine ländliche Umgebung, da war man viel freier.

teleschau: Ihr Vater ist Künstler, Ihr Großvater auch, Sie stammen also aus einer richtigen Künstlerdynastie.

Lorenz: Stimmt. Gerade neulich habe ich mit meiner Großmutter gesprochen, die zeigte mir ein Gemälde, auf dem meine Urururgroßmutter abgebildet war. Sie hieß Ina und war Opernsängerin. Und sie war nicht die einzige, väterlicherseits gab es sehr viele Sänger.

teleschau: Als Spross einer solchen Familie war die Entscheidung, Schauspielerin zu werden, sicher kein Schock für Ihre Eltern, oder?

Lorenz: Nein. Nur meine Mutter war anfangs etwas entsetzt, als sie begriff, dass ich, um auf die Schauspielschule zu gehen, eben auch ausziehen müsste. Mein Vater hat aber vor Freude sogar eine Party gegeben.

teleschau: Seitdem waren Sie viel unterwegs, von einer Bühne an die andere - ist das nur berufsbedingt oder auch ihrer eigenen Ruhelosigkeit geschuldet?

Lorenz: Vor allem berufsbedingt. Aber jetzt bin ich ja schon seit fünf Jahren in Wien, so lange wie noch nie zuvor an einem Ort. Das ist toll. Liegt aber auch an meiner Beziehung, ich wollte mit meinem Mann (Schauspieler Peter Knaack, d. Red.) endlich mal zusammenwohnen. Es war schon sehr ungewöhnlich, dass wir beide ein Angebot vom Burgtheater bekamen, aber jetzt ist es fantastisch: Wir leben zusammen, arbeiten zusammen. Ich bin wirklich froh und glücklich.

teleschau: Interessiert Ihr Mann sich auch für Ihre TV-Arbeit?

Lorenz: Natürlich! Ich bekomme immer diese DVDs zugeschickt, die schaue ich nie alleine an, sondern mit meinem Mann zusammen. Ich muss mich dazu aber immer extrem überwinden. Meistens habe ich ein bisschen Schiss. Gerade beim Film gibt es eben einen Teil, für den man verantwortlich ist, und einen ganz großen, wo man vertrauen muss. Und was man dann sieht, hat nur ganz wenig zu tun mit dem, was man eigentlich getan hat.

teleschau: Ist er ein harter Kritiker?

Lorenz: Er ist ein ehrlicher Kritiker. Ich glaube ihm, was er sagt. Er ist auch der Einzige, den ich nach seiner Meinung frage. Klar, das ist seine Meinung, manchmal habe ich auch eine andere. Aber es ist mir wichtig, sie zu hören.

teleschau: Und Sie selbst?

Lorenz: Ich bin sogar sehr hart. Aber das hat sich auch schon ein wenig gebessert; früher konnte ich mich gar nicht sehen, heute nur noch schlecht. (lacht)

Quelle: teleschau - der mediendienst