Der Spion und sein Bruder

Der Spion und sein Bruder





Im Arsch der Elefantenkuh

Wer nicht sicher ist, ob "Der Spion und sein Bruder" der richtige Film für ihn ist, dem sei folgende Szene beschrieben: Auf der Flucht vor ihren Verfolgern, irgendwo im südafrikanischen Krüger-Nationalpark, stoßen die beiden Protagonisten auf eine Herde Elefanten. "Ich weiß, wo wir uns verstecken können", sagt einer von ihnen, und der geneigte Sacha-Baron-Cohen-Fan weiß sofort, was nun passieren wird: Die beiden kriechen in den Hintern einer Elefantenkuh. Die ist offenbar brünftig und wird, zum Leidwesen der beiden Agenten, von einem Elefantenbullen bestiegen, der literweise über die beiden Männer ejakuliert. Dann kommt ein zweiter Bulle an die Reihe. Und dann noch einer. Wer mit diesem Brachial-Humor umgehen kann, wird seine helle Freude haben am neuen Film des "Borat"-Erfinders. Alle anderen wird wohl eher das blanke Entsetzen packen.

Um knapp anderthalb Stunden dieses Fäkalhumors unterzubringen, hat sich Baron Cohen natürlich auch eine Story ausgedacht. Die geht diesmal so: Im nordenglischen Grimsby, der Partnerstadt von Tschernobyl, lebt der neunfache Familienvater Nobby (Baron Cohen). Der Mann sieht aus wie Noel Gallagher zu seinen schlimmsten Zeiten, trägt ein riesiges England-Tattoo auf dem Rücken und sieht seinen Erziehungsauftrag als erledigt an, wenn er seinen jüngsten Spross vor "South Park" setzt und seinem mittleren Jungen erklärt, er solle lieber E-Zigaretten statt Crack rauchen.

Dieser Typ, der auch der Comedy-Serie "Little Britain" entsprungen sein könnte, hat einen Bruder, von dem er allerdings vor 28 Jahren getrennt wurde. Seitdem ist Nobby auf der Suche nach Sebastian (Mark Strong) - und entdeckt den MI6-Agenten gerade in jenem Moment, als der wieder einmal dabei ist, die Welt zu retten. Das geht, Nobby sei Dank, gründlich schief: Bei dem verkorksten Einsatz erschießt Sebastian nicht nur versehentlich den WHO-Chef, sondern infiziert auch noch "Harry Potter"-Star Daniel Radcliffe mit HIV.

Fortan befindet sich Sebastian selbst auf der Flucht, sein eigener Geheimdienst setzt einen Killer auf ihn an. Nebenbei muss der Agent auch noch den Plan der fiesen Terroristin Rhonda George (Penélope Cruz) vereiteln, die die Menschheit mithilfe eines Supervirus auslöschen will. Ausgerechnet sein Bruder Nobby muss ihm jetzt helfen.

Selbstredend ist diese Agentenstory nicht mehr als eine Entschuldigung für Witze, die sich zumeist weit unter der Gürtellinie bewegen. Da wird über die Konsistenz von Nobbys Stuhlgang debattiert, werden Witze über Dicke gerissen und Elefantenpenisse massiert. Das ist zumeist ziemlich eklig, aber auch verdammt lustig - obwohl Baron Cohen nicht die Gag-Dichte seiner Vorgängerfilme erreicht.

Vielleicht liegt das daran, dass er erstmals nicht mit Larry Charles zusammenarbeitet, der bei seinen Filmen von "Borat" (2006) bis "Der Diktator" (2012) Regie führte. Stattdessen holte sich der 44-Jährige mit Louis Leterrier einen Mann ins Boot, der bislang vor allem Action-Kracher wie "The Transporter" oder "Kampf der Titanen" inszenierte. Entsprechend liegt das Augenmerk des Franzosen etwas zu stark auf der Agenten-Action.

Die Zuspitzung von Milieus hat Baron Cohen in der Vergangenheit immer wieder Kritik eingebracht: In "Borat" soll er Kasachstan beleidigt haben, in "Brüno" Homosexuelle. Jetzt, in "Der Spion und sein Bruder", nimmt der gebürtige Londoner die britische Unterschicht auseinander. Wer das fies findet, übersieht nicht nur den liebevollen Blick, den der Film auf seine Protagonisten wirft. Sondern auch - darauf wies Baron Cohen selbst hin -, dass er diese Milieus eben gnadenlos überzeichnet.

Wer das, was der Comedian in seinen Filmen zeigt, für bare Münze nimmt, entpuppt sich selbst als derjenige, der Vorurteile hat. Im Grunde ist Baron Cohen also ein großer Entlarver unserer eigenen Stereotype. Auch wenn man, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, durch Berge an Fäkalhumor und tief hinein in Elefantenhintern kriechen muss.

Quelle: teleschau - der mediendienst