Trumbo

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Widerstand aus dem Salon

Hollywood dreht und dreht sich - am liebsten um sich selbst. Die Traumfabrik stellt ihre lebensspendende narzisstische Ader bekanntlich gern zur Schau. Ihren Ursprung hat jene unvergleichliche Eigensucht in den verklärten "Goldenen Jahren", denen sich aktuell gleich zwei Nabelschau-Produktionen widmen: Während die Coen-Brothers in ihrer Hommage "Hail, Caesar!" die US-Kinoindustrie der 50-er liebevoll-kritisch würdigen, beleuchtet das Biopic "Trumbo" die wohl repressivste Phase Hollywoods: Im Zuge der Kommunistenjagd zu Beginn des Kalten Krieges belegte das "Komitee für unamerikanische Umtriebe" zahlreiche Drehbuchautoren mit Berufsverbot, das Business sollte durch eine Schwarze Liste bereinigt werden. Auf jener und schließlich im Knast fand sich auch der legendäre Dalton Trumbo wieder. Anhand dessen Geschichte entblößt Jay Roachs fantastisches Drama die goldene als zugleich dunkelste Zeit Hollywoods.

Wenn es noch einer Definition des Begriffs Salonkommunist bedurfte, so sollte sie in Bryan Cranstons Darstellung des Drehbuchautors Dalton Trumbo nun gefunden sein: rauchend und Pamphlete verfassend an der Schreibmaschine, energisch diskutierend in der von Wohlstand kündenden südkalifornischen Maison, verschworen in einem ebenso gut gekleideten wie revolutionär gestimmten Intellektuellen-Zirkel aus lauter kreativen Screenwritern.

Man muss sich den sagenumwobensten Vertreter jener naturgemäß eher hintergründig agierenden Hollywood-Spezies auch als historische Person wohl tatsächlich so vorstellen, wie ihn der "Breaking Bad"-Star verkörpert. Dass Cranston ausgerechnet die Rolle eines ausgeschlossenen Traumfabrik-Genies seine erste Oscarnominierung und den endgültigen Aufstieg in den Hollywood-Olymp bescheren würde, zählt zu den so wundervollen Ironien jener Industrie.

Der Part steht ihm ausgezeichnet: Ein sorgender Ehemann und Familienvater, der aber rasch zum arbeitswütigen Ekel mutieren kann. Ein überzeugter Kämpfer für die klassenlose Gesellschaft, der von den Privilegien des bürgerlichen Daseins immer profitierte. Ein leidenschaftlicher Schreiber, der in den 40er-Jahren Erfolge wie "Fräulein Kitty" und "Dreißig Sekunden über Tokio" ebenso verantwortete wie die kursierenden revolutionären Aufrufe an die Arbeiter in den Studios. Einer, dessen Courage, Intellektualismus und Strahlkraft dem konservativen US-Establishment direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehörig die Muffe sausen ließ. Die Angst vor der "roten Gefahr" im Inneren, so zeigt es "Trumbo" und so geschah es historisch, ergriff irgendwann auch Hollywood.

Sehr klassisch vor liebevoll ausgestatteter Kulisse inszeniert, entfaltet das Werk dramaturgisch klug, wie sich die Paranoia folgenschwer Bahn brach: Trumbo war Mitglied der berühmten "Hollywood Ten", deren Mitglieder sich für die einfachen Leute engagierten und über die Emanzipation des vom Kapitalismus geknechteten Menschen philosophierten. Es zeugt vom gehörigen Witz des Dramas, wie es die bisweilen verschrobenen Diskussionen der verschworenen Gruppe darstellt, allen voran den Disput zwischen Trumbo und dem hemdsärmligen Arlen Hird (beinahe als er selbst: der derzeit beste US-Comedian Louis C.K.), der sich von Trumbos Ambivalenz zwischen wohlhabender Existenz und erstrebter Revolution gestört fühlt.

Nach und nach werden alle Mitglieder der kommunistischen Agitation und der Zusammenarbeit mit der Sowjetunion verdächtigt und müssen vor dem "Komitee für unamerikanische Umtriebe" aussagen, das nur ein paar Jahre zuvor schon Persönlichkeiten wie Albert Einstein und Thomas Mann ausfragte. Trumbo, beseelt von Hirds Vorwürfen, verweigert die Aussage. Für elf Monate muss er ins Gefängnis und bekommt anschließend Berufsverbot. Roachs Werk wühlt sich ein wenig zu hastig durch die Ereignisse, schafft es aber immer, die entscheidenden Momente und Charakteristika herauszuarbeiten.

Beispielsweise die menschenhassende Attitüde der Kolumnistin Hedda Hopper (Helen Mirren), die vermeintliche Kommunisten outete und gemeinsam mit den staatlichen Hetzern Studiobosse bisweilen gar antisemitisch einschüchterte. Oder die knallharte Business-Fixierung des schmierigen B-Movie-Produzenten Frank King, dem es herzlich egal ist, ob Trumbo auf der Schwarzen Liste steht oder nicht - er will möglichst viele massentaugliche Skripts in möglichst kurzer Zeit. Jener von John Goodman showstehlend verkörperte Jähzorn-Batzen ermöglicht Trumbo - der nun mal der Beste ist - anonym weiterzuarbeiten. Gemeinsam mit Hilfe seiner Frau Cleo (Diane Lane) und seinen Kindern baut er illegal ein florierendes Drehbuch-Familienunternehmen auf.

Ein überaus erfolgreiches noch dazu: Trumbos verbotene schöpferische Leistungen jener Zeit wurden mit zwei Oscars ausgezeichnet. Auf den Awards standen natürlich andere Namen, die Falschen nahmen sie in Empfang. Irgendwann, auch das erzählt das einnehmende Biopic, steht ein gewisser Mister Kirk Douglas (Dean O'Gorman) in der Tür und redet von einem geplanten Film namens "Spartacus". Kubricks Sklaven-Befreiungsdrama sollte das erste Werk sein, in dessen Credits der Name des Ausgestoßenen wieder genannt wird. Einen Seitenhieb auf das Denunziantentum jener dunklen Jahre baute Trumbo natürlich ebenfalls ein. Hollywood hatte sein liberales Gewissen wiedererlangt - und grandiosen Stoff für eine faszinierende Nabelschau ein halbes Jahrhundert später gewonnen.

Quelle: teleschau - der mediendienst