Lea van Acken

Lea van Acken





Mit Anne Frank Menschen beobachten

Ist die Hauptdarstellerin von "Das Tagebuch der Anne Frank" (Start: 3. März) denn gar nicht nervös? Wenn jemand erst 17 Jahre alt ist und gerade einmal seine zweite Hauptrolle in einem Kinofilm absolviert hat, wäre damit bei einem Pressetermin eigentlich zu rechnen. Zumal es sogar manchen sehr berühmten Schauspielerinnen nicht leicht fällt, Medienvertretern über ihre Arbeit zu berichten. Doch Lea van Acken erkennt bereits vertraute Gesichter unter den Journalisten und freut sich darüber spontan beim Handschlag: "Wir kennen uns doch bereits? Cool", begrüßt sie eine Kollegin vom Hörfunk.

Schon mit "Kreuzweg" wurde die filminteressierte Öffentlichkeit nachhaltig auf Lea aufmerksam. Im Drama von Dietrich Brüggemann verkörperte sie Maria, die nach außen wie eine ganz normale 14-Jährige wirkt, aber innerlich vor Gewissensbissen und Konflikten kaum atmen kann. Denn ihre Familie hat sich den strengen Regeln einer extremen Ausrichtung des Katholizismus unterworfen, die mit dem gewöhnlichen Alltagsleben kaum Berührungspunkte hat. "Kreuzweg" errang bei den Internationalen Filmfestspielen von Berlin 2014 den Preis der Ökumenischen Jury und den Silbernen Bären für das beste Drehbuch.

"Kreuzweg" war eine kleine Produktion, "Das Tagebuch der Anne Frank" nun hat ganz andere Dimensionen. Da ist einmal die aufwendige Rekonstruktion der deutschen Besatzung der Niederlande während des Zweiten Weltkriegs sowie der Bedingungen, unter denen die jüdische Familie Frank sich in einem Amsterdamer Hinterhaus vor der Verfolgung durch die Gestapo versteckte - dort, wo Tochter Anne ihr weltberühmtes Tagebuch verfasste. Hinzu kommt der Umgang mit Berühmtheiten im Ensemble, Urich Noethen und Martina Gedeck, die im Film Annes Eltern spielen.

Nach den vielen Proben und langen, aber wenigen Einstellungen von "Kreuzweg" hat Lea in "Das Tagebuch der Anne Frank" unter der Regie von Hans Steinbichler eine ganz andere Art des Filmemachens kennengelernt - bestehend aus vielen Shots, in denen sie nacheinander total widersprüchliche Gefühle verkörpern musste: "Ich habe gelernt, mit meinen Kräften umzugehen", bilanziert sie selbstbewusst. Aber vor allem ist es die Rolle des wohl berühmtesten Opfers des nationalsozialistischen Massenmords selbst, die immer noch in ihr arbeitet und die sie geprägt hat, wenn sie sagt: "In mir haben der Film und die ganze Vorbereitung viel bewegt."

Gekleidet in einen dünnen roten Pullover mit Netzmuster, weiten Ärmeln und kleinem V-Ausschnitt sowie einen langen schwarzen Rock mit silbernen langen Tropfen darauf, hat das hochgewachsene junge Mädchen mit den dunklen Augen auf dem Sofa in einem Raum des Berliner Hotel de Rome Platz genommen. Ihr schwarzes Haar trägt sie als Pagenkopf. Sie greift in ihren Schopf: "Das war auch etwas, was mich im letzten Jahr begleitet hat", sagt sie, "sie wachsen wieder nach". Sie meint damit die vielleicht grausamste Szene in "Das Tagebuch der Anne Frank", in der ihr auf rohe Weise die Haare abgeschnitten und abrasiert werden. Unwirklich schrecklich sei das gewesen. Lange habe man darüber diskutiert. Es sei aber etwas gewesen, "was wir an Authentizität dem Film geben mussten". Lea van Acken spricht klar und fest, bald ein wenig gestelzt, bald ein bisschen flapsig, aber nie bei den ernsten Themen. Nur dass sie die eine Hand mit der anderen festhält, verrät eine gewisse Anspannung.

Mit dem Respekt hat bei dieser Rolle fast alles begonnen. Als das Casting-Angebot kam, hatte Lea nur eine vage Vorstellung von Anne Frank, aber das Bewusstsein, dass es sich um eine sehr bedeutende Persönlichkeit handelt. Vor allem hatte sie jedoch "eine Frau im Kopf", kein Mädchen in ihrem Alter. "Erst nachdem ich das Tagebuch gelesen habe, ist mir klar geworden, was das für eine Geschichte ist." Und spätestens da tauchte der Respekt auf. Die eine Art ist es, damit umzugehen. Eine große Gestalt der Zeitgeschichte zu spielen, war mehr oder weniger rational: "Ich musste mich davon ein bisschen freimachen", bekennt Lea, "was wir machen, ist ja auch eine Interpretation." Jeder, der sich mit dem Tagebuch beschäftigt hat, habe ein eigenes Bild von Anne Frank im Kopf, "und all diesen Vorstellungen kann man nicht gerecht werden. Wir haben sie so interpretiert, wie wir sie empfinden."

Die andere Art, sich ihr anzunähern, war sehr persönlich - jedenfalls, soweit dies möglich war. "Ich habe Briefe an Anne Frank geschrieben, um ihr ein bisschen von mir zu erzählen", berichtet Lea. "Dadurch konnte ich mich in sie hineinversetzen und ihr auf Augenhöhe begegnen." Völlig klar, worum es in dieser Korrespondenz zunächst ging: "Im ersten Brief habe ich ihr meinen Respekt ausgesprochen und dass ich hoffe, es sei in Ordnung, dass ich sie spiele." Weitere Themen seien Schule und die eigene Familie gewesen. Der Einwand, dass sie doch nie eine Antwort erhalten wird, irritiert die junge Schauspielerin keine Sekunde. Sie weist darauf hin, dass in ihrem Tagebuch "Anne ja auch an ihre Freundin Kitty schrieb und auch nie eine Antwort bekommen hat".

Aber in Annes Haut zu schlüpfen bedeutet eben auch, eine furchtbare Epoche am eigenen Leib zu spüren. Erst dadurch ist Lea klar geworden, dass einmal Wirklichkeit gewesen ist, was zu schockierend klingt, als dass es je geschehen sein dürfte. Mit Grauen erinnert sich Lea van Acken an den Dreh der Szene, in der Polizisten das Hinterhaus wegen eines Einbruchs durchsuchen und sich die Franks und vier andere Verfolgte in einem winzigen Raum zusammendrängen. Lea konnte die Enge kaum aushalten. Umso furchtbarer, dass damals acht Menschen zwei Tage lang so ausharren mussten.

Mit ihrer Verkörperung der Anne Frank strebt Lea van Acken mindestens nach zweierlei. Mit Anne und durch Anne sollen gerade Jugendliche von heute erleben, dass Zivilcourage wichtig ist. Ohne sie und ohne den Mut anderer Menschen hätte es kein Versteck für die Franks gegeben. Der Film zeige auch, "wo Fremdenfeindlichkeit und Rassismus hinführen". Doch ebenso wichtig sei es Lea und dem Filmteam gewesen, Annes "Riesenwunsch nach Leben" auszudrücken und ihre humorvolle wie ihre nachdenkliche Seite für junge Menschen von heute begreifbar zu machen.

Und Lea und Anne? "Anne ist eine, die ich gern bei mir habe", entgegnet van Acken auf die Frage, ob sie fürchte, dass die berühmte Rolle an ihr kleben bleibe. Anne habe sie schon auf ganz verschiedene Weise inspiriert, im eigenen Leben wie im Philosophieunterricht, sagt die Schauspielerin, die noch Schülerin ist und in zwei Jahren Abitur machen will. "Ich glaube, wir wären vielleicht gute Freundinnen gewesen", fügt sie hinzu. Außer den Fähigkeiten als Autorin eines einmaligen zeitgeschichtlichen Dokuments schätzt sie die "enorme Beobachtungsgabe" der Wahl-Freundin. Anne wäre ein Mensch gewesen, mit dem sie sich gerne "ins Café gesetzt hätte, um Menschen zu beobachten und dabei Anne zu fragen, was sie bei denen im Gesicht lesen kann".

Quelle: teleschau - der mediendienst