Francofonia

Francofonia





Die "Rettung" des Louvres

Hitler steht vor dem Eiffelturm, mitten im menschenleeren Paris, und schnaubt: "Wo ist der Louvre?" Dabei hat er eine schnarrende Stimme, so wie Charlie Chaplin in der Satire "Der große Diktator". Hitler war tatsächlich da, wenige Tage nach der Besetzung und dem Waffenstillstand. Zur Oper zog es ihn im Morgengrauen, natürlich zum Pantheon, wo Napoleon begraben liegt, und zur Sacré-Coeur. Nach drei Stunden war der Spuk vorbei, er hatte anderes vor. Trotz allem war die Kunststadt Paris nicht so wichtig für ihn. Speer plante mit Berlin schon die Hauptstadt der Welt - nach Pariser Vorbild allerdings. Für den Frankreich-Liebhaber Alexander Sokurow kein Grund, die Deutschen (von damals) nicht zu bewundern ob ihrer Friedfertigkeit. Man reibt sich, sieht und staunt.

Sokurow geht es in seinem Essay (zu deutsch: Versuch) um das große Ganze: um das Wohl und Wehe des Bilder- und Skulpturensammelns im großen Stil. "Wie hätte sich die europäische Kultur ohne die Porträtmalerei entwickelt?", oder "Wie wäre ich wohl, hätte ich nicht die Augen derer gesehen, die vor mir gelebt haben?". Wir sind im Louvre, dem größten Museum der Welt. Die Kamera zeigt im Halbdunkel auf den Bildern sehr müde, sehr traurige Augen.

Man darf, man kann diese Blicke als Ausdruck der Trauer darüber lesen, dass die Kunst die Welt nicht vorwärts brachte. Ja, dass sie Kriege eher hervorrief oder jedenfalls triumphierend begleitete, als sie zu verhindern. Bereits zu Beginn des Films lugt kein Geringerer als Napoleon durch eine Saaltür und setzt ein Grinsen auf. "C'est moi!" ruft er später aus, wenn wir vor der Mona Lisa stehen, und begründet das damit, dass es hier ohne sein Zutun "gar nichts" gäbe.

Stimmt schon, er hat viel von seinen weltweiten Beutezügen mitgebracht und damit eine Kunsthauptstadt der Welt kreiert. Andere taten es ihm später gleich. Besonders im 19. Jahrhundert packte die Herrschenden die Sammlerwut, die Beutekunst wurde von weit her in den Louvre gebracht. Sokurow stellt sich die abenteuerlichen Fahrten auf überladenen Schiffen in schweren Stürmen vor. An den Beginn des Films stellt er ein Funkgespräch zwischen sich und einem Kapitän: "Alexander?" - "Ja, Dirk". Man sieht dabei ein schwankendes Containerschiff, auf den Bug stürzen die Wellen ein. "Das Meer und die Geschichte", so kommentiert Sokurow diese Kunstmetapher, "sind zwei Elemente, die weder Sinn noch Gewissen haben."

Kein Zweifel: Es ist großartig, wie der Regisseur die Genres mischt: dokumentarische und gespielte Reenactment-Elemente, Kabarettnahes und wunderbare Schwenks über die Dächer von Paris. Vom Lehrfilm ist dieser Essay weit entfernt. An einer immer wiederkehrenden Stelle lässt er sich aber ganz stark auf die Geschichte ein. Es ist die Geschichte der "Rettung" des Louvres und seiner Werke zur Zeit der deutschen Besatzung.

Zwei Menschen taten sich zusammen, so Sokurow, um Frankreichs Kunst zu retten: Jacques Jaujard, der Chef des Louvres und der französischen Staatsmuseen, und der deutsche Kunstkommissar Wolf Graf Metternich. Eine Geschichte von zweifelhaftem ethischen Wert, das weiß der Filmemacher auch. Doch geht er auf den Krieg mit Frankreich und auf die späteren Deportationen gar nicht erst ein. Stattdessen hält er den schrecklichen Krieg im Osten dagegen, die Belagerung Leningrads zeigt er in schonungslosen Dokumenten.

"Kunstschätze zu bewahren, ist unsere heilige Pflicht", predigte der deutsche "Kunstschutz"-Offizier Metternich bei einer Antrittsrede 1940 im Louvre, und Sokurow pflichtet ihm 70 Jahre später bei: Frankreich habe "Glück" gehabt, dass die "Schwester Deutschland" dessen "Recht auf Leben" anerkannte. So wird ein merkwürdiger Moment zum Pars pro toto aufgeblasen: Über Kriegsfronten hinweg reichen sich da zwei Kunstliebhaber die Hände, als würde damit der Friede besiegelt. Auch wenn es richtig ist, die Geschehnisse dem Vergessen zu entreißen, geht Sokurows Off-Kommentar, seine Eloge auf den Deutschen, entschieden zu weit.

Doch insgesamt sind es gerade die Gewagtheiten, die intensiven Bilder und frei umherschweifenden Gedanken, die "Francofonia" zu einem atemberaubenden Essay machen. Zu einem Werk, an dem man sich reiben kann. Und das nicht zuletzt viel Unbekanntes aus der Zeitgeschichte zum Vorschein bringt, ohne dabei oberlehrerhaft zu sein.

Quelle: teleschau - der mediendienst