Deadpool

Deadpool





Super ja, Held nein

Ist es Mut? Trotz vielleicht? Oder einfach nur das blinde Vertrauen darauf, dass die Verfilmung eines Marvel-Comics in diesen Tagen immer für volle Kinosäle sorgen wird? Viele Fans werden sich mit Grausen erinnern: Deadpool hatte seine Chance auf der Leinwand, und er hat sie vergeigt. Sein Auftritt als Warp-Mutant mit Laser-Augen in "X-Men Origins: Wolverine" (2009) fiel bei Publikum und Kritikern komplett durch. Seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört. Niemand hat ihn vermisst. Was er selbst weiß. Schon in der Anfangssequenz von "Deadpool" fragt er, den Zuschauer adressierend: "Wem musste ich wohl die Klöten kraulen, um einen eigenen Film zu bekommen?"

Soll man Deadpool, dieser Martial-Arts-Hackfresse aus der zweiten Marvel-Reihe, wirklich eine zweite Chance geben? Allein seinetwegen ein Kinoticket kaufen? Warum eigentlich nicht: Die Trailer und Promo-Maßnahmen zu dem "X-Men"-Spin-off machten ja irgendwie doch wieder Laune. Könnte eine Action-Show der etwas anderen Art werden. Also, wer ist dieser Kerl, was kann er, und was ist sein Problem?

Wade Wilson, erneut von Ryan Reynolds gespielt, ist schwer an Krebs erkrankt. Eine experimentelle Behandlung versprach Heilung, half aber auf dem ersten Blick nicht sonderlich. Nach dem Eingriff ist der sarkastische Sprücheklopfer Wade von unschönen Geschwüren übersät, er selbst beschreibt sich als "Hoden mit Zähnen". Weil man so einen Anblick niemandem zumuten kann, wird Wades sexy Verlobte Vanessa (Morena Baccarin) auch sehr lange nichts mehr von ihm hören und letztlich denken, er sei tot.

Immerhin: Wade verfügt nach besagtem Eingriff über Super-Selbstheilungs-Skills und hat auch sonst ein paar außergewöhnliche Fähigkeiten, die ihn zu der ultrabrutalen (FSK 16!) Kampfmaschine Deadpool machen. Ein Ziel hat er auch schon vor Augen: Er will den Mann aufspüren, der ihn so verunstaltete. Der böse Wissenschaftler Francis (Ed Skrein) soll das Ganze, zumindest mit Blick auf Deadpools "Gesichts-Gulasch", wieder rückgängig machen. Dann könnte Wade vielleicht zu seiner geliebten Vanessa zurückkehren.

Nun hat Deadpool also Superkräfte. Was ihn aber nicht zum Superhelden macht. Ursprünglich wurde die Comicfigur als Schurke angelegt, und schurkisch war auch Deadpools Auftreten in "Wolverine". Wobei man die Vergangenheit dieses betont schrägen Vogels am besten komplett ausblendet. Der Film "Deadpool" jedenfalls lässt keinen Zweifel daran, dass Regisseur-Rookie Tim Miller und die Autoren Rhett Reese und Paul Wernick ihrem Star wirklich eine neue Chance geben wollen. Auch wenn die Geschichte beschämend simpel geraten ist: Selten wurde der Hauptfigur einer Marvel-Verfilmung so viel Raum gegeben, um ihre Persönlichkeit zu entfalten.

Deadpools vorlautes Mundwerk ist das vielleicht schmutzigste in der ganzen Comicwelt, er tötet blutig und ohne Gnade. Gleichzeitig ist er, was in der Kombination allemal seinen Reiz hat, ein leidenschaftlicher Romantiker mit einer Schwäche für 80er-Schmalzpop, und seine Munition transportiert er in einem pinken Hello-Kitty-Rucksack. Er ist letztlich weder Held noch Bösewicht, sondern eher eine schräge Mischung aus Spider-Man und Joker. Sicher kein Typ, den jeder lieben wird (ja, er nervt ein bisschen), aber definitiv ein Charakter mit Ecken und Kanten.

Ob man die Produktion dieses Films am Ende nun auf Unbelehrbarkeit oder Kalkül aufseiten der Studios zurückführt: Deadpool ist mit einem Film zurückgekehrt, der es durchaus wert ist, gesehen zu werden. Zumindest bei den Zuschauern, die das übliche "X-Men"- oder "Avengers"-Spektakel satt haben und offen für etwas pervertierte Comic-Clownerie sind, dürfte diese skurrile, ideenreiche und bisweilen irre komische Action-Love-Story ziemlich gut ankommen. Wenn man Deadpool denn eine zweite Chance geben mag.

Quelle: teleschau - der mediendienst