69 Tage Hoffnung

69 Tage Hoffnung





Ihr da oben, wir hier unten

Bergbauminister Laurence Golborne (Rodrigo Santoro) trifft als Letzter ein. Bewaffnete Wachmannschaften der Besitzer, die Medien und Familienangehörigen sind schon längst da: In der San-José-Mine in der chilenischen Atacama-Wüste sind 33 Bergleute verschüttet. Mit PR ist die Sache nicht getan. "Wir brauchen keinen hübschen Jungen im piekfeinen Anzug", faucht María Segovia (Juliette Binoche) vor laufenden Kameras Golborne durchs runtergelassene Autofenster an, "wir wollen unsere Männer zurück!" "69 Tage Hoffnung" wird zeigen, wie sich über Klassenschranken hinweg allmählich Freundschaft und Vertrauen zwischen María und Laurence entwickelt. Daraus bezieht der Katastrophenthriller über den fünf Jahre zurückliegenden, weltweit bekannt gewordenen Unglücksfall seine Hauptwirkung.

Dennoch spielen Natur und Technik eine tragende Rolle. Noch bevor es für ihn und seine Männer an einem scheinbar ganz normalen Arbeitstag ganz tief in die Mine gehen soll, weiß Teamführer Don Lucho (Lou Diamond Phillips) schon, dass sich der Berg auf gefährliche Weise bewegt. Doch der Vorarbeiter verlangt, dass die Truppe arbeitet. Rund 700 Meter unter der Erdoberfläche bedienen sie ihre Presslufthammer und Schaufelmaschinen.

Als ein dumpfes Grollen immer weiter anschwillt, Sandfontänen herabrieseln und an den Wänden befestigtes Werkzeug plötzlich herumfliegt, ist es fast zu spät. In den riesigen ausgeschachteten Gewölben zermalmen Gesteinsmassen Bagger, Autos und Menschen. Wie durch ein Wunder bleiben Don Luchos Männer verschont - aber sie sind eingeschlossen.

Souverän, als hätte sie schon reihenweise ähnliche Filme inszeniert und nicht etwa Coming-of-Age-Dramen und -Komödien, lehrt Patricia Riggen mit dem Einsturz der Schächte das Fürchten. Sie lässt das Kino ordentlich vibrieren. Wie Meisterregisseur James Cameron in "Titanic" dem Meer, so gibt die gebürtige Mexikanerin dem Berg fast die ganz eigenständige Macht eines Lebewesens.

Ebenso vermag sie die Bedeutung des Menschlichen als Gegenpart auszugestalten. Eine Handvoll erfahrener Drehbuchautoren und nicht zuletzt ein dokumentarisches Buch unterstützen sie. Die Hürden für die Rettung der Eingeschlossenen liegen schon deshalb hoch, weil Grubenunglücke in Chile wohl zumindest bis zu diesem Fall mehr oder weniger als Schicksalsschläge und ihre Opfer von "denen da oben" als entbehrlich angesehen wurden. Schließlich gehören die Bergarbeiter einer verhältnismäßig niedrigen Gesellschaftsschicht an.

Doch für Golborne wird María Segovia zu einer moralischen Instanz, die ihn zwingt, sich für die da unten zu interessieren. Obwohl eine Woche vergeht und eigentlich niemand mehr am Leben sein kann, verlangt er vom skeptischen Ingenieur André Sougarret (Gabriel Byrne) weitere Suchbohrungen nach den Verschütteten. Nach einer Reihe von Fehlversuchen blickt Golborne über hundert Meter in Marías hoffnungsvolles Gesicht. Noch schüttelt er traurig und ruckartig den Kopf. Er wird sich noch weiter auf das so genannte einfache Volk einlassen müssen und mit María intensiv reden, bis ihm wie zufällig der rettende Einfall kommt.

Über zwei Monate schwanken derweil die da unten zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Die muskulösen Körper der Bergleute stehen in groteskem Gegensatz zu ihrer klaustrophischen Situation. Den später berühmt gewordenen Mario "Super Mario" Sepúlveda mimt Antonio Banderas dabei vielleicht zu sehr als großen Zampano. Der Spannung tut es, um im Bild zu bleiben, jedoch keinen Abbruch.

Quelle: teleschau - der mediendienst