Ist weniger mehr?

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Nur ein deutscher Film im Wettbewerb der 66. Berlinale (11. bis 21. Februar)

Mehr als 70 neue deutsche Filme werden bei der diesjährigen Berlinale (11. bis 21. Februar) zu sehen sein, aber eben nur einer im Wettbewerb. Im vergangenen Jahr waren es noch deren vier. Eine Qualitätskrise des deutschen Kinos lässt sich daraus freilich nicht ableiten. Nicht selten wurden in der Vergangenheit heimische Produktionen ins Rennen um den Goldenen Bären geschickt, die dann doch eher wie Quotenerfüllungsfilme wirkten. Diesmal also muss es "24 Wochen" von der Regisseurin Anne Zohra Berrached alleine richten. Die glänzende Besetzung und die interessante Story machen Hoffnung.

Der Topstar des Jahres kommt diesmal ohne eigenen Film. Wohl aber mit einem besonderen Bezug zur Hauptstadt. Meryl Streep hatte sich selbst für ein Jury-Engagement vor Jahren ins Gespräch gebracht. Berlinale-Chef Dieter Kosslick erinnerte sich daran und fragte nach: "Ich habe einfach mal geschrieben, nach dem Motto 'You always can get a No' - und es hat nicht lange gedauert, bis sie Ja gesagt hat." Streep selbst erhielt bereits den Goldenen Bären und die Berlinale-Kamera. Kosslick: "Sie ist überhaupt die größte und am häufigsten ausgezeichnete lebende Schauspielerin."

Was dem Hollywood-Star vermutlich keiner vorher verraten hat: Meryl Streep hat als Vorsitzende der Jury, die über die Vergabe der Preise entscheidet, eine Art Mammutaufgabe vor sich. Das Wettbewerbsprogramm umfasst 23 Filme, von denen 18 um den Goldenen und die Silbernen Bären konkurrieren werden. 20 Länder sind vertreten, 19 Weltpremieren werden zu sehen sein. Keine unüblichen Zahlen. Doch das Geschichtsdrama "Hele Sa Hiwagang Hapi" wird nicht nur Meryl Streep vor eine besondere Herausforderung stellen. Satte 485 Minuten dauert der Beitrag von den Philippinen, in dem der Regisseur und Autor Lav Diaz mit Andrés Bonifacio y de Castro einen der einflussreichsten Kämpfer gegen die spanische Kolonialherrschaft auf den Philippinen im späten 19. Jahrhundert porträtiert. Gezeigt wird der Film am Donnerstag, 18. Februar, 9.30 Uhr, im Berlinale Palast, diesmal ausnahmsweise Presse und Publikum gleichermaßen. 60 Minuten Pause sind vorgesehen. Meryl Streep wird man vermutlich eine DVD gegeben haben.

Der einzige rein deutsche Beitrag trägt den Titel "24 Wochen". Es ist der zweite Spielfilm der Erfurter Regisseurin Anne Zohra Berrached, die 2013 "Zwei Mütter" in der Perspektive Deutsches Kino präsentierte und es nun in den Wettbewerb geschafft hat. Julia Jentsch spielt die Hauptrolle in der Geschichte eines Paares, das erfährt, dass das gemeinsame Kind nicht gesund zur Welt kommen wird. Angekündigt wird das "intensive Porträt einer Frau, die in einen großen moralischen Konflikt geworfen wird, in dem es keine einfachen Lösungen gibt". Bjarne Mädel und Johanna Gastdorf spielen weiteren Rollen.

Hinzu kommen einige Koproduktionen mit deutscher Beteiligung. "Jeder stirbt für sich allein" ist die Verfilmung des letzten Hans-Fallada-Romans, der dem Ehepaar Otto und Elise Hampel ein Denkmal setzt. Zwischen 1940 und 1943 leistete es Widerstand gegen die Nazis, ehe beide hingerichtet wurden. Emma Thompson, Brendan Gleeson und Daniel Brühl stehen auf der Besetzungsliste. "L' avenir", ein französischer Film mit deutscher Beteiligung (Regie: Mia Hansen-Løve, Hauptrolle: Isabelle Huppert) erzählt von einer Frau, die ihr Leben neu ordnen muss, nachdem ihr Mann sie verlassen hat.

Eröffnet wird das Festival mit einem Paukenschlag: "Hail, Caesar!" (Bundesstart: 18. Februar) ist der neue Film der Coen-Brüder, die am Donnerstag, 11. Februar, ebenso in Berlin erwartet werden wie Hauptdarsteller George Clooney. Die Komödie blickt hinter die Kulissen eines Hollywood-Studios in den 50er-Jahren. Der Star des geplanten Monumentalschinkens "Hail, Caesar!" wird entführt. Eddie Mannix (Josh Brolin) ist als Mann für alle Fälle gefordert.

Mit Spannung erwartet wird darüber hinaus Spike Lees neuer Film "Chi-Raq". So wird Chicago in der US-amerikanischen Hip-Hop-Szene bezeichnet. Der Film versteht sich als forsche Variante von "Lysistrata", der klassischen Komödie des griechischen Dichters Aristophanes und nimmt sich die ausufernde Gewalt in der US-Metropole zum Thema.

Die allgegenwärtige Flüchtlingsthematik wird sektionsübergreifend in vielen Filmen des Festivals aufgegriffen, dürfte jedoch in den großen Produktionen erst im kommenden Jahr das Kernthema sein. Im Wettbewerb schon jetzt: Gianfranco Rosis "Fuocoammare" erzählt vom zwölfjährigen Samuele, der auf der Insel Lampedusa lebt und dort Zeuge einer der größten humanitären Tragödien unserer Zeit wird.

Die Berlinale selbst wird sich diesmal darüber hinaus für Menschen engagieren, die nicht nur Flucht, sondern auch Verfolgung, Kriegsgewalt und Folter durchleben mussten. Die Besucher des Festivals werden um Spenden für das Behandlungszentrum für Folteropfer e. V. gebeten.

Insgesamt 434 Filme werden ab 11. Februar bei den Internationalen Filmfestspielen zu sehen sein. Darüber hinaus werden rund 700 Filme beim European Filmmarket den Filmeinkäufern präsentiert. Am Ende entscheidet die internationale Jury, zu der neben Meryl Streep auch der deutsche Schauspieler Lars Eidinger und der Brite Clive Owen gehören, über die Preisträger. Die Preisverleihung wird am Samstag, 20. Februar, im Berlinale Palast stattfinden.

Den Goldenen Ehrenbär für sein Lebenswerk erhält diesmal der deutsche Kameramann Michael Ballhaus, der im Lauf seiner Karriere rund 130 Filme für Kino und Fernsehen drehte. Die Berlinale Kamera geht an den Filmemacher Ben Barenholtz, der Schauspieler Tim Robbins und an die Münchner Kinobetreiberin Marlies Kirchner.

Quelle: teleschau - der mediendienst