El Clan

El Clan





In den Fängen der Familie

Arquímedes Puccio (Guillermo Francella) lebt mit seiner Familie in einem wohlhabenden Viertel in Buenos Aires. Sein gutaussehender Sohn Alejandro (Peter Lanzani) ist der Star der Rugby-Nationalmannschaft und leitet einen Surfershop unterhalb der Wohnung. Keiner ahnt, dass die beiden Männer reiche Nachbarn und Bekannte entführen, um von deren Angehörigen Lösegelder zu erpressen. Der Polit-Thriller "El Clan" von Regisseur Pablo Trapero beruht auf der wahren Geschichte der unscheinbaren Mittelstandsfamilie Puccio, die nach dem Ende der argentinischen Militärdiktatur weiterhin durch Entführungen und Lösegelderpressung ihr Geld verdiente.

Arquímedes massiert seiner Frau (Lili Popovich), die hinter der Küchenzeile gerade das Essen auf einem Teller anrichtet, liebevoll den Nacken. Dann trägt er den Teller auf einem Tablett weg, raunzt im Vorbeigehen seinen Sohn an, dass er von der Couch aufstehen und seiner Mutter helfen soll, geht die Treppen in den ersten Stock hinauf und richtet seiner Tochter aus, dass das Essen fertig ist. Normaler Familienalltag - möchte man meinen.

Doch dann wird das dumpfe Hämmern und Schreien immer lauter, das aus dem Badezimmer dringt. Arquímedes tritt mit dem Tablett ein. In der Badewanne windet sich ein gefesselter junger Mann, der verzweifelt gegen die Wände schlägt. Die in einem Take gedrehte Szene ist eine sanfte Anspielung auf Michael Ballhaus' Copacabana-Shot aus "Good Fellas", in dem Henry Hill mit seiner Begleitung den Club durch die Hintertür betritt, in den Gängen alle grüßt und schier endlos Trinkgeld an jeden Angestellten vergibt, der seinen Weg kreuzt.

Doch diesen Glamour gibt es in der Gangsterfamilie der Puccis nicht. Der fahle Arquímedes durchquert sein Haus mit maschinenhafter Gefühlsroutine, die die Schreie seines Opfers noch grausiger macht. Die Familie fährt keine teuren Autos oder trägt Designerkleidung, sondern versteckt sich hinter der Fassade der Wohlsituierten in San Isidro, einer reichen Vorstadt von Buenos Aires. So zertrümmert "El Clan" den Mythos vom lässigen Filmgangster - wie es auf andere Weise auch "Good Fellas" tat.

Arquímedes ist ein empfindungsloser und akribischer Stratege, der bürokratisch die Daten seiner Entführungsopfer in einem Notizbuch verwaltet und die Gefühle seines Sohnes mit der Beschwörung familiärer Werte manipuliert, um ihn zur Mittäterschaft zu zwingen. Der Clan ist nicht Schutz, sondern die Hölle. Vor allem ist er heimlicher Schauplatz der großen politischen Ereignisse, die Gewalt der Diktatur hat sich tief in die Familienstrukturen gefräst. Alejandros Rebellion gegen den Vater erstickt im Keim.

Pablo Traperos Spagat zwischen Genrespiel und Interesse an der detailversessen recherchierten historischen Begebenheit gelingt. Dokumentarische Fernseh- und Hörfunkausschnitte zeigen den politische Hintergrund, vor dem "El Clan" spielt. Wie Markierungen durchziehen sie den Film und deuten rudimentär an, was in Argentinien zwischen 1982 und 1985 passierte. Es war vor allem die Zeit, in der die Militärdiktatur das Land in den wirtschaftlichen Ruin führte und schließlich 1983 der Demokratie wich.

Der historische Arquímedes Puccio war einer jener Emporkömmlinge der Junta, die unter Deckung von Polizei und Militär Menschen entführten, Lösegeld erpressten und sie ermordeten. Nach dem Fall der Militärdiktatur mordete er solange weiter, bis ihn die alten Militärs nicht mehr schützen konnten. Puccio flog auf. Der Fall erregte in der argentinischen Presse Aufsehen, keiner der Nachbarn konnte glauben, dass die nette Familie von nebenan zu solchen Verbrechen fähig war. Seitdem ließ Pablo Trapero die Puccio-Geschichte nicht mehr los.

Traperos kontrapunktische Musikgestaltung - die Kings trällern ihren "Sunny Afternoon", während gerade jemand blutüberströmt gefoltert wird - funktioniert nicht immer. Dass Normalität und Grausamkeit in dieser Familie nicht zu trennen sind, erzählt der Film anhand seiner Figuren und beiläufigen Szenen subtiler: Einmal fragt die Mutter ihre Kinder liebevoll, ob alles in Ordnung sei, nachdem ein wimmerndes Entführungsopfer aus dem Wagen gezerrt und unter Faustschlägen im Haus versteckt wurde.

Arquímedes ist ein Monster, dessen stahlblaue Augen nie blinzeln, sondern paralysieren: Er empfindet eine sadistische Lust daran, seinen Opfern mit monotoner Stimme gefühlige Briefe zu diktieren, die sie ihren Angehörigen als Lebenszeichen schicken sollen. Und später daran, die Familienangehörigen bei der Lösegeldübergabe zu beobachten, wie sie verzweifelt auf den Entführten warten, der meist schon erschossen und verscharrt irgendwo liegt. Arquímedes ist mehr als nur eine Figur. An ihm wird klar, dass die Strukturen der Diktatur auch dann noch weiter wirkten, als sie beendet war.

30.000 Menschen wurden während der Diktatur zwischen 1976 und 1983 in Argentinien verschleppt, misshandelt und getötet. Man nennt sie die Desaparecidos - die Verschwundenen. Bis heute dauert die Aufarbeitung der Verbrechen an diesen Menschen an. Der Film, den die Brüder Augustín und Pedro Almódovar produzierten, wurde in Argentinien zu einem riesigen Erfolg. In Venedig erhielt er 2015 den silbernen Löwen für die Beste Regie.

Quelle: teleschau - der mediendienst