Das Tagebuch der Anne Frank

Das Tagebuch der Anne Frank





Leben im Schatten der Vernichtung

Die knapp 15-jährige Anne (Lea van Acken) und der etwa gleichaltrige Peter (Leonard Carow) treten nicht schnell genug auseinander. Annes Vater (Ulrich Noethen) hat genug gesehen. Er dulde keine Knutscherei, schärft er ihr ein, als sie allein sind. "Okay", entgegnet seine Tochter leichthin. Eine typische Erziehungsszene aus dem letzten Jahrhundert? Ja - und nein. Anne Franks Familie und andere Juden verbergen sich in einem Hinterhaus, eine Geheimtür führt zu ihrem Versteck. Es ist das Jahr 1944 im deutsch besetzten Amsterdam, von wo aus die Nazis fleißig in die Gaskammern deportieren. Aus dem Kontrast zwischen dem Coming-of-Age einer Pubertierenden und der tödlichen Bedrohung schöpft "Das Tagebuch der Anne Frank" emotionale zeitgeschichtliche Aufklärung im besten Sinne.

Ihre Erlebnisse im "Hinterhaus" sollten ihre erste Buchveröffentlichung sein - so plante es die historische Anne Frank mit 14 Jahren. Da vertraute sie schon seit zwei Jahren ihrem Tagebuch an, wie der Alltag im Versteck war. Ihrer imaginären Freundin "Kitty" berichtete sie aber auch von der politischen Weltlage des Zweiten Weltkriegs und nicht zuletzt von ihren intimsten Gefühlen und den vielen Veränderungen, die sie als Teenager in sich und an sich wahrnahm, bald witzig, bald ernst, doch immer mit beeindruckender seelischer Reife. Das Tagebuch der Anne Frank, die in Frankfurt am Main geboren wurde, dort aufwuchs und nach Hitlers Machtergreifung mit ihren Eltern nach Holland emigrieren musste, gilt als das beeindruckendste Zeugnis der nationalsozialistischen Verfolgung der Juden.

An Verfilmungen fehlt es nicht. Doch die erste Kinofassung von George Stevens liegt mehr als 50 Jahre zurück, die letzte TV-Adaption immerhin fast 30 Jahre. Unterstützt durch den vielseitigen Autor Fred Breinersdorfer, der auch die Drehbücher für die in derselben Epoche angesiedelten Filme "Elser" (2015) und "Sophie Scholl - Die letzten Tage" (2005) verfasste, legt Regisseur Hans Steinbichler nun mit "Das Tagebuch der Anne Frank" eine Leinwandfassung des Stoffes vor, die sich erfolgreich um eine Sichtweise für heute bemüht.

Das bedeutet nicht nur, dass Annes von Weinen und Frösteln begleitete Klage über die Opfer von Krieg und Vernichtung in einer Art Prolog auf die heutige Zeit gemünzt wird. Oder dass in einer dem Abtauchen ins Versteck vorangestellten Episode jugendliche Nazis Anne und andere jüdische Mädchen von einem Strand vertreiben - wie es vielleicht schon wieder geschieht. Die aktuelle Sichtweise heißt auch, Annes Entwicklungsgeschichte viel offener und noch feinfühliger zu erzählen. Ihre Beobachtungen am eigenen und anderen Geschlecht, in früheren Publikationen des Tagebuchs zum Teil unterdrückt, kommen frei zum Ausdruck. Auch dass Lea van Acken forscher auftritt als wahrscheinlich die feinsinnige und sprachlich kokettierende historische Anne Frank, befördert die Identifikation.

Anne Frank ist eine von uns oder könnte es zumindest sein, lautet die Erkenntnis. Und egal wie furchtbar ihre Situation ist, das Leben bricht sich in ihr rücksichtslos Bahn, lässt einen jungen Menschen sogar im Halbdunkel des Verstecks aufblühen, lässt dieses Wesen reifen in der Auseinandersetzung mit der Mutter (Martina Gedeck) oder der Schwester Margot (Stella Kunkat). Und in der ersten Liebe. Weil Anne so nahe rückt, vor allem jungen Zuschauern, ist die Auslöschung dieses Lebens und so vieler anderer umso unvorstellbarer.

Quelle: teleschau - der mediendienst