Where to Invade Next

Where to Invade Next





Heiterer Ideenklau

Er ist wieder unterwegs und diesmal hat er eine ganz besondere Mission: Michael Moore zeigt seiner Nation "Where to Invade Next". Dabei will er aus der Vergangenheit der USA, die "seit dem 2. Weltkrieg keinen Krieg mehr gewonnen haben", lernen und das Vorgehen modifizieren. Kein Blutvergießen, kein Kampf ums Öl, stattdessen marschiert er als Ein-Mann-"Armee" in europäische Länder ein und nimmt mit dem Einverständnis der Einheimischen Ideen mit, die die Amerikaner seiner Meinung nach wirklich gut in ihrer Gesellschaft brauchen können.

Ob Waffenindustrie, Anti-Terrorkampf oder das Gesundheitssystem: Michael Moore hat mit seinem ganz eigenen direkten und sarkastischen Stil schon oft den Finger in die Wunde der amerikanischen Gesellschaft gelegt. Dafür erhielt er 2002 für "Bowling for Columbine" sogar einen Oscar. Nun reist er mit gespielter Naivität und einem "Das müsst ihr mir erklären"-Ansatz in verschiedene europäische Länder.

Über den Koloss mit Käppi staunen nicht nur die französischen Schüler in der Provinz, an deren Kindertisch er Platz nimmt, um zu beobachten, wie sie ein mehrgängiges Mittagessen mit Jakobsmuscheln und gereiftem Käse genießen. Dazu trinken sie auch noch Wasser und beäugen die von ihm mitgebrachte Cola misstrauisch. Wie ein Mann von einem anderen Stern wirkt der Mockumentarist mit seiner Flagge in der Hand eigentlich in jedem Land. In Italien erfährt er von zweistündigen Mittagspausen, bei denen das selbstgekochte Essen zu Hause eingenommen wird, und dass es einen Anspruch auf acht Wochen bezahlten Urlaub gibt. Und in Finnland führt zu seinem Erstaunen weniger Unterricht und der Verzicht auf Hausaufgaben zu den besten Resultaten weltweit.

Auch Deutschland kommt vor: mit seiner berühmten Mittelschicht, deren Mitglieder tatsächlich von nur einem Job leben können, und Müttern, die gegen Stress dreiwöchige Kuren vom Arzt verschrieben bekommen. Selbst im Umgang mit dem düstersten Kapitel deutscher Geschichte kann Moore noch etwas Positives finden. Deutschland stellt sich offen und aktiv seiner Schuld in der Vergangenheit. In den USA gibt es nur ein einziges Museum zum Thema Sklaverei, und das wurde erst 2015 eröffnet.

Ob in Portugal, Island oder Slowenien - eigentlich geht es Moore immer um die Schwachstellen der USA, die in diesem filmischen Vergleich bei jeder Episode herausgearbeitet werden - samt der Gründe, weshalb es falsch läuft. Den Vorwurf der Blauäugigkeit, schließlich läuft in Europa auch nicht alles überall rund, entkräftet der Filmemacher von Anfang an mit dem Hinweis, dass er nur die Blüten pflücken wolle, nicht das Unkraut jäten.

Mit seiner sympathischen Art, seiner Neugier und seinem Witz gelingt Michael Moore ein herrlicher, lustiger und optimistischer Film. Für den europäischen Zuschauer halten die von ihm gesammelten sozialen und gesellschaftlichen Errungenschaften auch Überraschungen bereit - wer kennt schon die Luxus-Knast-Insel für Schwerverbrecher im innovativen Strafsystem Norwegens? Und Moores Liebeserklärung bleibt wie eine Warnung im Gedächtnis, dass die europäischen Länder etwas Kostbares haben, das es zu hüten gilt.

Quelle: teleschau - der mediendienst