Midnight Special

Midnight Special





Superheld auf der Flucht

Ein junger Superheld, der mit seinen Kräften und der einhergehenden Verantwortung noch umgehen lernen muss. Eine rührende Vater-Sohn-Beziehung. Eine mysteriöse Sci-Fi-Story, in der auch Politik und Verschwörungen eine Rolle spielen. Dazu der Lässigkeitsgarant Jeff Nichols ("Take Shelter", "Mud") als Regisseur, der neben seinem Lieblingsdarsteller Michael Shannon auch "Star Wars"-Schurke Adam Driver und die unvergleichliche Kirsten Dunst ("Fargo") ins Ensemble holte - was kann da eigentlich noch schiefgehen? Überragend gespielt, entfaltet "Midnight Special" in angespannter Ruhe eine mitreißende erzählerische Wucht. Schade, dass sich das Drama gegen Ende ein wenig im esoterischen Einerlei verliert.

Verzweifelt will Roy (Michael Shannon) seinen Sohn beschützen. Denn der achtjährige Alton (Jaeden Lieberher) besitzt übernatürliche Fähigkeiten - manche würden sagen: Superheldenkräfte. Nicht nur leuchten seine Augen grellblau, nicht nur strahlen seine Handflächen, auch kann der Junge ganze Häuser zerstören, Satelliten vom Himmel holen und die Natur um sich welken lassen. Von seinen eigentlich ziemlich coolen Skills scheint Alton weniger überfordert, als man meinen würde: Recht entspannt liest er mit Schutzbrille, natürlich, Superman-Comics.

Trotzdem nervt es ihn ungemein, dass er bei religiösen Gruppen ebenso begehrt ist wie in höchsten Kreisen der Politik. Verfolgt wird Alton nicht nur von den Fanatikern einer Sekte, bei der er aufwuchs und deren Prophezeiungen auf seinen Äußerungen basieren. Auch befindet er sich als unerklärliches Phänomen im Visier eines Best-of der US-Regierungstruppen um CIA, FBI und NSA - samt einem tollen Adam Driver als sensibel-intellektuellem Nachwuchsermittler. Alle wollen Alton als imaginierten Erlöser respektive mögliche Bedrohung fangen, bevor er die von ihm vorausgesagten Koordinaten irgendwo in den Südstaaten an einem ebenfalls von ihm weisgesagten Datum erreicht.

So hilft nur eines: Flucht. Immer im Schutz der Dunkelheit und mit wechselnden Wagen hetzen Vater und Sohn von Versteck zu Versteck. Begleitet werden sie vom Ex-Cop Lucas (Joel Edgerton) und Altons leiblicher Mutter Sarah (Kirsten Dunst). Es ist das fantastische Schauspieler-Ensemble, das "Midnight Special" insbesondere in der ersten Hälfte zu einem mitreißenden Beinahe-Kammerspiel im Halbdunkeln geraten lässt. Angenehm entschleunigt changiert Nichols, der auch das Drehbuch verfasste, ohne viele Worte und große Effekte zunächst zwischen spannender Verfolgungsjagd, mysteriöser Sci-Fi und intimem Familiendrama.

"Midnight Special" könnte als meisterhaftes Kleinod gefeiert werden, als ebenso düsteres wie empathisches Gemälde einer zerbrochenen Kleinfamilie in einer paranoiden Zeit. Bediente Nichols nicht jenes ärgerliche Missverständnis, das in den vergangenen Jahren in Sci-Fi-Werken immer wieder zu beobachten war: die Verwechslung von esoterisch unscharfem Rauschen mit mysteriöser metaphysischer Tiefe. So verliert sich auch "Midnight Special" gegen Ende bisweilen im langweiligen Eso-Blabla, mit dem man jeder erzählerischen Konsequenz entflieht. Wer dieses Ärgernis ignorieren kann, erlebt indes ein bewundernswertes Charakterstück.

Quelle: teleschau - der mediendienst