Erschütternde Wahrheit

Erschütternde Wahrheit





Der Preis des Spektakels

Ihren American Football lieben sie in den Vereinigten Staaten. Das war gerade erst wieder zu erleben beim Superbowl 50. Kein Ereignis vereint das gespaltene Land so sehr, wie das Meisterschaftsfinale im Football: 112 Millionen Menschen sahen in den USA Anfang Februar zu, wie die Denver Broncos die Jubiläumsausgabe gewannen. Die National Football League (NFL) ist ein nationales Heiligtum. Es gleicht also Hochverrat, was Dr. Bennet Omalu in "Erschütternde Wahrheit" macht: Der Neuropathologe beweist wissenschaftlich, dass American Football die Gesundheit der Spieler nachhaltig schädigen kann. Dadurch legt er sich in dem Sportthriller, der auf wahren Begebenheiten basiert, mit einer ganzen Nation an.

Nun mag die Erkenntnis von Bennet Omalu (Will Smith) bei einer derart körperbetonten Sportart wenig überraschend sein. Trotzdem bietet sie Stoff für einen Thriller: Denn nicht nur haben die Fans kein Interesse an den Nebeneffekten des Spektakels American Football, sondern befürchtet auch die NFL ein Versiegen der ewigen Geldströme. Und wenn's ums Geld geht, hört der Spaß bekanntlich auf.

"Es ist schmerzhaft, Football zu spielen": Wie ein Menetekel schweben die Worte von Mike Webster (David Morse) über "Erschütternde Wahrheit". Der ehemalige Star der Pittsburgh Steelers äußert sie gleich in der ersten Szene, anlässlich seiner Aufnahme in die American Football Hall of Fame. Kurze Zeit später nimmt er sich das Leben, nachdem er lange als Wrack dahinvegetiert war. Verfolgt von Dämonen, die sich in seinem von abertausenden Kopfstößen lädierten Gehirn einnisteten.

Webster ist einer dieser tragischen Helden, die nur der Sport hervorbringen kann: Angehimmelt in den aktiven Zeiten - aber wenn die Karriere vorbei ist, auch schnell vergessen. Sein Tod nimmt die Menschen mit, doch die Gründe für den Suizid interessieren niemanden. Außer Bennet Omalu, den Leichenflüsterer mit unkonventionellen Methoden. Er untersucht den Tod des Football-Spielers und stellt eine Verbindung zwischen chronisch-traumatischer Enzephalopathie (CTE), einer durch ständige Erschütterungen des Kopfes hervorgerufenen neuralen Dysfunktion, und dem American Football her.

Dass sich Omalu damit einen mächtigen Feind macht, wird ihm erst durch Dr. Julian Bailes (Alec Baldwin) bewusst, der als Teamarzt jahrelang Teil des Systems war und Omalu unterstützt. Die Ergebnisse der CTE-Forschung könnten das Milliardenprodukt American Football gefährden, bei dem andere Dinge als die Gesundheit der Spieler bedeutsam sind. Also fährt die NFL schwere Geschütze auf, um Omalu zu diskreditieren.

Regisseur Peter Landesman blickt mit "Erschütternde Wahrheit" hinter die Kulissen des Profisports und stellt Fragen nach Moral und Erlösung. Fehlenden Mut, sich eines brisanten Themas anzunehmen, kann man ihm nicht vorwerfen. Dass er die Story konventionell und behäbig inszeniert allerdings schon.

Landesman erzählt die Ereignisse mit klassischer Dramaturgie aus Sicht eines Mannes, der eigentlich nur ein guter Staatsbürger werden will: Der von Will Smith wohltuend zurückhaltend gespielte Omalu ist ein fleißiger und gebildeter Einwanderer aus Nigeria. Dass der Film auch zeigt, wie aus dem strebsamen Doktor ein Mann wird, der von der hübschen Krankenschwester Prema Mutiso (Gugu Mbatha-Raw) die sinnlichen Seiten des Lebens gezeigt bekommt, lässt ihn zwar hübsch menscheln, beraubt ihn aber des Tempos und der Schärfe.

Die Frage, welchen Preis das Spektakel denn nun wirklich hat, wird hingegen recht zaghaft gestellt. Etwas mehr Verwegenheit hätte dem Film gut zu Gesicht gestanden. Gerade weil sich kaum jemand um die Gladiatoren kümmert, wenn sie in der Arena ihre Schuldigkeit getan haben. Die Spieler sind zur Unterhaltung da. Oder um es mit den Worten eines Fans auszudrücken, der aufgrund Omalus Forschungsergebnisse Angst um sein Wochenendvergnügen hat: "Do you want to pussyfy America?"

Quelle: teleschau - der mediendienst