Bloc Party

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"Wir müssen stets skeptisch bleiben"

Ende 2015 starteten Bloc Party ihre Promotour zur neuen Platte "Hymns" - wenige Monate zuvor hatten noch viele Fans am Fortbestand der Band gezweifelt. Doch Frontmann und Bandgesicht Kele Okereke hat nach dem Weggang seines Bassisten und des Schlagzeugers die Kurve gekriegt. In der Kölner Live Music Hall präsentiert er sich mit neuer Rhythmusgruppe und großem Tatendrang. Beim Interview vor dem Gig wirkt der 34-Jährige aufgeweckt und gespannt auf die bevorstehenden Konzerte, spricht über die Neubesetzungen in der Band, über die verzwickte Weltlage und Religiosität in der Kunst.

teleschau: Zu Bloc Party gehören nun ein neuer Bassist und eine neue Schlagzeugerin. Haben Sie sich schon aneinander gewöhnt?

Kele Okereke: Es läuft prima! Justin Harris, unser neuer Bassist, war ja schon gegen Ende des Aufnahmeprozesses dabei. Louise Bartle kam erst danach dazu, und wir jammten zusammen, um zu gucken, ob wir auf der gleichen Wellenlänge liegen. Das hat alles sehr gut funktioniert. Wir sind natürlich immer noch dabei, uns besser kennenzulernen. Wenn man ein Jahr auf Tour war, kann man sicherlich deutlich klarer definieren, wie die Gefühlslage ist. Aber momentan ist jeder Tag ein neuer Tag, der sich gut anfühlt.

teleschau: Was waren die Aufnahmekriterien für Ihre neuen Bandmitglieder?

Okereke: Justin kenne ich schon lange, ich bin großer Fan seiner Band Menomena, mit der wir 2009 getourt sind. Da er ein großartiger Bassist ist, habe ich ihn nach dem Weggang seines Vorgängers umgehend gefragt, ob er Lust hätte, mitzumachen. Das ging alles relativ problemlos. Louise dagegen machten wir tatsächlich über YouTube aus, wo sie Schlagzeugdemos eingestellt hatte. Ich fand, dass sie ein sehr gutes Feeling besitzt. Wir verstanden uns auf Anhieb und damit war die Band wieder komplett.

teleschau: Sie hatten tatsächlich immer wieder Personalwechsel am Schlagzeug. Wie wichtig ist eine stabile zwischenmenschliche Chemie für die Band?

Okereke: Sie ist überaus wichtig! Jetzt, wo wir nach meiner Meinung ein dauerhaftes neues Line-up haben, geht es darum, die Bandchemie genau zu analysieren, auch weil wir uns ja noch annähern und erstmals neue Songs als gemeinsame Band schreiben.

teleschau: Geht es dabei auch um ein Verständnis auf geistiger Ebene?

Okereke: Ja. Justin kannte ich. Ich weiß in etwa wie er tickt. Obwohl wir verschiedene musikalische Ursprünge haben, gibt es da eine gemeinsame Ebene und er ist technisch wohl einer der besten Bassisten, mit denen ich je spielen durfte. Gleichzeitig kann er auch sehr gefühlvoll Bass spielen, was unsere Musik bisher nie hatte oder brauchte. Aber nun bin ich neugierig darauf, den Bass aus einer anderen Perspektive zu erkunden. Der Groove ist wichtig, weswegen ich auch sehr froh über Louise bin, die technisch auch auf sehr hohem Niveau spielt. Ich bin gespannt, wie beide sich in Zukunft als Musiker in die Band einbringen werden.

teleschau: Sind Sie jemals an einen Punkt gelangt, an dem Sie davon überzeugt waren, dass die Band sich auflösen müsste?

Okereke: Ehrlich gesagt, der einzige Moment, an dem ich dachte, dass das so nicht weitergehen kann, war, als wir 2013 in Amerika auf Tour waren. Kurz nachdem ich der Band gesagt hatte, dass ich ein zweites Soloalbum machen würde, und die Vibes ohnehin nicht sehr gut waren. Nach der Tour trennten sich die Wege von Schlagzeuger Matt Tong und uns. Für mich fühlt es sich jedoch an, als hätte sich seither eine dunkle Wolke über der Band verflüchtigt.

teleschau: Der "Hymns"-Song "The Good News" enthält die Zeile "Oh lord, I'm trying to keep my mind on the good news". Sind Sie der Meinung, dass es zu viele schlechte Nachrichten gibt?

Okereke: (Lächelt gequält) Der Text bezieht sich zwar nicht darauf, was derzeit in der Welt vor sich geht, aber ja. Ich habe mich erst gestern mit Louise darüber unterhalten, was vor wenigen Monaten in Paris passiert ist, weil sie nervös im Bezug auf unsere Konzertreise auf das europäische Festland war.

teleschau: Bartle ist erst 20 ...

Okereke: ... und hat die Anschläge vom 11. September 2001 nicht bewusst mitbekommen. Die Tour ist ihre erste Reise außerhalb von Großbritannien, ein ziemlich einschneidendes Ereignis also. Ich sagte zu ihr, dass ich ihre Sorgen total verstehen könnte und dass dies nun die Welt ist, in der wir momentan zurechtkommen müssen, aber dass wir unseren Lebensalltag nicht von der Angst dominieren lassen dürfen. Man muss mehr denn je gewissenhaft bei der Auswahl seiner Informationsquellen sein. Man kann die Informationen nicht länger passiv konsumieren, sondern muss stets skeptisch bleiben und Sachen hinterfragen.

teleschau: Wie sehr lassen Sie sich beim Schreiben der Songtexte vom Tagesgeschehen beeinflussen?

Okereke: In der Vergangenheit war ich als Texter recht leicht von dem beeinflussbar, was um mich herum passierte. Darum nahm ich mich während des Entstehungsprozesses von "Hymns" komplett raus, habe einen Monat keine Zeitungen gelesen und versucht, das alles komplett zu ignorieren. Es war Wahlkampfzeit in Großbritannien. Das ist die schlimmste Zeit. Es wird dabei soviel Partei-Propaganda verbreitet, mit dem Ziel, den Konkurrenten zu diskreditieren und die Sympathien auf die eigene Seite zu ziehen.

teleschau: Auf "Hymns" geht es um Glauben und Andacht, gleichzeitig will das Album kein religiöses Manifest sein. Ist es heutzutage schwieriger geworden, sich auf Glauben, Religiosität und religiöse Metaphern zu beziehen?

Okereke: Das ist sozusagen die Kernidee hinter dem Album. Ich war bei einer Diskussionsrunde, bei der auch der englisch-pakistanische Schriftsteller Hanif Kureishi anwesend war. Er erklärte, warum wir heute bei religiösen Bezügen in der Kunst immer misstrauisch sind, während vor 200 Jahren die Kunst ohne religiösen Grundgedanken schlicht unvorstellbar war. Darüber habe ich lange nachgedacht, denn auch ich habe viele religiöse Bezüge zur Musik in meiner Vergangenheit.

teleschau: Sie sangen im Kirchenchor.

Okereke: Genau. Darum wollte ich ein Album machen, das zwar andächtig und vom Glauben beeinflusst ist, aber keinen religiösen Dogmatismus transportiert. Erst jetzt, wo ich über das Album spreche, wird mir bewusst, was ich mit dem Album aussagen wollte, welche Themen, die mich beschäftigt haben, tatsächlich enthalten sind. Vor allem die Verbindung zur Natur: Es gibt viele Verweise auf Wasser, Flüsse und das offene Meer, Licht und natürlich Sex, die Intimität mit Geliebten und Freunden.

Quelle: teleschau - der mediendienst