Steven Wilson

Steven Wilson





Ohne Scheuklappen

Steven Wilson ist Künstler, Songwriter, Produzent, Mixing-Spezialist, Fan, Autodidakt. Musikalische Grenzen, Bedingungen oder Notwendigkeiten sind dem 48-Jährigen fremd. Eine unprätentiöse, sympathische Person. Zum Interviewtermin am 18. Januar vor seinem Auftritt im Berliner Tempodrom erscheint er barfuß. Setzt sich hin, fängt an zu erzählen, nimmt den Dialog auf. Es könnte der Eindruck entstehen, als sei das alles ganz einfach, was er macht. Dabei ist Steven Wilson der Mann, welcher für viele auf dem besten Wege ist, einem verstaubt geglaubten Genre wieder flächendeckend zum Ruhm zu verhelfen. Ein Gespräch über Prog oder Nicht-Prog, das Verhältnis zu seiner Band Porcupine Tree, "die Poesie der Melancholie" und warum es sich lohnt, auch als Musiker die Perspektive eines Fans zu behalten.

teleschau: In der Ankündigung Ihrer derzeit laufenden Tournee berichten Sie, dass Sie vier bis viereinhalb Stunden Repertoire hätten. Warum so viel?

Steven Wilson: Der Grund dafür ist, dass ich im September zwei Shows in der Royal Albert Hall in London spielte. Quasi meine Heimatstadt. Und der Plan war, zwei komplett unterschiedliche Programme zu haben. Um das zu erreichen, mussten wir uns entsprechend viel Material draufschaffen. Somit können wir jetzt auf dieses große Repertoire zurückgreifen.

teleschau: Sie stammen aber nicht direkt aus London.

Wilson: Nun ja, London ist insofern meine Heimatstadt, als es die nächstgrößere Stadt war, in der eine Band spielen konnte. Eigentlich komme ich aus einem Ort namens Hemel Hempstead, der ungefähr 20 Meilen von London entfernt ist. Ich zog nach London, als ich 20 war. Und ich ging vor ungefähr fünf Jahren zurück in meine Heimatstadt.

teleschau: Die Frage beruht darauf, dass Themen wie Isolation und die Melancholie des Stadtlebens bei Ihnen immer wieder auftauchen. Auch im Charakter, den Sie auf ihrer Homepage Ihrer neuen EP "4 1/2" zuweisen. Sind das typische Merkmale Ihres Stils?

Wilson: Es gibt einen Song auf der EP, "Don't Hate Me", den ich 1998 verfasste. Das ist ein Song über das Leben in London und die Einsamkeit des Lebens im Herzen einer Großstadt. Als ich zuletzt "Hand.Cannot.Erase." schrieb, kam es mir nicht in den Sinn, dass ich bereits über ähnliche Themen geschrieben hatte. Doch als ich zurückblickte, merkte ich: Isolation, Einsamkeit zwischen Millionen von Menschen, über all diese Sachen hatte ich mir schon zuvor Gedanken gemacht.

teleschau: Was sagt das Ihnen?

Wilson: Entweder, dass ich seit 20 Jahren keine neuen Ideen habe. Oder, dass es wie ein Handlungsstrang ist, der sich durch das Wirken eines Songwriters zieht. Es sind Dinge wie Bedauern, Isolation, Nostalgie in Bezug auf die Kindheit, die immer wieder in meinen Songs auftauchen. Aber das ist gut, weil es Teil des Stils ist, welcher meine Musik wie Steven Wilson klingen lässt.

teleschau: Auch das Thema des Verlusts, insbesondere im engeren Familienkreis, taucht immer wieder auf. Woher kommt das?

Wilson: Das ist eine gute Frage. Ich verlor meinen Vater vor fünf Jahren. Seitdem ist mein Interesse an diesem Thema gestiegen. Mein Album "The Raven That Refused To Sing" (2013) handelte von Geistergeschichten. Geistergeschichten sind Geschichten über Verlust, Sterblichkeit und die Konfrontation mit dem Tod. Es war also sicher kein Zufall, dass ich nach dem Tod meines Vaters - und er war erst 72 Jahre alt - ein Album über die Sterblichkeit schrieb.

teleschau: Das Thema war aber auch schon vorher durchaus präsent.

Wilson: Ja. Ich kann nicht wirklich erklären, warum das Thema vorhanden war, als ich, sagen wir mal, 20 war. Außer damit, dass es eines ist, was viele Kids beschäftigt. Denken Sie mal an Heavy Metal. Das ist ein Musikstil, der viele Teenager anspricht. Und es geht vorwiegend um den Tod und Sterblichkeit. Sobald wir als Kinder realisieren, dass wir eines Tages sterben werden, umgibt uns dieses Spektrum des Todes. Der Gedanke, dass wir nur eine bestimmte Zeit haben, um unserem Leben einen Sinn zu geben. Ich weiß nicht, ob das Tiere auch so empfinden. Ich denke nicht, dass meinem kleinen Hund bewusst ist, dass er eines Tages sterben muss. Aber wir sind menschliche Wesen. Wir wissen, dass wir sterben werden. Und das macht uns kaputt. Macht uns melancholisch, depressiv, unglücklich.

teleschau: Die Ästhetisierung dieser Gefühlszustände ist tief in der Musikgeschichte verwurzelt.

Wilson: Ich nenne das "die Poesie der Melancholie". Es liegt etwas unheimlich Schönes in der Traurigkeit und Melancholie. Ich habe mich schon oft gefragt, warum das so ist. Und die beste Antwort, welche ich finden konnte, ist diese: Wenn du etwas sehr Trauriges, Melancholisches oder sogar Tragisches ausdrückst, wird es die Menschen, welche dies wahrnehmen, ansprechen und berühren. Weil sie dadurch im tiefsten Innern verstehen, dass sie nicht alleine mit ihren Gefühlen sind. Auch wenn junge Kids Songs über Einsamkeit oder Ausgeschlossensein von ihren Popstars hören, hilft das ihnen, sich besser zu fühlen. Denn: "Hey, sogar mein Held hat dieselben Gefühle wie ich."

teleschau: Es geht auch immer wieder um den Verlust der Kinder. Haben Sie Kinder?

Wilson: Nein. Aber ich bin ein Kind. Das Kind meiner Eltern. Also bin ich Teil dieser Dynamik. Ich kann Geschichten über Personen schreiben, die nicht mit meiner Person identisch sind. Und ihnen trotzdem einen Teil meines Charakters mitgeben. Meine Erfahrung, meine Biografie, meine Gefühle, all das gebe ich meinen fiktionalen Charakteren mit. Nehmen Sie nur mal den Song "Routine": Natürlich bin ich keine Mutter, die ihre Familie verloren hat. Aber meine Gefühle und Gedanken sind eingeflossen. Schlussendlich geht es um Verlust. Und wieder kommt das Thema, dass ich meinen Vater verloren habe. Das ist ein verdammt echtes Gefühl des Verlusts, vermischt mit Kindheitserinnerungen.

teleschau: Der Transport dieser tiefen persönlichen Gefühle erfolgt bei Ihren Konzerten nicht nur musikalisch, sondern auch mit Hilfe von Filmen, Videos, Animationen. Wie wichtig ist für Sie das optische Element?

Wilson: Sehr wichtig. Wenn es Dir gelingt, Ton und Bild in einer symbiotischen Art zusammenzubringen, kann dies das stärkste künstlerische Medium werden. Schon von Anfang an habe ich mir meine Songs immer als Filme oder Videos oder Bilder vorgestellt. Viele Jahre lang habe ich diese Seite aber nicht realisieren können. Weil ich nicht die Fähigkeiten dazu hatte und auch keinen kannte, der diese hatte. Seit ein paar Jahren darf ich nun zum Glück mit tollen Filmemachern, Trickzeichnern und Illustratoren zusammenarbeiten. So ist das für mich ein unheimlich wichtiger Teil des Prozesses geworden. Ich würde sogar soweit gehen und sagen: Sobald ich einen Song geschrieben habe, taucht innerhalb von Minuten der Gedanke auf: "Wie wird das aussehen?" Das gilt übrigens nicht nur für das filmische Element. Sondern auch für das Artwork, die Verpackung, die Website. Die Ästhetik der visuellen Seite ist ebenso wichtig wie diejenige der musikalischen.

teleschau: Live und auf Platte nehmen Sie sich immer stärker auch Songs ihrer Band Porcupine-Tree an. Aktuelle Beispiele sind "Lazarus" oder das erwähnte "Don't Hate Me". Findet hier eine langsame Verschmelzung statt?

Wilson: Ja, das fühle ich auch. Und ja, die beiden Nummern, die Sie genannt haben, sind Porcupine-Tree-Songs. Aber es sind auch Steven-Wilson-Songs. Ich habe sie geschrieben, bevor ich sie damals der Band präsentierte und mit ihnen eine Version dieses Songs aufnahm.

teleschau: Sie werden aber trotzdem als Porcupine-Tree-Songs wahrgenommen.

Wilson: Klar. Diese Version stellte ja auch den Erstkontakt mit den Hörern dar. Und auf den ersten zwei, drei Tourneen als Solokünstler achtete ich sehr darauf, dass ich keine Songs im Repertoire hatte, welche die Menschen all zu sehr mit Porcupine Tree assoziieren könnten. Ich wollte zeigen, dass ich etwas Neues und Eigenes mache.

teleschau: Täuscht der Eindruck oder wendet sich das Blatt diesbezüglich gerade?

Wilson: Nein, das stimmt schon. Wenn ich jetzt zu Porcupine Tree zurückgehen würde - was durchaus möglich ist -, wäre dies das Seitenprojekt. Nicht andersrum. Ich glaube, dass die Leute dies auch verstehen. Ich habe vier Alben als Solokünstler veröffentlicht und bin entspannt. Es gibt großartige Songs, die ich für Porcupine Tree schrieb. Und ich möchte in der Lage sein, diese mit meiner neuen Band aufzuführen.

teleschau: Sie werden gerne zum Progressive-Rock-Bereich gezählt, begegnen dieser Einordnung aber mit Vorsicht.

Wilson: Ich selbst habe niemals von mir gesagt, dass ich Progressive Rock mache. Das sagen andere Leute über mich. Natürlich, ich würde mir selbst etwas vormachen, wenn ich nicht sehen würde, dass meine Musik in dieser Tradition steht. Aber ich sehe einfach diesen Zaun nicht, der mir die Parameter vorgibt. Auf "Hand.Cannot.Erase." finden Sie elektronische Musik, Popmusik, Heavy-Metal-Riffing, akustische Balladen, ausgedehnten Space-Rock und ja, auch komplexeren, wenn Sie so wollen "typischen" Progressive-Rock. Ich sehe mich absolut nicht als gattungsgemäßen Musiker.

teleschau: Was die "Prog-Rocker" der 70-er, in deren Linie Sie sich sehen, ja ebenfalls nicht taten.

Wilson: Genau. Ich habe mit einigen dieser Menschen gearbeitet. Ich sprach mit Steve Hackett (ex-Genesis - Anm. d. Red.), mit Ian Anderson (Jethro Tull - Anm. d.Red.), mit Robert Fripp (King Crimson - Anm. d. Red.). Und ich fragte sie: "Habt ihr euch jemals 'Prog Rock' genannt?" Sie sagten: "Nein. Wir waren einfach Musiker aus dem Untergrund, und irgendwann hat uns die Presse in diesen Topf geworfen."

teleschau: Sie sagten einmal, Sie würden pro Woche bis zu zehn CDs kaufen. Ist das wahr?

Wilson: Ja, das kommt durchschnittlich hin. 400 bis 500 CDs oder Platten pro Jahr, so ungefähr. Ich weiß das, weil ich in den letzten Jahren alles dokumentierte, was ich kaufte. So wie der typische Musikverrückte.

teleschau: Der Fan steckt also tief in Ihnen drin.

Wilson: Ich bin immer noch sehr neugierig. Und ich bin einer derjenigen Menschen, die genauso neugierig auf Musik sind, die sie mögen, wie auf Musik, die sie nicht mögen. Damit meine ich nicht die gewöhnliche Popmusik. Sondern Musik, die etwas Einzigartiges hat, selbst wenn ich das nicht mag. In diesem Sinne bin ich immer noch ein Student. Ein Musikstudent.

Quelle: teleschau - der mediendienst