Wolfgang Niedecken

Wolfgang Niedecken





"Wie ein Seiltänzer, der nach unten schaut"

"Lebenslänglich" - das klingt wie eine Strafe, ist für Wolfgang Niedecken aber ein großes Glück: Was als unambitionierte Studentenband startete, hat in den letzten 40 Jahren die deutsche Musiklandschaft mitgeprägt. Ganz und gar ungeplant verlief so einiges in seinem Leben, wie Niedecken im Interview verrät: "Da kann's einem schon mal schwindlig werden." Das ist aber längst kein Grund für den 64-Jährigen, stillzustehen und Rückschau zu halten - im Gegenteil: Das Jubiläumsalbum "Lebenslänglich" ist keine Best-of-Platte. Stattdessen widmen sich Niedeckens BAP musikalisch dem Americana, während die Texte die aktuelle politische Lage kommentieren. Genau das sieht er auch als seine künstlerische Aufgabe, wie Niedecken im Gespräch deutlich macht. Und genau damit kann man auch gut und gerne lebenslänglich relevant bleiben.

teleschau: Auf Ihrer ersten Single "Absurdistan" verwenden Sie erstmals in Ihrer Karriere einen Mix aus Kölsch und Hochdeutsch. Wie kam es dazu?

Wolfgang Niedecken: Ich hatte den Text erst komplett auf Kölsch und habe erst beim Singen gemerkt, dass da was nicht stimmt. Da gingen mir an bestimmten Stellen die Nackenhaare hoch. Ich habe dann versucht, den Text auf Hochdeutsch zu singen, und plötzlich blieben die Nackenhaare unten. Es ist anscheinend so, dass ich Worte benutzt habe, die ich selbst in meiner alltäglichen Sprache nicht benutzen würde. Kölsch wirkte irgendwie albern, sodass mir der nötige Ernst abhandenkam. Und "Absurdistan" ist ein sehr ernstes Stück.

teleschau: Lag es auch daran, dass Sie wollten, dass Ihre Botschaft besser gehört werden sollte?

Niedecken: Nee. Wer Botschaften verteilen will, der soll bei der Post arbeiten.

teleschau: Als Sie den Song dann auf Facebook hochluden, gab es ziemlich schnell Kritik aus dem Kreise der BAP-Fans, die sich teilweise die "guten, alten, rein-kölschen Zeiten" zurückwünschten.

Niedecken: Ja, dazu musste ich auch etwas sagen und habe einen ziemlich langen Text verfasst, was sonst nicht so mein Ding ist. Aber ich hatte das Gefühl, dass es allmählich die angenehmen Menschen von unserer Seite vergrault, wenn man das Feld den Hatern überlässt. Das hat nichts mit Kritik zu tun, ich bin sehr kritikfähig, aber wenn man merkt, dass Menschen nur auf die Gelegenheit warten, ihre Tiraden loszuwerden, dann hat das bei uns nichts zu suchen.

teleschau: Ist diese Nostalgie ein BAP-typisches Phänomen?

Niedecken: Keineswegs. Wenn ich mit Kollegen spreche, merke ich, dass es ganz viele einsame Menschen gibt, die in den Spätnachmittagsstunden zu Hause sitzen und ihren Frust dann im Internet loslassen.

teleschau: Im Zuge der Diskussion sagten Sie auch, Sie hätten die Rückbenennung von BAP zu Niedeckens BAP zu spät vorgenommen. Warum?

Niedecken: Ich hab's einfach vergessen. (lacht) Die Jungs, die vor 16, 17 Jahren die Band verließen, haben das getan, weil sie nicht mehr dran glaubten. Ich wollte unbedingt weitermachen. Damals habe ich einfach nicht daran gedacht, wieder meinen Namen davorzusetzen. Das tat mir in den Jahren danach immer wieder mal leid. Erst als wir bei der letzten Tour als Band mein Soloalbum spielten, war die Gelegenheit günstig. Es hat aber auch einen sehr praktischen Grund: Alle BAP-Musiker spielen auch noch in anderen Projekten, wir müssen also flexibel bleiben.

teleschau: Inwiefern?

Niedecken: Es kann schon mal vorkommen, dass bei dem einen oder anderen Auftritt ein Ersatzmann oder eine Ersatzfrau ran muss. Aber so ist das halt, wenn man gefragte Profi-Musiker hat. Ein Luxusproblem eigentlich. Schade nur, dass wir selten alle zur gleichen Zeit in der gleichen Stadt sind, wo wir uns dann einfach mal zum Jammen treffen können, ohne gleich wieder für ein neues Album oder eine neue Tour zu proben. Aber das ist ohnehin seit langer Zeit kaum noch vorgekommen ...

teleschau: Weil es Ihnen schwerfällt, mal eine Pause in Ihrem Schaffen einzulegen?

Niedecken: In gewisser Weise schon. Neue Songs zu schreiben hat einen Riesenspaß gemacht, es war eine unglaublich schöne Zeit. In vier Monaten hatte ich 14 neue Songs zusammen. Das Jubiläumsjahr hätten wir auch mit den Greatest Hits durchspielen können, aber dass wir wirklich ein neues Album auf die Beine stellen konnten, war wirklich toll.

teleschau: Woher kam der Kreativschub?

Niedecken: Wohl daher, dass ich über fünf Jahre nichts mehr rausgelassen hatte. Das letzte reguläre BAP-Studioalbum war 2011. Es hatte sich einfach aufgestaut - ohne dass mir das direkt bewusst war. Am Anfang habe ich mir sogar eine Schreibblockade eingeredet, weil nicht auf Anhieb was kam. Aber kaum war das erste Stück da, floss es los. Wenn ich nicht irgendwann gesagt hätte: "Lass uns ins Studio gehen und aufnehmen", dann wäre ich heute noch am Schreiben. (lacht) Es passieren zurzeit einfach so viele Dinge auf der ganzen Welt. Da wird mir das Material auch in Zukunft nicht ausgehen.

teleschau: Beim Bandjubiläum reicht aber natürlich der Blick in die Zukunft nicht aus, der in die Vergangenheit ist geradezu obligatorisch. Was hat BAP Sie in den vergangenen 40 Jahren gelehrt?

Niedecken: Dass es sich lohnt, flexibel zu bleiben. Dass es sich lohnt, sich nicht zu verstellen, nicht jedem Trend hinterherzurennen. Wer den Trends hinterherrennt, kommt immer zu spät. Aber so genau will ich darüber gar nicht nachdenken. Wenn ich jetzt diese Rückblicksgeschichten mache, komme ich mir immer vor wie ein Seiltänzer, der nach unten schaut. Da kann's einem schon mal schwindlig werden.

teleschau: Hatten Sie denn diese Karriere erträumt?

Niedecken: Nein, aber das glaubt einem heute immer keiner. Das war alles völlig ambitionslos. Als wir anfingen, steckte ich mitten in meinem Kunststudium. Da hatten wir kein anderes Ziel, als einmal pro Woche einen Kasten Bier leer zu proben. Und dann bot uns jemand an, eine Platte zu machen. Wahrscheinlich war unsere unbeschwerte Herangehensweise sogar genau unser Erfolgsgeheimnis.

teleschau: Was war denn damals ihr Ziel?

Niedecken: Ich dachte, ich werde mein Leben lang Bilder malen. Und wenn ich davon nicht leben kann, arbeite ich als Aushilfsgrafiker. So hatte ich ja auch mein Studium finanziert. Ich hatte auch nicht vor, eine Familie zu gründen. Für mein eigenes Existenzminimum hätte es immer gereicht, aber dass ich mal eine Familie habe, mit mittlerweile vier Kindern, das hätte ich mir nie träumen lassen. Damals musste man sich ja auch oftmals entscheiden zwischen Kunst und Familie, das habe ich bei meinen Kommilitonen miterlebt. Die heirateten, bekamen Kinder und hatten dann keine Zeit mehr zum Malen, weil sie jobben gehen mussten.

teleschau: Da hatten Sie ja richtig Glück.

Niedecken: Definitiv. Bei einem Lied auf dem Album heißt es ja auch, "Der liebe Gott meint es gut mit mir". Das glaube ich wirklich. Sehr religiös bin ich zwar nicht, aber so restkatholisch bin ich dann doch noch.

teleschau: Was anderes bleibt einem im Rheinland auch nicht übrig, oder?

Niedecken: Nein. Man kann seine Gene nicht verleugnen, man ist ja nicht vom Himmel gefallen. Die Familie meines Vaters waren sämtlich sehr katholische Winzer vom Rhein. Mein Vater war der Erste, der in die Stadt ging und nicht im Weinberg arbeitete.

teleschau: Ist Ihnen dieser rheinische Katholizismus als Kind auch eingeimpft worden? Können Sie noch den Rosenkranz beten?

Niedecken: Das nicht. Aber ich war natürlich Messdiener, das volle Programm.

teleschau: Da sammelt man auch schon erste Bühnenerfahrung, oder?

Niedecken: Stimmt, ein bisschen posen muss man da auch schon. Ich fand ja immer die Beerdigungen am besten. Da hatte man schulfrei, denn die waren ja morgens. Und Trinkgeld gab's auch gelegentlich.

teleschau: Wenn man so viel auf Reisen ist wie Sie, ist die Heimat dann umso wichtiger?

Niedecken: Ja, es ist wichtig, einen ordentlichen Heimathafen zu haben. Ich breche gerne von Köln auf, komme aber immer wieder gerne zurück. Die Stadt macht es einem aber auch leicht.

teleschau: Was ist denn das Beste an Köln?

Niedecken: Die Menschen. Die sind freundlich, flexibel, gemütlich, unvoreingenommen ... Köln hat halt die Qualitäten eines Melting Pots, da ja die meisten Menschen von irgendwo anders her nach Köln gekommen sind. Hier kreuzten sich seit Jahrhunderten wichtige Verkehrsadern. Man muss einfach mit den anderen auskommen, und das hat man als Kölner tief drin.

teleschau: Gerade Köln hat in den letzten Tagen aber auch auf andere Weise von sich reden gemacht. Die Debatte über die Untaten von Silvester hat sich schnell auf die Flüchtlingsfrage konzentriert. Sie haben noch im September in einem Interview gesagt, Sie seien sehr überrascht über die Willkommenskultur der Deutschen, das werde aber bestimmt noch einmal wie ein Pendel zur anderen Seite ausschlagen. Ist das jetzt dieser Ausschlag?

Niedecken: Sicher.

teleschau: Waren Sie überrascht von der Heftigkeit?

Niedecken: Natürlich nicht! Was mich überrascht - positiv überrascht natürlich - ist, dass trotzdem immer noch so viele Menschen an dieser Willkommenskultur festhalten. Wie viele sich in Eigeninitiative den Flüchtlingen widmen, ist für mich wirklich rührend. Ich hätte gedacht, die Leute wären verhärteter. Das ist auch das Wichtigste, was wir als Künstler tun können: Helfen, dass die Leute nicht verhärten. Dass die Empathie erhalten bleibt.

Niedeckens BAP auf Tournee:

14.01.2016, Heimathafen, Berlin

18.05.2016, Halle Münsterland, Münster

19.05.2016, Swiss Life Hall, Hannover

20.05.2016, Tempodrom, Berlin

22.05.2016, Messe, Erfurt

23.05.2016, Meistersingerhalle, Nürnberg

24.05.2016, Porsche-Arena, Stuttgart

25.05.2016, Festzelt, Herborn

27.05.2016, Pier 2, Bremen

28.05.2016, Sparkassen-Arena, Kiel

29.05.2016, CCH 1, Hamburg

31.05.2016, König-Pilsener-Arena, Oberhausen

01.06.2016, Lanxess-Arena, Köln

03.06.2016, Arena, Düren

04.06.2016, Arena, Trier

05.06.2016, Jahrhunderthalle, Frankfurt

06.06.2016, Schwarzwaldhalle, Karlsruhe

08.06.2016, Rosengarten, Mannheim

09.06.2016, Ratiopharm-Arena, Neu-Ulm

15.07.2016, Wasserschloss Klaffenbach, Chemnitz

16.07.2016, Freilichtbühne Großer Garten Junge Garde, Dresden

17.07.2016, Tollwood, München

19.07.2016, Zelt-Musik-Festival, Freiburg

20.07.2016, Hohentwielfestival, Singen

22.07.2016, Kunstrasen, Bonn

23.07.2016, Zitadelle, Mainz

29.07.2016, Schloss Eyrichshof, Ebern

30.07.2016, Historischer Hafen, Wanfried

14.09.2016, Amphitheater, Hanau

06.11.2016, Rhypark, Basel

07.11.2016, Volkshaus, Zürich

08.11.2016, Bierhübeli, Bern

Quelle: teleschau - der mediendienst