The Forest

The Forest





Ausflug in den Horror-Forst

Wo stirbt es sich am besten, wenn man seines Lebens überdrüssig ist? Viele Japaner würden sagen: in den Tiefen eines sagenumwobenen Waldes. Seit Jahrzehnten zieht es suizidale Menschen aus dem ganzen Land in den Aokigahara-Wald am Fuße des Berges Fuji. Viele nehmen sich sogleich das Leben, die Unsicheren bleiben hingegen tagelang allein in Zelten und denken nach. Inzwischen ist der so genannte "Selbstmörder-Wald" über Japan hinaus zum Mythos gereift - und so war es nur eine Frage der Zeit, dass sich die Horrorfilm-Industrie des Gruselorts annehmen würde. Die US-Produktion "The Forest" lässt eine junge Amerikanerin im Aokigahara nach ihrer verschwundenen Zwillingsschwester suchen. Die Steilvorlagen, die das sehr dankbare Thema liefert, nutzt der etwas unentschiedene Horror-Thriller jedoch nicht konsequent.

Die Zwillinge Sara und Jess, beide verkörpert von der charmant aufspielenden Britin Natalie Dormer ("Game of Thrones", "Die Tribute von Panem"), sind so etwas wie die postmoderne Variante von Schneeweißchen und Rosenrot: Während die blonde Sara ein geregeltes Leben führt, gerät ihre dunkelgefärbte Emo-Gothik-Schwester immer wieder in Schwierigkeiten. Trotz immens verschiedener Charaktere, die im Laufe der Geschichte durch ein psychoanalytisch überhöhtes Kindheitserlebnis erklärt werden, sind die Zwillinge aber - wie das eben so ist - durch ein mystisches Band verknüpft.

So spürt Sara denn auch im Traum, dass es ihrer Schwester nicht gut geht. Und tatsächlich: Jess scheint spurlos verschwunden. Als Nachforschungen ergeben, dass sie nach Japan geflogen ist, zögert Sara keine Sekunde und reist der Verschollenen hinterher. Schnell führt Jess' Spur in jenen Grauen erregenden Selbstmörder-Wald nahe des legendären Berges Fuji. In dessen touristisch ausgebauter Nähe angekommen, legt man Sara nahe, den Spukort keinesfalls zu betreten - überhaupt sei ihre Schwester gewiss ohnehin bereits tot. Doch ein Zwilling weiß das besser als die ehrfürchtig-abergläubischen Japaner, die Sara schon außerhalb des Waldes mit gruseligen Psycho-Blicken, Leichenschauen, uralten Zombie-Menschen und den unverzichtbaren kleinen Mädchen Gänsehaut bescheren. Sie fühlt: Jess lebt!

Entgegen aller Empfehlungen begibt sich die junge Frau in den Aokigahara - klugerweise jedoch nicht allein, sondern gemeinsam mit dem draufgängerisch-zwielichtigen Journalisten Aiden (Taylor Kinney), den sie in einer Bar kennenlernt, sowie dessen Führer Michi (Yikiyoshi Ozawa), der den Wald regelmäßig nach Leichen und Überlebenden durchkämmt und dessen Pfade daher kennt wie kein Zweiter. Was den Horror-Forst, in dem die Geister der Toten der Legende nach spuken und jeden Besucher zum Suizid treiben, allerdings nicht angenehmer macht. Ebenso wenig wie der Hinweis Michis, dass die unheimliche Stimmen, die Sara bald verfolgen, nur Einbildung seien.

Es flüstert und raunt zwischen den Bäumen, Psychoterror allerorten. Während der Suchtrupp tiefer und tiefer in den Suizidwald vordringt, blitzen immer wieder verlassene Zelte und andere menschliche Überbleibsel auf. Dazu die in ihrer Banalität furchterregenden Bänder, mit denen die nicht entschlossenen Selbstmordwilligen im Fall des Falles wieder aus dem Wald zurückfinden wollten. "Blair Witch Project" lässt grüßen. Dass dieser Ort, seine Geschichte und Erscheinung tatsächlich existiert - in einer "Vice"-Doku bereits 2010 eindrücklich dargestellt - hinterlässt beim Zuschauer sehr wohl ein unangenehmes Bauchgefühl.

Doch "The Forest" belässt es nicht dabei, den Wald als unheimliche Entität vorzuführen, die ihre subtile Horror-Atmosphäre vor allem aus dem Wissen um die hier gestorbenen unglücklichen Seelen zieht. Nein, die Geister der Toten belästigen den Zuschauer und die Protagonisten, die sich zu allem Übel auch noch für eine Nacht im Wald entscheiden, in Gestalt mumienhafter Zombies und vermoderter Kleidchen-Mädels ganz direkt.

Auch wenn jene Schock-Effekte tatsächlich gelungen sind, lassen sie das zuvor noch unterschwellig wirkende Kopfhorrorkino doch im Nu verpuffen. Folgt man Saras Suche nach Jess anfangs noch mit wohligem Schaudern, gerät das wirklich überzeugend gespielte Werk gegen Ende bisweilen zum Monsterkabinett-Sammelsurium mit Erschreck-Garantie - die Hardcore-Horrorfans wiederum aber auch nicht befriedigen dürfte. Schade um die in Ansätzen vorhandene und doch vergebene Möglichkeit einer Psycho-Grusel-Studie im Selbstmörderwald ist es allemal.

Quelle: teleschau - der mediendienst