Gänsehaut

Gänsehaut





Monster! Wir brauchen mehr Monster!

Wenn sich Jugendliche nachts mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke verkriechen und in ein Buch abtauchen, wo sie doch eigentlich längst schlafen sollten, dann lesen sie womöglich gerade eine Geschichte von R. L. Stine. Zumindest ist das genau die Lesesituation, für die seine Werke geschaffen scheinen. Der US-Autor schrieb für eine vorwiegend junge Leserschaft Hunderte schaurig-spannende Bücher, von denen sich bis heute etwa 400 Millionen Exemplare verkauften. Besonders beliebt sind seine "Gänsehaut"-Bände - ein ganzer Gruselkosmos mit zahllosen Ungeheuern, von denen einige nun erstmals den Weg auf die Leinwand finden.

"Gänsehaut" heißt das 3D-Kinoabenteuer, genau wie die Buchreihe. Mancher wird sich vielleicht noch an die gleichnamige amerikanische TV-Serie aus den 90-ern erinnern, in der jede Folge eine andere Gruselmär aus Stines üppiger Sammlung herauspickte. Der Film geht nun einen anderen Weg und scheint damit erst einmal gar nichts falsch zu machen: Nicht eine von Stines Geschichten, sondern Stine selbst wird zum Gegenstand der Erzählung.

Es beginnt mit dem jungen Zach (Dylan Minnette), der im Schlepptau seiner Mutter von New York ins beschauliche Madison zieht. Erste Freunde sind mit dem herrlich uncoolen Champ (Ryan Lee) und der süßen Nachbarin Hannah (Odeya Rush) schnell gefunden. Verglichen mit der schillernden Großstadt erscheint das Leben in Madison, Delaware, trotzdem ziemlich öde. Was Zach zunächst aber nicht weiß: Hannahs Vater ist der legendäre Horrorautor R. L. Stine.

Das Drehbuch (Scott Alexander, Larry Karaszewski) und Darsteller Jack Black zeichnen den Schreiberling als durchaus interessante Figur. Stine ist, ohne jeden Bezug zur realen Person, ein unangenehmer und auch etwas unheimlicher Zeitgenosse. Regelrecht ein Ekel, das zurückgezogen lebt und sich nur mal blicken lässt, um skeptisch-paranoid zwischen den Jalousien hindurch aus dem Fenster zu schauen.

Zachs Neugier ist bald geweckt, wie auch die des Zuschauers: Was hat der Mann zu verbergen? Da drüben, auf der anderen Seite des Zauns, muss irgendetwas Aufregendes, Unheilvolles vor sich gehen! In der Tat: Wie sich herausstellt, hält der Autor in seinen Manuskripten all die grausigen Geschöpfe gefangen, die er über die Jahre mit seinen Geschichten erschuf. Nicht auszumalen, was passieren würde, wenn jemand eines der Bücher öffnete und damit Werwolf, Mumie oder den furchteinflößenden Schneemenschen losließe.

Der Eindruck nach einer halben Stunde: Großartig, dieser Film löst genau jenes Versprechen ein, das auch mit jedem "Gänsehaut"-Buch einhergeht - das Versprechen eines Abenteuers, das witzig ist, spannend und ein bisschen gruselig, aber eben nicht zu gruselig. Umso bedauerlicher, wie sich der Rest des Films gestaltet.

Einem letztlich doch arg uninspirierten Plot folgend, und vom hilflosen Regisseur Rob Letterman nicht gezügelt, bricht nach einem unglücklichen Zufall bald eine ganze Monsterhorde aus den Büchern aus. Erst der besagte Schneemensch, dann die gemeinen Zwerge, und bald Slappy, die unheimliche Bauchrednerpuppe, die alle übrigen Ungeheuer befreit und die Stadt damit ins totale Chaos stürzt. Es ist der Moment, in dem "Gänsehaut" komplett kippt und zu einem lieblosen, austauschbaren CGI-Spektakel verkommt.

Zach, Hannah, Champ und der plötzlich doch ganz nette R. L. Stine wollen die Monster wieder einfangen und machen dabei dann eben auch nichts anderes mehr, als einem Ungetüm nach dem anderen hinterherzujagen oder vor ihnen davonzulaufen. Immer mehr, und letztlich viel zu viele dieser fantastischen Bestien erwachen zum Leben, bis schließlich die ganze Stadt von ihnen wimmelt.

Von der typischen "Gänsehaut"-Stimmung, die den Film so vielversprechend beginnen ließ, ist am Ende nichts mehr übrig. Da herrscht nur noch Verwunderung (und ein bisschen Ärger) darüber, wie man zuerst so viel richtig, und dann so viel falsch machen kann. Die Grundidee des Films soll der reale R. L. Stine ausdrücklich für gut befunden haben. Dass er mit dem Ergebnis sonderlich glücklich ist, kann man sich kaum vorstellen.

Quelle: teleschau - der mediendienst