Genija Rykova

Genija Rykova





Bloß keine Klischee-Blondine

Russische Wurzeln, blonde, lange Haare und ein bezauberndes Lächeln: Die perfekte Besetzung also für "das stupide Mäuschen, das hübsch durchs Bild wackelt", erinnert sich Genija Rykova an ihre Anfangszeit als Schauspielerin zurück, in der ihr lediglich seichte Rollen angeboten wurden. Doch die heute 29-Jährige wollte mehr und schaffte schließlich auch den Durchbruch als seriöse Darstellerin im Theater und TV. Am Dienstag, 16. Februar, 20.15 Uhr, ist sie als Sterbenskranke in dem SAT.1-Historiendrama "Die Hebamme II" zu sehen. Im Interview macht sich Rykova Gedanken über die Vor- und Nachteile der Medizin von damals und heute und erklärt, warum deutsches Fernsehen manchmal einfach keinen Spaß macht.

teleschau: Sie spielen die an Schwindsucht leidende Hebamme Luise in die "Hebamme II": Was war das Schwierigste an der Darstellung der Sterbenskranken?

Genija Rykova: Krank auszusehen war nicht schwer - dafür hatten wir sehr gute Maskenbildnerinnen, die einen tollen Job gemacht haben. Aber mir war es wichtig, die Bedrohlichkeit dieser Krankheit möglichst glaubhaft darzustellen. Es sind damals fast alle an dieser Krankheit gestorben, weil die Medizin noch nicht so weit war. Ein bisschen erbärmliches Husten war mir zu wenig. Deshalb haben wir uns entschieden, dass ich mir vorstelle, eine Ertrinkende - die ja ähnlich keine Luft bekommt - in ihrer Todesangst darzustellen. Ich hoffe, es ist mir gelungen.

teleschau: Der medizinische Fortschritt im Metier der Hebammen bringt aber auch geplante Kaiserschnitte sowie Gentests und darauf folgende Abtreibungen mit sich. Geht die moderne Medizin manchmal zu weit?

Rykova: Sie ist Fluch und Segen zugleich! Einerseits müssen wir ja heilfroh sein, dass die Medizin so weit entwickelt ist. Aber einen frühzeitigen, geplanten Kaiserschnitt machen zu lassen, nur weil es gerade in den Terminkalender passt, ist makaber. Wenn man sich entscheidet, schwanger zu werden und ein Leben in die Welt zu setzen, sollte man der Natur, wenn möglich, ihren Lauf lassen. Und auch die Medizin hat ihre Grenzen: Ich habe Bekannte, denen geraten wurde, das Kind abzutreiben, weil es angeblich behindert zur Welt kommen würde. Die Frau hat sich dagegen entschieden und ein kerngesundes Baby bekommen!

teleschau: Wäre Ärztin oder Hebamme eine Berufsalternative für Sie?

Rykova: Nein!

teleschau: Sie sind als kleines Mädchen aus Russland mit Ihren Eltern nach Deutschland gekommen. Ihr Vater arbeitete als Bühnenbildner am Theater in München. Kam daher von Anfang an nur die Schauspielerei für Sie in Frage?

Rykova: Zuerst wollte ich wie mein Vater bildende Künstlerin werden. Er nahm mich oft mit ins Theater, mich faszinierte, wie man als Bühnenbildner eine neue Welt erschaffen kann. Zu Hause stelle er mir eine Staffelei hin, und ich konnte mich kreativ austoben. Später habe ich ein Praktikum in der Tapeziererei der Münchner Kammerspiele gemacht und dabei Schauspieler beobachten können. Dann war irgendwann klar: Ich muss auf die Bühne und nicht dahinter!

teleschau: Konnten Sie diesen Berufswunsch sofort ohne Hindernisse verwirklichen?

Rykova: Meine Eltern haben sich zuerst Sorgen gemacht und gesagt, die Schauspielerei sei eine brotlose Kunst, ich solle doch etwas Vernünftiges machen. Ich habe dann aber trotzdem versucht, auf einer sehr bekannten Schauspielschule in Berlin aufgenommen zu werden - wurde aber abgelehnt. Man sagte mir, dass ich besser in einer Sparkasse aufgehoben sei als in der Schauspielerei.

teleschau: Hat Sie das resignieren lassen?

Rykova: Nein, ich wollte weiterhin Schauspielerin werden. Aber das Gute an dem Spruch war, dass ich dann erst mal mein Abitur nachgemacht habe, was ich eigentlich nicht vorhatte, weil ich glaubte, ich bräuchte das als Schauspielerin nicht.

teleschau: Wie hat es dann noch mit der Schauspielerei geklappt?

Rykova: Erst mal gar nicht. Auch bei der zweiten Schauspielschule wurde ich nicht genommen. Stattdessen riet man mir, ich solle doch zum Beispiel besser als Tanzpädagogin arbeiten. Ich dachte mir dann: "Schön, dass alle zu wissen glauben, welcher Beruf für mich geeignet ist, und mir ungefragt Berufsberatung geben. Dabei weiß ich doch längst, dass ich Schauspielerin werden will." Beim dritten Vorsprechen hat es dann geklappt: Die Theaterakademie August Everding hat mich mit offenen Armen empfangen und mir das Gefühl gegeben, dass ich da hingehöre.

teleschau: Kann man auch manchmal einfach Pech haben und an der subjektiven Meinung von einem Komitee-Mitglied scheitern?

Rykova: Man trifft häufig auf unnötige Arroganz, weil es da draußen viele Menschen gibt, die glauben, begriffen zu haben, wie der Hase läuft. Aber generell sitzen da schon Leute vom Fach: Schauspieler, Sänger, Sprecherzieher, Körpertrainer. Die wissen im Grunde, was sie tun. Aber natürlich sind das auch alles nur Menschen, die letztlich subjektive Entscheidungen treffen.

teleschau: Das ist ja bei der Vergabe einer Schauspielrolle ja auch nicht anders, oder?

Rykova: Stimmt. Man darf das aber nicht persönlich nehmen - sonst wird man frustriert und verbittert! Außer man hat sich schlecht auf das Casting vorbereitet oder sich total daneben benommen - dann sollte man an sich arbeiten.

teleschau: Man hört ja auch manchmal, dass Theaterkritiken nicht nur aufgrund der Leistung der Schauspieler entstehen, sondern auch davon abhängen, ob der Kritiker beispielsweise das Haus oder etwa den Regisseur mag.

Rykova: Ja, das habe ich auch schon ein paar Mal gehört, dass ein Kritiker bestimmte Theater oder Intendanten bevorzugt und andere Häuser dann nur verlieren können. Aber man sollte sich die Kritiken nicht zu Herzen nehmen, sondern sich in erster Linie selbst hinterfragen.

teleschau: Sie standen vor kurzem in München mit "Sing mal was auf Russisch" auf der Bühne - nehmen Sie Ihre Herkunft gerne selbst auf die Schippe?

Rykova: Ich nehme mich generell gerne selbst auf die Schippe, aber auch meine Freunde oder Familie. Man darf sich selbst nicht so ernst nehmen!

teleschau: Bei der Vorstellung singen Sie. Ist das Ihre zweite große Leidenschaft neben dem Schauspiel?

Rykova: Ja, das bewegt mich auf ganz besondere Weise. Deshalb wollte ich gerne diesen Abend machen. Als Kind schenkte mir mein Vater ein Jazz-Album. Während meine Freunde die Backstreet Boys und Britney Spears hörten, habe ich heimlich zu Hause Jazz gehört. Das hat mich fasziniert und entspannt. Mit 20 Jahren begann ich, russische Musik zu hören: Alexander Rozenbaum, Vysotsky, russische Volksmusik, Kriegslieder - die haben mich von den Socken gehauen. Daraufhin wollte ich meine zwei musikalischen Vorlieben verbinden: Russischer Jazz. So entstand "Sing mal was auf Russisch." Es ist ein Herzensabend, bei dem wir gemeinsam essen und trinken, singen und lachen. Der ist auch bei den Kritikern gut angekommen (lacht)!

teleschau: Würden Sie eher das Theater oder das Fernsehgeschäft aufgeben?

Rykova: Oh, das weiß ich nicht. Beim Fernsehen fasziniert mich dieses Gefühl, das nach einem guten Film bleibt. Die Sehnsüchte, die Filme herauskitzeln können. Im Theater bleiben starke Bilder und die besonderen Momente, wenn Publikum und Darsteller sich umarmen, wie zum Beispiel bei "Zement" von Dimiter Gotscheff am Residenztheater. Das ist jedesmal ein schönes, ganz besonderes Gefühl. Ich kann wirklich nicht sagen, was mehr Spaß macht.

teleschau: Glücklicherweise müssen Sie sich ja nicht entscheiden. Aber macht deutsches Fernsehen überhaupt noch Spaß?

Rykova: Es gibt leider immer seltener richtig gute, deutsche Filme. Das liegt vielleicht daran, dass der Mut fehlt immer mehr Budget gestrichen sowie das Publikum für zu blöd gehalten wird.

teleschau: Inwiefern?

Rykova: Dass man jede Szene erklären muss und kein Vertrauen hat in den Intellekt des Zuschauers. Es herrscht Klischeedenken! Da heißt es dann: Es können nicht zwei blonde Frauen im Film mitspielen, weil sonst der Zuschauer nicht weiß, wer wer ist.

teleschau: Fragt man Sie auch für klischeebehaftete Blondinen-Rollen an?

Rykova: Ja, vor allem zu Beginn wurden mir ständig Rollen als stupides Mäuschen angeboten, das einmal hübsch durch den Hintergrund wackelt und höchstens als Affäre von einem Professor durchgeht. Diese Art von Rollen habe ich aber früher immer alle abgelehnt! Ich kam mir dabei zwar undankbar und arrogant vor, aber ich musste mir letztlich selbst treu bleiben.

teleschau: Und jetzt?

Rykova: Jetzt kommen solche Anfragen immer seltener. Mittlerweile spiele ich auch manchmal das blonde Mäuschen. Wenn ich da richtig auf die Kacke hauen darf, dann macht das auch Spaß. Aber Schauspielerin wird man, weil man am liebsten alles auf einmal spielen möchte und nicht, um auf ein Rollenklischee festgelegt zu werden. Das ist ein Vorteil am Theater: Da kann man mithilfe von Kostümen für fast alles besetzt werden.

teleschau: Haben Sie typische, russische Eigenarten?

Rykova: Ich bin auf keinen Fall eine Klischee-Bling-Bling-Russin, die mit Gold und Pelz behangen herumläuft. Aber ich bin gastfreundlich, liebe es, Leute zu bekochen und es zu Hause schön zu machen.

teleschau: Ihr 30. Geburtstag steht im Januar an: Ein Tag wie jeder andere, oder haben Sie diesbezüglich berufliche Ängste oder private Vorsätze?

Rykova: Das ist schon ein besonderer Tag. Eigentlich warte ich seit ich 20 bin darauf, 30 zu werden (lacht).

teleschau: Warum das denn?

Rykova: Je älter, desto entspannter wird man doch auch. Ich versuche, keine Angst zu haben, aber in dem Job bleiben Existenzängste nun mal nicht aus. Ich lasse die Dinge auf mich zukommen und versuche, gelassen zu bleiben!

Quelle: teleschau - der mediendienst