David Bowie

David Bowie





Das ewige Pop-Chamäleon

Die Pop-Musikwelt trauert um eine ihrer größten Ikonen: David Bowie ist tot. Der britische Superstar verstarb übereinstimmenden Medienberichten zufolge am Sonntag in Los Angeles. Bowie erlag den Folgen einer Krebserkrankung, über die er nie öffentlich gesprochen hatte. Noch vor wenigen Tagen hatte der stilprägende Exzentriker mit seinem neuen Album "Blackstar" bei Fans und Kritikern für Begeisterung gesorgt. Das Album war exakt zu seinem 69. Geburtstag am 8. Januar erschienen. "David Bowie ist am 10. Januar in Anwesenheit seiner Familie friedlich verstorben", heißt es seit dem frühen Montagmorgen auf Bowies Facebookseite. Der Musiker habe 18 Monate mit der schweren Erkrankung gekämpft. Sein Sohn twitterte: "Ich bin sehr traurig, es ist wahr. Ich werde für einige Zeit offline sein."

Die Nachricht von Bowies Tod traf die Fans völlig unerwartet. In diesen Tagen wurde schließlich allenthalben das neue Album des Musikers gefeiert, und die Fachwelt rätselte, warum das Werk so düster ausfiel. Bowie selbst lieferte auch diesmal keine Antworten. Offizielle Statements, geschweige denn Interviews: Fehlanzeige. Interpretiert wurde natürlich eifrig. Bowie spielt auf "Blackstar" mit Bildern von Vergänglichkeit, Tod und Wiederauferstehung ("Lazarus"), im Song "Dollar Days" tauchen wiederholt die Zeilen "I am dying too" und "I'm trying too" auf ...

Die Popwelt rätselte schon im Jahr 2012: Wie geht es David Bowie? Neue Fotos waren aufgetaucht, die zeigten, wie die Pop-Ikone in legerer Kleidung durch die Straßen seiner Wahlheimatstadt New York lief. Fans wollten eine Blässe erkannt haben, spekulierten über seinen Gesundheitszustand. Eine gewisse Sorge war vielleicht auch verständlich: Schließlich war es ein Herzinfarkt, der ihn 2003 dazu zwang, seine "Reality"-Tour zu unterbrechen und letztlich alle weiteren Termine abzusagen. In der breiten Wahrnehmung tauchte er in der Folge immer weiter ab. Er erklärte sich nicht und ließ damit Raum für Gerüchte und Halbwahrheiten. Bowie schwieg dazu. Auch über die Gründe und den Zeitpunkt seines Comebacks im März 2013, als Bowie nach zehn Jahren Pause das Album "The Next Day" vorlegte, konnte man nur Vermutungen anstellen. Natürlich, eine Ikone wie Bowie erklärt sich nicht. Nicht in künstlerischer Hinsicht, und schon gar nicht privat.

David Bowie war stets Künstler und Kunstfigur, immer eher Popstar und Projektionsfläche als Person. Die Grenzen zwischen dem Bühnen- und der Privatmenschen waren fließend: Er ging in den Rollen als Glamrock-Alien "Ziggy Stardust" oder als stylischer, von seiner Kokainsucht gezeichneter Gentleman "Thin White Duke" völlig auf. Fast jedes seiner musikalischen Outfits saß wie maßgeschneidert: Bowie begeisterte mit Folk ("Hunky Dory", 1971"), Funk und Soul ("Young Americans", 1974), Experimental- und Krautrock ("Low", 1977) und Hochglanz-Pop ("Let's Dance", 1983). Er spielte in Kinofilmen Außerirdische ("Der Mann, der vom Himmel fiel"), Vampire ("Begierde") und Bösewichte ("Labyrinth"). Und änderte sein Erscheinungsbild oft so schnell wie seine Meinung (über sich selbst): 1987 feierte er seine Karriere mit der überdimensionierten "Glass Spider"-Stadiontournee und einem Best-Of-Set, nur um kurz darauf mit Tin Machine in der Anonymität einer Rockband abtauchen zu wollen.

In diese Phase der Orientierungslosigkeit fällt auch Bowies erste Begegnung mit dem Supermodel Iman. Beide kannten sich bereits seit einiger Zeit, mussten aber erst von einem gemeinsamen Freund zu einem Blind Date überredet werden. Das Happy End folgte in Form ihrer Hochzeit 1992, ein Neuanfang für Bowie - in vielerlei Hinsicht: "Ich habe mein Leben bis zu einem gewissen Grad in den letzten zehn Jahren stabilisiert", sagte er 2003 in einem Interview mit dem "Rolling Stone"-Redakteur Anthony DeCurtis, zu einem Zeitpunkt als seine Tochter Alexandria gerade mal zwei Jahre alt war. "Ich bin sehr entspannt, und ich mag das. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so ein familienorientierter Mensch sein würde."

Bowie schilderte zu dieser Zeit in einigen Gesprächen begeistert das familiäre Idyll: Er sprach übers Windelnwechseln ("Ich habe das ein paarmal gemacht und mochte es nicht"), Kindererziehung ("Ich lese ihr oft laut vor") und über das ungestörte Leben in New York ("Wir können mit unserem Kind hingehen, wo wir wollen, in den Park, U-Bahn fahren, Dinge tun, die jede andere Familie macht"). Er, der in vielen Interviews über die Jahre klar machte, dass er nichts bereue, sprach sogar offen über Fehler. Sein erster Sohn Duncan (aus seiner ersten Ehe mit Angela Barnett, 1970-1980) habe unter seinem Popstar-Dasein gelitten: "Ich war fürchterlich viel unterwegs, als er ein kleines Kind war. Ich vermisste vieles in diesen Jahren - und ich weiß, dass er es auch tat."

Auch wenn Bowie inzwischen nicht mehr selbst darüber sprach: Seine Familie schien in den letzten Jahren oberste Priorität zu besitzen. Ehefrau Iman betonte immer wieder, wie "häuslich" die beiden seien. Sie erzählte auch die Anekdote, dass Bowie sich bei einer Schulaufführung seiner Tochter den anderen anwesenden Eltern mit "David Jones, Vater" vorstellte ...

Bowie habe, so wurde bereits bei seiner spektakulären Rückkehr 2013 von seiner Plattenfirma kolportiert, bereits so oft über sich und seine Musik gesprochen, dass es nichts mehr zu sagen gebe. Ohnehin kannte der Rummel um den Pop-Visionär in den vergangenen zwei Jahren keine Grenzen: Bowie ließ sich für sein gelungenes Comeback-Album "The Next Day" und die Wanderausstellung "David Bowie is" (die zwischen Mai und August 2014 in Berlin zu sehen war) feiern. Er zog erneut Bilanz (das neue Best-of "Nothing Has Changed", 2014) und bediente einmal mehr das Bild vom Außenseiter und Außerirdischen, vom ewigen Chamäleon und junggebliebenen Charmeur. Was die Aufarbeitung seiner Vergangenheit angeht, überließ Bowie nichts dem Zufall. Zudem ließ er sich auch wieder öfter in der Öffentlichkeit sehen, zuletzt bei der Premiere des Musicals "Lazarus" in New York, bei dem er als Co-Autor fungierte.

Natürlich war ein David Bowie seinen Fans, der Musikindustrie, den Medien keine Antworten mehr schuldig - ähnlich wie alle großen Altmeister, wie Bob Dylan, Neil Young oder Mick Jagger. Was ihn jedoch von vielen seiner Zeitgenossen unterschied: Bowie war längst kein Getriebener seiner eigenen Legende mehr. "Es gibt diesen brennenden Ehrgeiz nicht mehr", erklärte er bereits 2002 in einem Interview mit der britischen Tageszeitung "The Observer". "Es gibt Dinge, die ich gerne mache, aber nichts davon ist entscheidend. Ich habe das Gefühl, dass ich die Person werde, die ich immer hätte sein sollen."

Mit David Bowie geht die zweite Musiklegende binnen weniger Tage. Erst am Sonntag wurde in Los Angeles der Motörhead-Frontmann Lemmy Kilmister beerdigt, er starb am 28. Dezember, ebenfalls an den Folgen einer Krebserkrankung.

Quelle: teleschau - der mediendienst