Howard Carpendale

Howard Carpendale





"Einmal Schlagersänger, immer Schlagersänger"

Howard Carpendale wird am 14. Januar 70 Jahre alt - und findet das gar nicht gut. Der ewige Schlagerstar fühlt sich nämlich mindestens zwei Jahrzehnte jünger, ist weiter umtriebig und veröffentlicht nun neben einem Best-Of-Album ("Das Beste von mir", VÖ 8.1.) im März auch ein Buch, in dem er sich zu gesellschaftspolitischen Themen äußert ("Das ist meine Zeit"). Ein Gespräch über schöne und schwere Jahre, eine Sucht nach der Bühne und den Wunsch nach einem Imagewechsel.

teleschau: Howard Carpendale, mit Blick auf Ihren anstehenden 70. Geburtstag: Gibt es ein Wort, das Ihre Gefühle diesbezüglich zusammenfassen könnte?

Howard Carpendale: Ja, gibt es: (lacht) Scheiße!

teleschau: Wieso denn das?

Carpendale: Weil ich mich nicht wie 70 fühle! Ich würde lieber so alt sein, wie ich mich fühle.

teleschau: Nämlich wie alt?

Carpendale: 49.

teleschau: Würden Sie auch gerne noch mal in die Zeit zurückreisen, in der Sie 49 waren?

Carpendale: Ich sage es mal so: Die Welt, in der wir im Moment leben, sah auch schon mal schöner aus. Wobei ich jetzt nicht zu denen gehören möchte, die sagen: Früher war alles besser. Sicher war damals auch vieles schlecht, nur eben nicht so präsent, weil die Medien noch nicht so weit waren wie heute.

teleschau: Erleben Sie Gleichaltrige in Ihrem Umfeld ähnlich unzufrieden mit der Zahl 70?

Carpendale: Ich versuche, mich mit Freunden zu umgeben, die gut drauf sind. Da spielt das Alter keine Rolle. Und manche sind eben so drauf wie ich. Mit den Letztgenannten kann ich noch eine Menge Spaß haben.

teleschau: Sind Sie denn glücklich?

Carpendale: Doch, doch. Ich fühle mich sehr glücklich. Ich weiß, das sagen viele meiner prominenten Kollegen auch, ich lese das ja ständig. Und bei mir ist das definitiv auch Tatsache.

teleschau: Woran machen Sie das fest?

Carpendale: Zum Beispiel an meinem Beruf. Ich habe gelernt, Dinge, die ich nicht brauche, loszulassen. Deshalb ist das, was ich heute mache, auch ausschließlich etwas, was mir Freude bereitet. Ich stehe morgens nicht auf und frage mich, wie ich bloß den Tag rumkriegen soll.

teleschau: Was heißt das?

Carpendale: Mir macht mein Beruf mehr Spaß denn je. Zum Beispiel mit meiner Band vor meinem Publikum ein intensives Konzert zu geben, bereitet mir eine so große Freude, dass ich mich schon jetzt sehr auf die Fortsetzung meiner Tournee mit einigen Zusatzkonzerten im Frühjahr 2016 freue.

teleschau: Sie haben mal gesagt, dass, wenn Sie keine Musik mehr machen würden, Sie sicherlich schnell krank wären.

Carpendale: Es gab ja auch vier, fünf Jahre in meinem Leben, die schon sehr schwer waren. Da hat mir die Bühne schon sehr gefehlt.

teleschau: Wie kamen Sie da wieder raus?

Carpendale: Bis dahin war ich 35 Jahre mit meinem Team zusammen, und ich habe gemerkt, dass ich ein neues Umfeld brauche. Das habe ich geändert, und seitdem ist alles viel besser.

teleschau: Würden Sie sagen, dass Sie - wie viele Ihrer Kollegen es ausdrücken - süchtig nach der Bühne sind? Nach einem Dasein im Mittelpunkt?

Carpendale: Zumindest habe ich bisher ein Leben gelebt, in dem ich nichts anderes kennengelernt habe, als auf der Bühne zu stehen. Ich bin einfach kein Zuschauer - ich muss agieren. Selbst Sport will ich nicht nur gucken, sondern selbst dabei sein. Klar, ich stehe immer im Mittelpunkt - ob das nun in einem kleinen Kreis in Durban ist oder vor 500.000 Zuschauern am Brandenburger Tor. Und ja, es kann zur Sucht werden im Mittelpunkt zu stehen, und sicherlich ist das bei mir auch eine Sucht. Das muss ich zugeben.

teleschau: Ist das in Ihren Augen eine gefährliche Sucht?

Carpendale: Man darf sich und die Situation, im Mittelpunkt zu stehen, einfach nicht zu wichtig nehmen. Dann ist alles gut. Schafft man das allerdings nicht, ist man verloren.

teleschau: Es erscheint im März auch ein Buch von Ihnen: "Das ist meine Zeit". Eine Autobiografie?

Carpendale: Nein. Ich wollte etwas anderes machen und habe mir dafür Yannick Noah, den ehemaligen französischen Tennisstar, als Vorbild genommen. Er hat sich 20 Themen ausgesucht und darüber geschrieben. Das habe ich auch getan.

teleschau: Welche Themen waren Ihnen wichtig?

Carpendale: Zum Beispiel der Umgang mit Homosexualität in unserer Gesellschaft, mit Sterbehilfe, mit Flüchtlingen. Darüber wollte ich unbedingt schreiben. Mir ist es nicht wichtig, ob sich das Buch 50.000- oder 500.000-mal verkauft. Mir ist wichtig, dass es die Leute ein wenig überrascht.

teleschau: Was könnte also überraschen?

Carpendale: Es gibt ein Vorwort von meinem Co-Autoren Stefan Alberti, in dem er erklärt, er hätte etwas komplett anderes von mir erwartet. Er habe ein Bild von Howard Carpendale gehabt, das sich in der Arbeitszeit am Buch vollkommen verändert hätte.

teleschau: Welches Bild war es am Anfang und welches am Ende?

Carpendale: In Deutschland ist es ja so: Wenn die Leute einen einmal abgestempelt haben, bleibt das meistens für immer. Das gilt auch für Schlagersänger: einmal Schlagersänger, immer Schlagersänger. Ein Imagewechsel ist unheimlich schwer. Aber ich glaube, über die Jahre habe ich es geschafft. Ich glaube, das hat er auch bemerkt.

teleschau: Dabei hatte man nie das Gefühl, Sie wären nicht gerne ein typischer Schlagersänger gewesen.

Carpendale: Ich war wirklich immer ein bisschen anders! Ein Beispiel: Lieder wie "Ti Amo" und "Nachts wenn alles schläft" waren schon in den 80er-Jahren etwas moderner als der Rest des Genres. Thomas Anders hat neulich mal gesagt: "Howard Carpendale war uns immer fünf Sekunden voraus." Das stimmt! Ich habe es zudem geschafft, mich in 50 Jahren - ähnlich wie die Kollegen Udo Jürgens und Peter Maffay - ständig zu verändern. Ich würde das, was ich heute mache, nicht mehr Schlager nennen.

teleschau: Wie würden Sie es nennen?

Carpendale: Ich mache Musik mit Tiefgang. Meine Texte sind erwachsen, meine Arrangements poppiger. Sie sind komplex. Ich würde sagen: Ich mache gute Popmusik. Im Übrigen finde ich, dass sich zuletzt - vor allem durch die Fernsehsendung "Sing meinen Song" - Musik in Deutschland und deren Wahrnehmung allgemein verändert hat.

teleschau: Würden Sie dort vielleicht gerne mal mitmachen?

Carpendale: Ich habe mit Xavier Naidoo erst kürzlich gesprochen. Mal gucken, ob es irgendwann mal passt.

Quelle: teleschau - der mediendienst