Nadja Uhl

Nadja Uhl





Das Unfassbare begreifen

2014, so eine von BKA-Chef Holger Münch vorgetragene Statistik, wurden in Deutschland durchschnittlich zwei Kinder pro Tag Opfer von Tötungsdelikten. 13.374 Fälle "vollendeten sexuellen Missbrauchs" von unter 14-Jährigen kamen zur Anzeige. Bei den unter Sechsjährigen waren es 1.671. Experten gehen davon aus, dass das wahre Ausmaß der Gewalttaten gegen Kinder fünf- bis 20-mal höher liegt. Angesichts dieser Zahlen ist es wichtig, dass der vielfach preisgekrönte ARD-Thriller "Operation Zucker" nun eine Fortsetzung erhält.

In "Operation Zucker. Jagdgesellschaft" (Mittwoch, 20. Januar, 20.15 Uhr, ARD) spielt Nadja Uhl ein zweites Mal eine Berliner LKA-Beamtin, die sich der bestens organisierten Zwangsprostitution von Kindern entgegenstellt. Dabei ist sie nur in bescheidenem Maße erfolgreich. Ein fiktionales Fazit, das wohl leider gesellschaftliche Realität abbildet.

Das Ende des Films "Operation Zucker", der am Dienstag, 19. Januar, um 22.45 Uhr, im Ersten wiederholt wird, also am Vorabend der Premiere zweiten Teils, musste bei seiner Erstausstrahlung 2013 geändert werden. Im Original, das zur Erstaustrahlung nur als Wiederholung am späten Abend, in der Mediathek und nun noch einmal einen Tag vor der Premiere des zweiten Teils gezeigt wird, sitzt Nadja Uhl als Kommissarin am Ende verzweifelt vor den Scherben ihrer Ermittlungen. Sie konnte die Kinder nicht retten, die organisierte Kriminalität aus Menschenhändlern und Kindesmissbrauchern darf weitermachen. Dies war laut FSK damals zu viel für die Primetime. Dennoch wollten 6,3 Millionen Zuschauer die immer noch drastische "entschärfte" Version des sperrigen Films sehen. Ein großer Erfolg! Später gab es für den Film Trophäen wie den "Deutschen Fernsehpreis" und den "Bayerischen Fernsehpreis" für Nadja Uhl als "Beste Hauptdarstellerin".

Die Ausgezeichnete, selbst Mutter zweier Töchter im Alter von sechs und neun Jahren, ist es keinesfalls leicht gefallen, zu diesem Stoff zurückzukehren. Es hätte sicher andere Angebote gegeben. Nadja Uhl ist bestens im Geschäft. Dennoch wollte die 43-Jährige noch einmal den Finger in die Wunde legen. Auch weil es der ohnehin gesellschaftlich engagierten Schauspielerin ein Anliegen ist, das Thema weiterhin in der Öffentlichkeit zu halten.

Bei der Vorstellung des zweiten Teils von "Operation Zucker" in Hamburg sagte sie: "Die Rechtsprechung ist nicht so, dass ein Signal gesendet wird, diese Gewalt gesellschaftlich ausreichend zu ächten." Konkret spricht die Schauspielerin Forderungen aus Kreisen der Kriminalpolizei an, man müsse das Strafmaß aller gegen Kinder gerichteten Vorsatzstraftaten auf ein Jahr erhöhen, damit es juristisch als Verbrechen eingestuft werden könne.

Laut Recherchen von Journalisten, Drehbuchautoren und Kinderschutz-Experten gilt organisierter Kindesmissbrauch als "Edeltäterszene". Menschen, die sich Kinder mieten oder kaufen, um sie zu erniedrigen und zu quälen, scheinen deutlich besser situiert als der Durchschnitt der deutschen Bevölkerung. Sind es im ersten Film Richter und Politiker, die den Ankauf osteuropäischer Kindern aus bettelarmen Familien "nutzen", spielt Teil zwei mitten in der gutbürgerlichen Gesellschafts Potsdams. Ein wohlhabender Bauunternehmer hält zwei Mädchen in seinem Bungalow - getarnt als eigene Töchter -, um sie von hier aus an enthemmte Sadisten zu vermieten. Ein ekelhaftes Szenario, von dem die Macher des Films abermals versichern, die Realität sähe noch viel schlimmer aus.

"Es gibt diesen Reflex", sagt Nadja Uhl, "man will damit nichts zu tun haben. Und ich verstehe das auch. Ich reiße mich auch nicht darum, ständig einen Film zu diesem Thema zu machen. Trotzdem ist das von uns allen so eine Entscheidung: Komm, wir gehen da noch mal ran." Dass man beim Betrachten sowohl des ersten wie auch des zweiten "Operation Zucker"-Teils immer wieder in den Reflex verfällt, das geschilderte Szenario als verschwörungstheoretisch wahrzunehmen, ist ein Grund dafür, dass es die Täter so leicht haben, sagen die Macher des Films. Die realen Entsprechungen der fiktional geschilderten Grausamkeiten ließe ein gesunder Geist nicht an sich heran, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Es wäre wie ein psychologischer Reflex, sagt auch Nadja Uhl, die noch einmal betont, dass es in Operation Zucker nicht um Pädophile geht, sondern um Kindesmissbrauchstäter. Viele von ihnen sind laut Expertenmeinung noch nicht einmal sexuell an Kindern interessiert. Ihr Trieb bezieht sich lediglich auf die Erniedrigung und das psychische wie physische Quälen eben jener Gruppe. Es geht um Macht und Dominanzverhalten. Oft sind die Täter Menschen, die schon alles ausprobiert haben und nun eben mal ein Kind wollen, sagt eine Expertin in der Runde.

Ob "Operation Zucker" als Krimireihe der besonders perfiden Art fortgesetzt werden soll, keine der Macher - darunter Produzentin Gabriela Sperl, die Regisseurin Sherry Hormann und das Drehbuchgespann Ina Jung und Friedrich Ani - ist sich sicher, dass es einen dritten Film mit Nadja Uhl als Ermittlerin Karin Wegemann geben wird. Ausschließen will es jedoch auch keiner der Beteiligten. "Ich weiß noch nicht, und wir alle wissen es nicht, ob es weitergeht", sagt auch die Hauptdarstellerin. Es steht zu befürchten, dass uns die guten Gründe, das Thema weiterhin fiktional an ein großes Publikum heranzutragen, leider erhalten bleiben.

Quelle: teleschau - der mediendienst